Religiöser Alltag in der JVA Oslebshausen Erst das Gebet, dann die Kekse

Zweimal in der Woche kommt Bilal Güney in die Oslebshauser Justizvollzugsanstalt in Bremen. Jeden Freitag betet der Seelsorger dort mit muslimischen Gefangenen.
27.07.2017, 09:49
Lesedauer: 3 Min
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Erst das Gebet, dann die Kekse
Von Milan Jaeger

Es ist keine gewöhnliche Predigt, die Bilal Güney heute hält. Er steht auf keiner Kanzel. So würde es sich gehören – für eine muslimische Predigt eines muslimischen Predigers. Güney muss Abstriche machen, er predigt im Gefängnis. Also steigt der Seelsorger in einem zum Gebetsraum umfunktionierten Besprechungsraum auf einen Stuhl und breitet seine Hände vor sich aus, als ob er ein unsichtbares Buch hielte.

Güney trägt einen marineblauen Anzug, darunter ein himmelblaues Hemd. Auf dem Kopf ruht ein weißes Käppchen, ein schwerer Silberring umfasst seinen rechten Ringfinger. Einer der Häftlinge übernimmt den einleitenden Gebetsruf: „Gott ist groß. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott.“ Weitere Formeln folgen.

Zweimal in der Woche kommt Güney in die Oslebshauser Justizvollzugsanstalt. Jeden Freitag betet der Seelsorger dort mit muslimischen Gefangenen. Teilnehmen können alle, auch Nicht-Muslime. Heute ist ein Deutscher, nennen wir ihn Felix*, unter den Betenden. Obwohl er regelmäßig komme, wie Güney sagt, ist er eine Rarität. Das mag auch daran liegen, dass die christliche Seelsorge bereits lange fester Bestandteil des Gefängnisalltags ist. Eine Kirche ist in den mehr als 100 Jahre alten Teil des Gefängnisbaus integriert. Felix sagt, dass er häufig die christlichen Seelsorger aufsuche. Hauptsächlich gehe es ihm dabei um Ablenkung.

Organisation durch islamische Dachverbände

Güneys Angebot, das nicht nur, aber auch auf Ablenkung ausgerichtet ist, wird von den islamischen Dachverbänden Schura und Islamische Föderation Bremen organisiert. Der Seelsorger ist Mitglied des Vorstands der Islamischen Föderation und war einige Jahre Imam einer Moschee in Achim. Ab und zu predigt er in der Fatih-Moschee in Gröpelingen. In der JVA bedient er eine spezielle Nachfrage.

Immer wieder gibt es Meldungen von islamistischen Extremisten, die angeben, in deutschen Gefängnissen indoktriniert worden zu sein. Auch der Bremer Harry S., dem die Bundesanwaltschaft die Beteiligung an sechs Morden der Terrorgruppe Daesch vorwirft, stellte seinen Werdegang vor Gericht so dar. Er beschrieb, dass er sich erst durch den Kontakt zu dem Salafisten René Marc S., den er in dem Bremer Gefängnis kennengelernt hatte, radikalisiert habe.

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Rund 100 der mehr als 600 Häftlinge in Oslebshausen sind Moslems. Daher war die Gefängnisleitung schon länger auf der Suche nach einem muslimischen Seelsorger, als sich die Schura vor etwa drei Jahren bereit erklärte, diese Arbeit zu übernehmen. Aus der Sicht des JVA-Leiters Carsten Bauer ist die Schura der ideale Partner für dieses Vorhaben. Denn: „Was konkret gepredigt wird, können wir nur sehr begrenzt überprüfen.“

Von daher sei Vertrauen die wichtigste Voraussetzung, und der Schura und Güney vertraue er, sagt Bauer. Schließlich habe die Schura mit dem Land Bremen einen Staatsvertrag geschlossen. Wie jeden regelmäßigen Besucher der JVA hätten die Sicherheitsbehörden Güney zur Sicherheit überprüft, bevor er mit der Seelsorge begann. Wichtig ist dem Gefängnisleiter vor allem: „Man darf die Deutungshoheit nicht den Extremisten überlassen.“

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Heute predigt Güney, alle Menschen seien gleich. Seine Worte liest er dabei von einem kleinen Zettel ab. „Man darf niemanden als minderwertig betrachten oder überhaupt nach seinem Äußeren oder seiner Gruppenzugehörigkeit beurteilen“, spricht er vom Stuhl herab. Die elf Häftlinge knien auf ihren Gebetsteppichen. Einer gähnt laut.

"Der Glaube vereint uns"

Dann erzählt Güney noch eine Geschichte, die, wie er meint, gut zu der zusammengewürfelten Gemeinschaft passe. Einmal habe ein Bekannter von ihm wissen wollen, was er denn nun sei. „Mein Vater ist Kurde, meine Mutter Türkin.“ Kurde oder Türke, da müsse er sich schon entscheiden, forderte der Mann. Güney habe geantwortet, dass er gar nicht wisse, was er sei, schließlich habe er auch arabische Wurzeln. „Das ist wie mit uns hier“, wendet er sich an die Häftlinge. „Ihr kommt aus der Türkei, dem Libanon, Palästina, dem Irak, Kosovo, Deutschland und Tschetschenien. Aber der Glaube vereint uns, es gibt keine Unterschiede zwischen uns, ganz egal wo einer herkommt.“

Als die Konzentration in der Gruppe nachlässt, bittet Güney die Männer an einen runden Tisch. Bevor es wieder in die Zellen geht, gibt es noch Kekse und Knabberkram.

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* Zum Schutz einiger Häftlinge haben wir auf Details verzichtet, anhand derer sie zu erkennen wären.

Der WESER-KURIER verwendet den Begriff „Islamischer Staat“ nicht, weil diese Terrorgruppe weder religiös motiviert noch ein Staat ist. Wir sprechen wie ihre Gegner von Daesch.
„Man darf die Deutungshoheit nicht den Extremisten überlassen.“ Carsten Bauer, Leiter der JVA
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