Nach sieben Jahren Planung und Bau

Erste Geschäfte im City-Gate eröffnen am Freitag

Im City-Gate vor dem Bremer Hauptbahnhof nehmen nach sieben Jahren Planung und Bau an diesem Freitag die ersten Geschäfte ihren Betrieb auf.
29.03.2019, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Erste Geschäfte im City-Gate eröffnen am Freitag
Von Jürgen Hinrichs
Erste Geschäfte im City-Gate eröffnen am Freitag

Für den Investor, die Hamburger Achim-Griese-Treuhandgesellschaft, ist dieser Freitag noch nicht der Endpunkt, aber natürlich einigermaßen denkwürdig.

Hektik? Das nicht. Aber wie es eben ist, wenn etwas kurz vor der Vollendung steht: Der Fokus geschärft, Anspannung pur, und nur ja nichts vergessen. Beim Groß-Drogisten DM steht ein Trupp von Frauen und Männern vor dem Haupteingang und berät die nächsten Schritte. Wer bei der Eröffnung und an den Tagen danach welche Aufgaben übernimmt, wie lange sie dafür in Bremen bleiben müssen, um den Laden in Schwung zu bringen und ob eventuell Verstärkung nachgeordert werden muss.

Die Leute von DM tragen gelbe Bauwesten, denn noch sind die Arbeiten am ­City-Gate nicht beendet, noch lange nicht, der Investor rechnet locker mit einem Jahr, bis alles erledigt ist. Doch jetzt, an diesem Freitag, öffnen in einem der beiden neuen Häuser vor dem Hauptbahnhof immerhin die ersten Geschäfte. Nach einer Planungs- und Bauzeit von sieben Jahren ist das ein besonderer Moment, an den nicht wenige in der Stadt schon nicht mehr geglaubt hatten.

Nur die Ware fehlt noch

Das 100-Millionen-Projekt stand schließlich mal auf der Kippe. Einstürzende Neubauten waren es nicht, dieses Stadium hatten die Ingenieure damals noch gar nicht erreicht, kein Stein, der auf dem anderen lag, kein Haus, noch nicht einmal ein Fundament. Das Problem lag tief unten, in der Grube, schon bald das Bremer Loch genannt, denn es dauerte lange, bis sie geschlossen werden konnte. Weil die Wände nicht stabil genug waren, offenkundig ein technischer Fehler, drohte alles kaputt zu gehen.

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Doch das ist Geschichte, wenngleich eine mit Nachwehen, die Sache liegt vor Gericht, der Streitwert zwischen dem Bauherrn und dem beauftragten Tiefbauunternehmen geht in die Millionen. Gegenwart ist, dass die beiden Häuser mit ihren zehn Geschossen, drei davon unter der Erde, und einer Mietfläche von 35 230 Quadratmetern nun peu à peu bezogen werden. Die Drogeriekette geht vorweg, zeitgleich mit dem Kaffee-und Snackanbieter Back-Factory.

Anders als bei DM, wo die Schaufenster im Erdgeschoss noch verklebt sind und kein Blick ins Innere zu erhaschen ist, zeigt Back-Factory bereits alles, was es hat, die Inneneinrichtung, Preisschilder, Angebote, nur die Ware ist noch nicht da. Handwerker kämpfen an den Türen mit der Elektronik, auf und zu, das klappt noch nicht. Kleinigkeiten. Einer der Tischler frohlockt: „Gleich Feierabend, so was von Feierabend!“ Ein Zeichen, dass alles nach Plan läuft, denn so spät ist es an diesem Nachmittag noch gar nicht.

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Im anderen der beiden Häuser schaut man durch die geöffnete Tür in eine Höhle hinein. Eine Höhle aus Holz. Das ist „Hans im Glück“, ein Burger-Bastler, der die Fleischklopse mit weit mehr Zutaten liiert als Zwiebel, Salatblatt, Mayo und Ketchup. Das Lokal wirkt wie ein Labyrinth, dicht zugestellt, gemütlich. Birkenstämme, die an einer Stelle den Boden mit der Decke verbinden. Mittendrin und fast in Originalgröße die Stadtmusikanten. Eine Reverenz an den 200. Geburtstag, den die vier viel besungenen Viecher in diesem Jahr feiern. Es ist dunkel und riecht dermaßen nach Holz, dass Saunagefühle aufkommen. Im Mai soll der erste Burger über den Tisch gehen.

