Untersuchung in Bremen Erneut Drogen in Kinderhaaren entdeckt

Bremen. Auch bei einer zweiten großen Untersuchung sind in Haaren von Bremer Kindern Drogen gefunden worden. Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) hat das Ergebnis am Donnerstag vorgestellt. Kommende Woche soll es in der Deputation besprochen werden.
08.09.2011, 15:11
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Erneut Drogen in Kinderhaaren entdeckt
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Auch bei einer zweiten großen Untersuchungswelle sind in Haaren von Bremer Kindern Drogen gefunden worden. Darüber informierte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) am Donnerstag die Fachpolitiker in einem Zwischenbericht, der in der kommenden Woche in der Deputation besprochen werden soll.

Demzufolge wurden bei der inzwischen zweiten großen Untersuchungswelle Haarproben von 30 Kindern analsysiert, deren Eltern Methadon einnehmen, damit sie vom Heroin loskommen, oder die von so genannten leichten Drogen, wie etwa Cannabis abhängig sind. In erster Linie wurden diesmal Kinder zwischen vier und sieben Jahren getestet – mit einigen Abweichungen, da Geschwisterkinder ebenfalls untersucht wurden. Das älteste getestete Kind war laut Sozialbehörde 12 Jahre alt.

Laut Senatorin waren neun der Proben völlig drogenfrei, in den übrigen 21 Proben wurden Drogen gefunden - bei 15 von ihnen allerdings so geringem Maße, dass nicht nachzuweisen ist, wie die Kinder mit ihnen in Berührung gekommen sind. In sechs Fällen stellten die Wissenschaftler an der Berliner Charité eine relativ hohe Konzentration mehrerer Drogenarten fest, in drei Fällen fanden sie sogar Hinweise darauf, dass die Drogen vom Körper aufgenommen worden sind.

Ob die Kinder selbst die Drogen aufgenommen haben oder sie ihnen gar verabreicht wurden, sagen die Analyseergebnisse laut Stahmann allerdings nicht. Eine solche Messung von Kokain in der Probe könne beispielsweise auch dadurch entstehen, dass diese Droge in Gegenwart der Kinder geraucht werde und diese sie einatmen. Und auch das müsse nicht durch die Eltern geschehen sein, sondern sei erst einmal ein sicheres Indiz dafür, dass diese sich zumindest noch nicht aus der Szene gelöst hätten, erklärte Staatsrat Horst Frehe. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Abbauprodukte durch den Schweiß der Eltern aufgenommen wurden.

Die jetzige Untersuchungswelle ist der zweite Teil einer systematischen Überprüfung betroffener Kinder. In einer ersten größeren Analyse waren die Haare von 28 Kindern im Alter von einem und elf Jahren untersucht worden. Das Ergebnis im Mai ergab, dass fünf Proben völlig drogenfrei waren. 23 Proben waren belastet, sieben davon schwer. In einem nächsten Schritt sollen nun Kinder zwischen sieben und zehn Jahren untersucht werden.

Insgesamt hat die Sozialbehörde nun 64 Kinderhaarproben analysiert. In 13 Fällen wurden die Kinder laut Behörde aus den Familien genommen, in 30 weiteren Fällen wurden sofort unterstützende Maßnahmen in den Familien eingeleitet worden.

Anja Stahmann bezeichnete die Ergebnisse als besorgniserregend. „Drogen gehören nicht in Kinderkörper“, sagte sie und betonte zugleich, dass die Proben auch gezeigt hätten, dass man nicht alle entsprechenden Eltern unter Generalverdacht stellen dürfe. Die Haaranalyse habe sich daher als ein gutes Mittel herausgestellt, um auf die Familien aufmerksam werden und entsprechende Schritte einleiten zu können. Generell alle Kinder mit wie auch immer geartetem positiven Befund aus den Familien zu nehmen, lehnte die Senatorin jedoch ab. Man müsse jeden Einzelfall prüfen. Eine Inobhutnahme sei immer der letzte Schritt. Doch stehe fest: „Das Kindswohl geht über das Elternwohl.“

Das Sozialressort prüft nun auch, wie zukünftig mit den Tests umgegangen werden soll. In der Diskussion stehen regelmäßige Reihenuntersuchungen oder anlassbezogene Überprüfungen.

Die stellvertretende Vorsitzende der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Rita Mohr-Lüllmann, übte scharfe Kritik am Sozialressort: „Einmal mehr werden wir mit erschütternden Ergebnissen konfrontiert. Ganz gleich wie die Drogen in die Körper gelangt sind: Die betroffenen Kinder sind im Drogenmilieu größter Gefahr ausgesetzt und haben dort schlicht und ergreifend nichts zu suchen. Ich mache mir um die Gesundheit der betroffenen Jungen und Mädchen große Sorgen“, so Mohr-Lüllmann. Sie erklärt die Drogenpolitik von Rot-Grün für gescheitert: „Die Ergebnisse der neuen Haaranalysen belegen, dass sich der Senat fürchterlich geirrt hat. Wir haben es eben nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern mit einem umfangreichen Drogenmissbrauch an Kindern." Trotz vieler Worte sei ein Wechsel zu einer besseren Drogenpolitik jedoch nicht erkennbar: "Das gesamte Drogenhilfesystem gehört auf den Prüfstand."

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