Standesamt Bremen-Mitte

Erste Ehe für alle in Bremen

Einen Tag nach dem Start der Ehe für alle ist auch in Bremen die erste gleichgeschlechtliche Ehe geschlossen worden. Heike Menzel und Rebekka Göhler haben am Montag im Standesamt Mitte „Ja“ gesagt.
02.10.2017, 19:28
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Erste Ehe für alle in Bremen
Von Kristin Hermann
Erste Ehe für alle in Bremen

Heike Menzel und Rebekka Göhler sind das erste Bremer Paar, das die Ehe für alle in Anspruch nimmt.

Christina Kuhaupt

Eigentlich hatten sich Heike Menzel und Rebekka Göhler vorgenommen, diesen Tag nur als einen kleinen Verwaltungsakt zu sehen. Als sie am Montagmittag um 14.45 Uhr dann aber die Unterschrift unter ihre Eheurkunde setzen, wird es doch ein bisschen emotional. „Es ist etwas ganz Besonderes“, sagt Heike Menzel. Denn: Was für die beiden Frauen schon vor gut zwei Wochen bei ihrer eigentlichen Hochzeit in Fischerhude klar war, ist jetzt auch amtlich. Menzel und Göhler sind in Bremen das erste Paar, das seine eingetragene Partnerschaft zur Ehe hat umwandeln lassen.

Schwul, lesbisch, Homo-Ehe, Verpartnerung – all das sind Begriffe, die die beiden Frauen seit jeher ablehnen. „Diese Wörter haben wir uns selbst nicht ausgesucht. Ich liebe eine Frau, ganz einfach“, sagt Rebekka Göhler. Und dazu gehört für sie auch, dass sie die Frau, die sie geheiratet hat, ganz offiziell ihre Ehefrau nennen darf, und eben nicht nur Lebenspartnerin. „Ich habe das während der eigentlichen Trauung im September schon als Diskriminierung empfunden“, sagt sie. Dass sie und ihre Frau die ersten in Bremen sind, die von der Ehe für alle Gebrauch machen, war Menzel und Göhler kurz vor ihrer Trauung noch gar nicht bewusst. „Das war uns auch nicht wichtig. Wir wollten es aber so schnell wie möglich nach dem Eintreten des Gesetzes machen“, sagt Menzel.

In Bremen war Montag dafür der erste Tag. Andere Städte hatten bereits am Sonntag die Standesämter geöffnet, doch hier sei die Nachfrage dafür nicht vorhanden gewesen, sagt Petra Konzok, Leiterin im Standesamt Mitte. 36 Anträge auf Umwandlung gibt es im Standesamt Mitte bisher, die meisten davon finden bereits im Oktober statt. Zu einer neuen Eheschließung gibt es bisher drei Anmeldungen von gleichgeschlechtlichen Paaren. Insgesamt sind in ganz Bremen etwa 900 Partnerschaften eingetragen. Im Standesamt freue man sich über die Gesetzesänderung. „Wir sind froh, dass die Verfahren nun alle gleich sind und auch klarer für die Mitarbeiter“, sagt Konzok. Die Umwandlung von der eingetragenen Partnerschaft zur Ehe kostet die Paare kein Geld. Sie können zwischen einer erneuten Zeremonie oder einem Verwaltungsakt am Schreibtisch wählen.

Heike Menzel und Rebekka Göhler wollen nicht noch eine Zeremonie, die hatten sie bereits bei ihrer eigentlichen Trauung am 15. September. Ein Ja-Wort und einen Kuss am Ende gibt es aber auch an diesem Tag. Als sie vor einem knappen Jahr ihre Hochzeit planten, war den beiden Frauen noch nicht klar, dass es in so naher Zukunft wirklich eine Gesetzesänderung geben wird. „Für mich bedeutet die Ehe für alle ganz viel. Ich habe 1978 eine Gruppe für lesbische Frauen gegründet und wir haben uns bereits damals gegen Zwänge eingesetzt“, erzählt Heike Menzel. Mit der Ehe für alle ändert sich neben dem offiziellen Status auch das Adoptionsrecht. Gleichgeschlechtliche Ehepaare dürfen nun gemeinsam ein Kind adoptieren. Ob das für die beiden Bremerinnen noch in Frage kommt, wird die Zeit zeigen, sagen sie.

Beide haben sich bereits sehr früh zu ihrer sexuellen Orientierung bekannt – auch wenn das nicht immer einfach gewesen sei. Rebekka Göhler ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen, ihr Vater war Pastor, die Mutter Lehrerin. „Zum Coming-Out gehörte damals viel Mut“, sagt die 50-Jährige. Solche Erinnerungen kennt auch ihre Frau, wenn sie sich an die Zeit zurückdenkt, in der sie merkte, dass sie sich von Frauen angezogen fühlt. „Ich bin mit 15 Jahren zu einer Beratungsstelle gegangen. Dort hat mir die Psychologin geraten, ich solle doch lieber erst einmal mit einem Mann schlafen“, erinnert sie sich. Und auch heute merken die beiden Frauen noch immer, dass sie gelegentlich mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Etwa, wenn mal wieder jemand danach fragt, wer in ihrer Beziehung der Mann ist oder wer die Hosen anhat. „Früher wäre ich bei solchen Fragen an die Decke gegangen, heute versuche ich es mit Humor zu nehmen“, sagt Heike Menzel.

Auch in ihrem Arbeitsumfeld stößt das Paar gelegentlich auf Hürden. Beide arbeiten im sozialen Bereich mit Kindern und Jugendlichen. „Ich bin manchmal immer noch fassungslos, wie traditionell und auch benachteiligt sich Mädchen immer noch geben“, sagt Heike Menzel. Auch ihre Ehefrau hat den Eindruck, dass sich zwar bereits viel in der Gesellschaft getan hat, jedoch auch immer mehr Menschen wieder offen äußern, dass sie wenig von gleichgeschlechtlichen Paaren halten.

Ihr direktes Umfeld hätte den erneuten Schritt zum Standesamt jedoch durchweg begrüßt. Schließlich waren es auch Freunde der beiden Frauen, die sie miteinander verkuppelt haben. Vor knapp sechs Jahren hat ein befreundetes Pärchen die beiden einander vorgestellt. Und es hat eine Weile gedauert, bis es wirklich zwischen den Frischverheirateten gefunkt hat. Der Grund dafür: Beide waren skeptisch, ob die ähnlichen Berufe nicht ein Ausschlusskriterium sein könnten. „Wir hatten die Befürchtung, jeder Abend könnte in einer Fallbesprechung enden“, sagt Menzel und lacht. Doch dem war nicht so. Schnell stellten die beiden fest, dass sie viel mehr miteinander teilen können, als ihren Beruf.

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