"Die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung war gut"

Für den Investor, die Hamburger Achim-Griese-Treuhandgesellschaft, ist dieser Freitag noch nicht der Endpunkt, aber natürlich einigermaßen denkwürdig. „Ein Meilenstein“, sagt Griese-Geschäftsführer Ulf Wachholtz. Groß gefeiert wird das vorerst nicht. Wachholtz plant stattdessen etwas für den Mai, dann aber mit ziemlichem Brimborium. „Die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung war gut und reibungslos“, lobt er. Auch in den Zeiten, als die Nerven wegen der Pannen am Bau ziemlich blank lagen. „Wir haben an Schwierigkeiten nicht viel ausgelassen, trotzdem ist niemand von uns abgerückt, dafür wollen wir uns bedanken.“

Es war eine Odyssee mit zeitweise offenem Ausgang. Wachholtz: „Hätten wir die Grube fluten müssen, wäre es das gewesen.“ Auf die Frage, ob er sich diese Last noch einmal aufbürden würde, antwortet der Geschäftsführer zweigeteilt. „Im Leben nicht!“, habe er gedacht, als der Bau für viele Monate gestoppt werden musste, das Erdreich an der Grube absackte, ein Gleis der Straßenbahn notgedrungen gesperrt wurde und die Hochstraße in Schieflage geriet.

Dazu der Streit mit dem Tiefbauunternehmen Implenia über die Ursache des Mega-Malheurs. Stoff für schlaflose Nächte. „Jetzt denke ich aber, dass es sich gelohnt hat“, sagt Wachholtz. Er mag, was vor dem Bahnhof entstanden ist: „Die Anmutung der Gebäude, aber auch, dass der Bahnhofsplatz jetzt eingefasst ist und dadurch stärker zur Geltung kommt.“

Auf den Büroetagen ist noch viel zu tun

Dass Wachholtz es ist, er und Achim Griese, ein Sportsmann von der Elbe, der als Segler bei den Olympischen Spielen dabei war und längst als Geschäftsmann reüssiert hat. Dass sie es sind, die das Projekt auf die Beine gestellt haben – die Arbeiter, in diesen Monaten bis zu 200, mögen das wissen, doch wer die beiden sind, wie sie aussehen, das wissen sie nicht. „Mich kennt hier niemand“, sagt Wachholtz beim Gang durch die neuen Häuser.

Er ist nur einer, der da mit anderen rumläuft, und dem eine klare Ansage gemacht wird, als er über frisch verlegte Bodenplatten gehen will. „Stopp!“, warnt der Fliesenleger. Bis hierher und nicht weiter. Rückzug, sofort, und einen anderen Weg suchen. Auf den Büroetagen ist noch viel zu tun, dort wird es weitere Monate dauern, bis die Räume so weit sind. Sie haben zum Teil noch keinen Mieter, Wachholtz erklärt das so: „Die Firmen wollen konkret sehen, was sie bekommen.“

Citygate - Begehung am 25.03.2019

Ein bisschen Manhattan im beschaulichen Bremen.

Foto: Frank Thomas Koch

Fläche und Fenster, viel mehr kann er bislang nicht zeigen. Oder doch? Da ist die Aussicht, die auf der einen Seite zwischen den Fluchten der benachbarten Gebäude in der Bahnhofsvorstadt bis zum Dom reicht und auf der anderen Seite den Hauptbahnhof als Blickfang hat. Und da ist die Lage. Zentral und mit optimaler Verkehrsanbindung.

Was derzeit boomt auf dem Büromarkt, ist das sogenannte Coworking. Einer der Anbieter wird demnächst auf einer Fläche von mehr als 3000 Quadratmetern im umgebauten Bremer Carree am Ansgarikirchhof Platz nehmen. Das toppt von der Größe her alles, was es in Bremen in der Hinsicht bisher gab. Im City-Gate geht Regus an den Start. Das Unternehmen hat ganz oben eine komplette Etage angemietet und wird rund 1600 Quadratmeter in Beschlag nehmen.

Feste Mieter für etwa 80 Prozent der Flächen

Auf den Ebenen darunter siedeln sich Arztpraxen verschiedener Fachrichtungen an. In dem Haus, das vom Bahnhof betrachtet auf der linken Seiten steht, ziehen noch im Frühjahr zwei Hotels ein, das Adagio Aparthotel und das Ibis Budget. Zusammen sind das auf knapp 9000 Quadratmetern 300 Zimmer und Appartements.

Citygate - Begehung am 25.03.2019

Licht und Schatten auf einer der Büroetagen.

Foto: Frank Thomas Koch

Wachholtz sagt, dass er für etwa 80 Prozent der Flächen feste Mieter hat. Darunter Rewe, Woolworth, ein internationaler Supermarkt und als weiterer gastronomischer Betrieb die Pizza-Pasta-Kette Vapiano. Er sagt, dass die Achim-Griese-Treuhandgesellschaft das City-Gate in ihrem Bestand behalten möchte. „Was sollten wir auch tun mit dem Geld, wenn wir verkaufen würden? Für neue Projekte gibt es kaum noch Flächen und schon gar keine Baufirmen, die sind alle beschäftigt.“ Was er nicht sagt: Wir verkaufen nicht!

Sie haben’s gewagt (Wachholtz: „Projektentwicklung ist ein Risikogeschäft“). Und sie haben vielleicht auch gewonnen. Aber so sehr in Bremen verliebt sind die Hamburger sicherlich nicht, dass sie bei einem guten Angebot nicht schwach werden könnten. Das ist so, bestätigt der Geschäftsführer. Doch jetzt will er sich erst einmal freuen, an diesem Freitag – das City-Gate ist offen.

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