Zeitzeugen erinnern sich an die Bombennacht

"Es brannte der ganze Bremer Westen"

Als der Zweite Weltkrieg begann, war Ingeborg Senft gerade 14 Jahre alt. Die 94-Jährige aus Bremen-Walle erinnert sich an den Krieg in Bremen und die Bombennacht vom 18. auf den 19. August 1944.
18.08.2019, 15:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jan-Felix Jasch
"Es brannte der ganze Bremer Westen"

Nur die Fassaden stehen noch. Ein Blick vom Bunker Nordstraße in Richtung des ausgebrannten Bremer Westens zeigt das Ausmaß der Zerstörung.

Staatsarchiv Bremen / Walter Cüppers

Ingeborg Senft war jung, als es losging. Sie war gerade 14. Im April hatte sie ihre Lehre bei einer Bank am Bremer Domshof begonnen. Eingelernt wurde sie von Rentnern. „Die jungen Männer gab es ja nicht mehr“, erzählt sie. Die waren alle im Krieg. Ingeborg Senft ist im Dezember 1924 im Bremer Stadtteil Walle zur Welt gekommen, in der Gabelsbergerstraße stand das Haus ihrer Eltern. Später zog die Familie dann in die Derflinger Straße – ebenfalls in Walle, aber weiter nördlich. Das war ein Glück für die Familie. Sie war eine der wenigen in dem Stadtteil, die nicht ausgebombt worden ist.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt, ist Senft in der Bank. Sie arbeitet. Noch erscheint alles normal – auch in Bremen. „Wir sind tanzen gegangen“, sagt Senft. „Wir waren ja junge Leute.“ Das klingt fast entschuldigend, wenn sie darüber spricht. Aber sie möchte sich für nichts entschuldigen. „Die Zeiten waren so.“ Und da ging Senft eben dem nach, was junge Leute so tun. Aber auch mit der Normalität war es irgendwann vorbei. Im Mai 1940 wurde Bremen zum ersten Mal Ziel eines Bombenangriffes. Senft und ihre Familie waren nicht betroffen. Trotzdem änderte sich für sie vieles. Geschlafen wurde bald nur noch voll bekleidet. „Falls wir schnell zum Bunker laufen müssen.“ Die Tasche mit Gepäck für den Fall, dass Fliegeralarm ausgelöst wird, steht immer bereit. „Darin war nur einmal Wäsche zum Wechseln.“

Immer wieder wurden Senft und ihre Familie nachts geweckt. „Wir haben schon im Schlaf immer auf das Signal gehört.“ Dann ging es los, schnell in die Schuhe, schnell die Tasche greifen und dann ab zum nächstgelegenen Bunker. Für die Familie war das der Erdbunker an der Derflinger Straße, rund 50 Menschen hatten darin Platz. Später mussten sie weiter laufen. Dann verbrachten sie die Nächte im Bunker an der Waller Heerstraße. In den Bunkern setzten sie sich zumeist an den gleichen Platz. „Das war dann einfach so.“ Das sagt sie oft. Die Zeit eben.

In der Bank musste Senft manchmal Luftschutzwache halten. „Dann sind wir zu dritt oder zu viert dort geblieben und über die Gänge patrouilliert.“ Falls eine Brandbombe einschlägt; das hat sie in ihrer Zeit dort jedoch nicht erlebt. Die Wachen haben Senft gefallen. „Im Keller der Bank konnte man besser schlafen als in den Bunkern.“ Außerdem funktionierte das Wasser in den Waschräumen und Toiletten noch, das war in weiten Teilen der Stadt nicht der Fall. Auch Strom gab es sehr selten. Licht hat man mit Kerzen erzeugt. „Wenn man welche hatte.“

Lesen Sie auch

Besonders in Erinnerung behielt Senft die Bombennacht vom 18. auf den 19. August 1944. Zunächst begann der Abend wie alle anderen. Der Alarm ertönt, die Familie macht sich auf den Weg in den Bunker - und wartet. „Wir haben gemerkt, wie der Bunker bebte.“ Relativ schnell habe sie mitbekommen, dass dieser Angriff größer als alle bisherigen und weiteren sein sollte. Erst in den frühen Morgenstunden verließ die Familie den Bunker. Ihr erster Gedanke galt ihrem zu Hause an der Derflingerstraße. Steht es noch? Ist von ihrem Hab und Gut noch was zu retten? Der Weg führt durch einen völlig zerstörten Stadtteil Bremens. „Es brannte eigentlich der ganze Westen.“ Leichen pflastern den Weg, aber Senft hat kaum Augen dafür. „Ich habe das alles kaum realisiert“, sagt sie. Man merkt, dass es schwer für sie ist, sich zu erinnern. Immer wieder schweift sie ab, spricht über anderes, sagt: „Das war dann einfach so.“ Dann erzählt sie eine Anekdote von ihrer Großmutter. „Sie wollte unbedingt noch in ihrem Haus nach etwas suchen. Senft antwortet: „Oma, da findet man nicht mehr – da ist alles kaputt.“ Es stellt sich heraus, dass die Großmutter noch sechs Silberlöffel unter der zerstörten Treppe suchen wollte. Dabei lächelt Senft. Es ist ein warmes Lächeln.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+