Kitas in Bremen haben Probleme Erzieher verzweifelt gesucht

Die Träger der Kitas in Bremen haben Probleme, qualifizierte Erzieher zu finden. Derzeit gebe es bei Kita Bremen aus diesem Grund 25 offene Stellen, sagt Geschäftsführer Wolfgang Bahlmann.
30.11.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Erzieher verzweifelt gesucht
Von Lisa Schröder

Die Träger der Kitas in Bremen haben Probleme, qualifizierte Erzieher zu finden. Derzeit gebe es bei Kita Bremen aus diesem Grund 25 offene Stellen, sagt Geschäftsführer Wolfgang Bahlmann. „Es gibt nicht genügend Bewerber. Das ist im Prinzip überall so." Vor allem im laufenden Jahr sei es schwer, Fachkräfte zu gewinnen. In der Vergangenheit habe es zwischen 150 und 200 Bewerbungen gegeben. Das sei heute anders.

Schon vor vier bis fünf Jahren hätte man die Ausbildungsklassen vergrößern müssen, denn so lange dauere die Ausbildung zum Erzieher. „Es hat damals niemand vorhergesehen, dass in diesem Ausmaß Plätze entstehen müssen, dass sogar Container aufgestellt werden müssen“, sagt Bahlmann vom stadteigenen Betrieb. Die Geburtenraten seien gestiegen, zusätzlich müssten geflüchtete Kinder betreut werden. 8300 Plätze gebe es derzeit in 71 Kitas. Im Moment überlege man, sozialpädagogische Assistenten als Zweitkräfte einzusetzen oder Bachelorabsolventen der Frühpädagogik.

Und der wird in den nächsten Jahren enorm steigen: Bis 2020 müssen laut Senat mehr als 4100 zusätzliche Kita-Plätze in Bremen entstehen. Bereits jetzt fehlen Plätze für 1700 Kinder. Um die Kinder zu betreuen, werden in den nächsten vier Jahren 780 weitere Fachkräfte benötigt. Dafür will Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) zusätzliche Ausbildungskapazitäten für Erzieher schaffen – auch für Quereinsteiger.

„Es ist schwer, geeignetes Personal zu finden“, sagt auch Sonja Glasmeyer, Geschäftsführerin des Katholischen Gemeindeverbandes. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot derzeit deutlich.“ Das Problem beobachte sie seit zwei Monaten. Die Katholische Kirche ist Träger von zehn Kitas und betreut 540 Kinder. Zwei Stellen seien im Moment unbesetzt. „Die erhöhten fachlichen und persönlichen Anforderungen an das Berufsbild erfüllen zurzeit leider nicht alle Bewerber und Bewerberinnen.“

„Wir haben ein Fachkräfteproblem. Das ist seit geraumer Zeit spürbar“, sagt Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der Bremer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Und er rechnet damit, dass das Problem in Zukunft noch größer wird. Die Situation erschwere, dass man für den Ausbau der Ganztagsschulen ebenfalls mehr Pädagogen benötige. Dadurch entstehe eine Konkurrenz um das selbe Personal. Es müsse schnellstmöglich mehr Ausbildungsplätze für sozialpädagogische Fachkräfte geben.

Darunter dürfe allerdings nicht die Qualität leiden. „Die Kitas sollten Bildungseinrichtungen für die Kinder sein und keine Aufbewahrungsmöglichkeit. Das wäre fatal." Weniger qualifizierte Sozialassistenten sollten nur zusätzlich, etwa bei der Inklusion, eingesetzt werden: Zwei ausgebildete Fachkräfte müsse es trotzdem in jeder Gruppe geben. "Erzieher sind die Grundlage für einen ganzen Bildungsprozess. Wir brauchen gut ausgebildete Leute. Es reicht nicht, irgendwen in die Kita zu bringen."

Beim Personal müsse man schon heute Abstriche machen, sagt Carsten Schlepper, Leiter des Landesverbandes Evangelische Tageseinrichtungen für Kinder. Es sei sehr schwer, geeignete Bewerber zu finden. Er plädiert für eine berufsbegleitende Ausbildung. „Wir fordern das schon sehr lange. Wir können nicht mehr warten.“ Der Träger wolle die Sache sonst selbst auf den Weg bringen. Weil eine Verdienstmöglichkeit entstünde, könne die Ausbildung attraktiver werden. Das sei wichtig. „Das Berufsbild ist negativ besetzt. Dabei gibt es in dieser Branche ein Wachstum, das es sonst nirgends gibt. Wir sollten aufhören, den Beruf schlecht zu reden.“

Gloede sieht eine weitere Möglichkeit, um den Beruf attraktiver zu machen: Fachschulen und Universitäten müssten gemeinsam an neuen Lösungen für Lehre und Fortbildung arbeiten. „Wer einen Bachelor in Frühpädagogik an der Uni Bremen macht, der bekommt am Ende kein besseres Gehalt als ein Erzieher. Deshalb ist der Weg ins Lehramt für die Absolventen oft attraktiver. Das ist bedauerlich."

