Todesursachen auf der Spur

Erste Bilanz der qualifizierten Leichenschau

Bremen hat als einziges und erstes Bundesland vor einem Jahr die qualifizierte Leichenschau eingeführt. Jeder Verstorbene wird von Rechtsmedizinern äußerlich untersucht. Eine erste Bilanz.
31.07.2018, 19:15
Lesedauer: 4 Min
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Erste Bilanz der qualifizierten Leichenschau
Von Sabine Doll
Erste Bilanz der qualifizierten Leichenschau

Olaf Cordes leitet das Institut für Rechtsmedizin auf dem Gelände des Klinikum Bremen-Mitte. Seit einem Jahr untersuchen er und seine Mitarbeiter jeden Verstorbenen mit einer äußeren Leichenschau.

Christina Kuhaupt

Ist der Tod des älteren Menschen tatsächlich die Folge eines Herzversagens? Oder könnten die blauen Flecken am Körper des Verstorbenen auch auf einen Sturz hindeuten? Handelt es sich möglicherweise sogar um ein Tötungsdelikt? Vor genau einem Jahr hat Bremen als erstes und auch bislang einziges Bundesland die sogenannte qualifizierte Leichenschau eingeführt. Seitdem muss jeder Tote zusätzlich von einem Rechtsmediziner oder einem dafür weitergebildeten Klinikarzt äußerlich untersucht werden – um unklare Todesfälle und auch Tötungsdelikte besser aufklären zu können. Erst danach darf der Totenschein ausgestellt und der Verstorbene für die Bestattung freigegeben werden.

Seit dem 1. August 2017 wurden nach Angaben des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno), zu dem das Institut für Rechtsmedizin in Bremen gehört, mit Stand vom 31. Juli 7151 Tote bei einer qualifizierten Leichenschau untersucht. "Diese Zahl dürfte aber noch etwas höher sein, da die Leichenschauen der vergangenen Tage darin noch nicht erfasst sind", sagt Geno-Sprecher Timo Sczuplinski auf Nachfrage des WESER-KURIER. Ein zunächst unentdecktes Kapitalverbrechen wie Mord war nach Auskunft der Gesundheitsbehörde, unter deren Regie die Gesetzesänderung erfolgte, noch nicht darunter.

Jährlich 1200 unentdeckte Tötungen

Wissenschaftler aus Münster hatten vor mehreren Jahren eine Studie mit folgendem Ergebnis veröffentlicht: Jedes Jahr blieben in Deutschland mindestens 1200 Tötungen unentdeckt. Zudem würden über 10.000 Todesfälle mit nicht natürlichen Ursachen übersehen – dazu gehören etwa Unfälle oder Suizide. Die Größenordnung, die die Wissenschaftler nannten, wird von Fachleuten kritisch diskutiert. Rechtsmediziner fordern aber seit Jahren bundesweit, dass das Verfahren der Leichenschau reformiert wird. Das ist Sache der Bundesländer, Bremen hat im vergangenen Jahr als erstes Land damit ernst gemacht und das "Gesetz über das Leichenwesen" entsprechend geändert. 2014 hatte sich das kleinste Bundesland auf die Einführung verständigt. Laut Gesundheitsbehörde hat die Stadt Frankfurt am Main mittlerweile ebenfalls eine qualitative Leichenschau eingeführt.

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In anderen Bundesländern ist das Verfahren nach dem Tod eines Menschen so geregelt: Jeder Mediziner, egal welcher Fachrichtung, kann den Tod eines Menschen feststellen, die sogenannte äußere Leichenschau vornehmen und beurteilen, ob es sich um eine natürliche oder nicht natürliche Todesursache handelt. Nur bei Auffälligkeiten werden Rechtsmediziner hinzugezogen. Auch in Bremen kann beispielsweise auch der Hausarzt den Tod feststellen – die zusätzliche äußere Leichenschau durch einen Rechtsmediziner ist aber per Gesetz vorgeschrieben.

"Allerdings hatten wir auch vorher schon weitergehende Regelungen als etwa andere Länder", sagt der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin, Olaf Cordes. So wurde unter anderem jeder Verstorbene vor einer Einäscherung von einem Rechtsmediziner auf diese Weise untersucht. Cordes: "Die Einäscherungsquote liegt in Bremen bei über 80 Prozent."

Rechtsmediziner im Einsatz

Von sieben Rechtsmedizinern des Instituts sind laut Geno-Sprecher täglich zwei Ärzte in Sachen qualifizierter Leichenschau in Bremen bei Bestattern und in Krankenhäusern unterwegs. Bei den Leichenschauen geht es nicht nur um das Aufdecken möglicher Tötungsdelikte, sondern auch um die Klärung, ob es sich etwa um einen Unfall oder eine andere Todesursache handelt, als die vom todesfeststellenden Arzt.

"Die Qualität der Leichenschau wurde verbessert. Patienten und Angehörige von Verstorbenen erhalten mehr Sicherheit", betont Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD). Das neue Verfahren verfolge zudem ein weiteres Ziel: "Gleichzeitig verbessert sich die Datenbasis über Krankheiten und ihre Verläufe – Erkenntnisse, die wiederum den Patienten zugutekommen", so Quante-Brandt. Im Herbst nächsten Jahres will die Behörde der Senatorin erste Ergebnisse zur Effektivität, zu Kosten und Organisation der qualifizierten Leichenschau vorlegen. Kurz: Ob die zusätzliche äußere Untersuchung das bringt, was man sich erhofft hat.

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Knapp einen Monat nach Inkrafttreten der qualifizierten Leichenschau gab es im vergangenen Jahr einige Anlaufschwierigkeiten: Bestatter und Angehörige kritisierten, dass es teilweise mehrere Tage dauerte, bis Verstorbene von einem Rechtsmediziner untersucht und schließlich für die Bestattung freigegeben werden konnten. Der Vorsitzende des Bremer Bestatterverbands, Christian Stubbe, hatte damals dem WESER-KURIER berichtet: "Es kann bis zu drei Tage dauern, bis wir Verstorbene aus den Kliniken überführen können." Vor allem gegen Ende der Woche und übers Wochenende soll es zu solchen längeren Verzögerungen gekommen sein.

Das Problem: Die Rechtsmediziner müssen oft lange Wege quer durch Bremen zurücklegen. Etwa die Hälfte der Verstorbenen befinde sich in den Kliniken, teilte Cordes damals mit. Als weiteres Problem stellte sich damals heraus, dass Abteilungen in den Kliniken sowie Bestattungsinstitute teilweise ab 15 oder 16 Uhr geschlossen waren. Für einen Freitagnachmittag bedeutete dies, dass die Leichenschau – sofern sie direkt in den Kliniken oder Bestattungsunternehmen vorgenommen wird – erst nach einem Wochenende möglich war.

Diese Anlaufschwierigkeiten sind laut Cordes überwunden: "Der Ablauf mit allen Beteiligten hat sich in den meisten Fällen sehr gut eingespielt. In der Regel schaffen wir es, die qualifizierte Leichenschau am nächsten Werktag vorzunehmen."

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