Bremer Kinder- und Jugendkantorei wird im Mai auf dem Deutschen Katholikentag ausgezeichnet

Erster Preis für „Das Schaf gewinnt“

Bremen. Im Halbkreis stehen die Kinder um das Klavier von Ilka Hoppe.
31.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von LISA URLBAUER

. Im Halbkreis stehen die Kinder um das Klavier von Ilka Hoppe. Kraftvoll greift die Chorleiterin in die Tasten und singt dazu Melodien, die die jungen Sängerinnen und Sänger wiederholen sollen. Probenbeginn bei der Bremer Kinder- und Jugendkantorei in den Räumen der Wilhadi-Gemeinde in Walle.

An diesem Tag steht „Das Schaf gewinnt“ auf dem Probenplan. Bereits im Juni 2015 hatten die Kinder und Jugendlichen das Musiktheaterstück in der Propsteikirche St. Johann aufgeführt, zusammen mit dem Kaffeehaus-Orchester. Nun arbeiten sie erneut an dem Stück – denn im Mai werden sie für ihr Werk auf dem 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig mit dem Aggiornamento-Preis ausgezeichnet.

Mit dem Preis werden Projekte und Initiativen geehrt, die sich mit drängenden gesellschaftspolitischen Fragen befassen oder die einen Bezug zum Leitwort des kommenden Katholikentags haben. Die Bremer Kinder- und Jugendkantorei erreichte den ersten Platz und wird mit einem Preisgeld von 5000 Euro in ihrer Arbeit unterstützt.

Im Mittelpunkt der Projekte der Kantorei stehen immer Fragestellungen, die im Alltag der jungen Künstler von Bedeutung sind. „Flucht und Flüchtlinge“ war 2015 der Schwerpunkt – das Thema hat die Kinder und Jugendlichen stark beschäftigt. Entstanden ist „Das Schaf gewinnt“, eine Collage aus Text und Musik. Was bedeutet Flucht? Warum muss jemand fliehen? Wie gehen wir als Deutsche und Europäer damit um? Fragen, die sich die Kinder und Jugendlichen während der Erarbeitung gestellt haben.

Das Stück greift ihre Wahrnehmungen und Reflexionen angesichts des Zustroms an Flüchtlingen nach Deutschland und auch nach Bremen auf. Darüber hinaus setzten die Kinder und Jugendlichen diese Erfahrungen in einen religiösen Kontext: der Kreuzweg von Jesus Christus.

Im Zentrum des Stücks steht ein Schaf, das mit Erlebnissen wie Flucht, Krieg und Gewalt konfrontiert wird. Das Schaf ist ein wiederkehrendes Symbol in der Bibel – an Weihnachten und Ostern beispielsweise. Symbolisch stehe es für den Friedensgedanken, sagt Ilka Hoppe. „Immer wieder taucht das Schaf in der Bibel auf, es hoppelt fröhlich herum.“ Im Stück der Kantorei solle es Mut machen und sich Neid und Gewalt entgegenstellen.

Berichte aus Zeitungen und dem Internet, Zahlen und Fakten der Vereinten Nationen zu Flucht und Flüchtlingen sind in dem Stück verarbeitet. Seit der Uraufführung im Juni 2015 ist viel passiert: Immer mehr Geflüchtete erreichen Deutschland, Unterkünfte brennen, Bürger demonstrieren auf den Straßen, und Flüchtlingskinder besuchen deutsche Schulen.

Ilka Hoppe und die jungen Künstler sind sich einig: Bis zu ihrem Aufritt in Leipzig müssen sie ihr Stück überarbeiten, es an die jetzige Situation angleichen. Viele der Schülerinnen und Schüler aus der Kantorei sind mittlerweile gemeinsam in Klassen mit Mädchen und Jungen, die eine Flucht hinter sich haben. Emma erzählt von ihrer Klassenkameradin aus Damaskus, die seit fünf Monaten in Deutschland lebe. Sich auf Deutsch zu unterhalten, funktioniere schon ganz gut. Ilka Hoppe bittet die Kinder, ihre neuen Klassenkameraden nach ihren Fluchterfahrungen zu fragen – damit sie diese im Stück verarbeiten können. In dem Musiktheaterstück nehmen Kinder und Jugendliche aus der Kantorei die Rolle Geflüchteter ein und erzählen von deren Fluchterfahrungen.

Musikalisch anspruchsvolle Arbeit und die Erziehung zu sozialer Verantwortung seien die Hauptaufgaben der Bremer Kinder- und Jugendkantorei, sagt Maria Luft, die sich im Elternverein engagiert und Mutter einer Teilnehmerin ist. „Die Solidarität mit Flüchtlingen als Menschen ‚wie du und ich‘ lernten die Kinder und Jugendlichen während des Projekts, indem sie versuchten, sich in die Situation von Menschen auf der Flucht einzufühlen.“

Über 100 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren aus unterschiedlichen Bremer Stadtteilen und allen gesellschaftlichen Gruppen gehören zur Kinder- und Jugendkantorei. Die Unterstützung der jungen Mitglieder geht weit über die Chorarbeit hinaus: Es gibt Hausaufgabenhilfe, Stimmbildungen und Chor-Freizeiten an der Nordsee. Dank der Unterstützung von Bremer Stiftungen und privaten Spendern haben alle die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Denn nicht alle Kinder und Jugendlichen hätten ausreichend Geld, um den Mitgliederbeitrag bezahlen, sagt Maria Luft. Der Aggiornamento-Preis sei auch wichtig, „ um unsere Arbeit weiter zu finanzieren“.

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