Zwiespältig stehe er zum Einsatz von Studenten, sagt Schlepper. "Wir können das höhere Gehalt, das sie erhalten müssten, derzeit nicht bezahlen." Zudem wolle die Evangelische Kirche keinen Unterschied zwischen Mitarbeitern machen. Grundsätzlich sei es richtig, auf Qualität zu setzen. Schlepper fürchtet den Engpass an Fachkräften. Schon seit Jahren habe man die Fachschulen gebeten, die Klassen zu vergrößern. Das sei nicht passiert. Ein Ausbau der Aus- und Fortbildung sei unverzichtbar, sagt Sonja Glasmeyer vom Katholischen Gemeindeverband, und warnt: "Ein quantitativer Ausbau der Ausbildungskapazitäten darf nicht zulasten der Ausbildungsqualität gehen.“

Senatorin Bogedan will in Zukunft mehr investieren. „Mein Ziel ist es, dass alle Kinder frühestmöglich in die Kita gehen, weil ich überzeugt bin, dass frühe Bildung entscheidend ist für den weiteren Bildungserfolg“, betonte sie kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER. In der Schule sei es kaum möglich, Ungleichheiten bei der Bildung der Kinder auffangen.

Mehr Fachpersonal, eine bessere Betreuung und frühkindliche Bildung für ihre Kinder fordern derzeit Eltern in Lehesterdeich von ihr. Im Kinder- und Familienzentrum in der Carl-Friedrich-Gauß-Straße gab es zum zweiten Mal in kurzer Zeit einen Notdienst. Der Elternbeirat der Einrichtung hat Bogedan deshalb einen Brief geschrieben, darin kritisieren die Eltern die Ausfälle in der Kita.

Geschäftsführer Bahlmann sagt, der Notdienst sei eine Ausnahme gewesen. Von 16 Mitarbeitern der Kita seien zehn krank gewesen. „So ein massiver Krankheitsausfall ist immer ein Problem. Da haben wir keine Chance, den Betrieb aufrecht zu erhalten." Im Vertretungspool von Kita Bremen seien 35 Mitarbeiter. Das reiche normalerweise, um Ausfälle auszugleichen. "Wir können nicht wegen zwei Krankheitswellen im Jahr mehr Mitarbeiter einstellen."

Die Eltern schreiben: "Nach unserer Erfahrung wird die Betreuung unserer Kinder unzuverlässig und in mangelhafter Qualität erbracht." Einige Eltern überlegen, in private Einrichtungen zu wechseln oder die Betreuung selbst zu organisieren. „Viele Eltern sind verzweifelt, wissen einfach nicht, wie sie das auffangen sollen", kritisiert Walter Hasenclever, dessen Sohn die Kita besucht, den erneuten Notdienst. "Das ist eine Katastrophe für alle arbeitenden Eltern." Der Kita selbst macht er keinen Vorwurf: Die Personaldecke sei zu dünn. Hasenclever bezweifelt, dass Kita Bremen mit Nachdruck neue Mitarbeiter suche. Andere Träger hätten die Situation besser im Griff. Nach Angaben von Kita Bremen sind jedoch alle Stunden in der Einrichtung gesichert: Eine vakante Stelle sei dauerhaft durch eine Kraft aus dem Vertretungspool besetzt. Dennoch sagt auch Bahlmann, der Personalmangel verschärfe solche Situationen.

Gewerkschafter Christian Gloede sieht das Problem anderswo. „Natürlich kann es eine Grippewelle geben. Das lässt sich nicht verhindern“, sagt er. Man müsse sich aber auch die Belastung der Erzieher anschauen: Der Anspruch der Eltern sei gestiegen, die Ausstattung in den Einrichtungen sei teils veraltet und zugleich seien Kollegen nicht genügend ausgebildet. „Dieser Druck macht krank und anfällig.“ Die Arbeitsbedingungen und das Gehalt müssten sich in Bremen verbessern.

"Wir sollten aufhören, den Beruf schlecht zu reden.“ Carsten Schlepper
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+