Ein Ausflug mit Cello und Klavier in die unendlichen Weiten des Weltalls „Es geht einem das Herz auf“

Fast schmerzhaft schön, herzöffnend und ein wenig düster empfand das Publikum das Klavier-Cello-Konzert „Nachthimmel“ von Michael Rettig und Miran Zrimsek. Ergreifende Kompositionen und die eher seltene Gelegenheit, den Original-Aufnahmen von kosmischen Geräuschen zu lauschen, verbanden sich zu einem Erlebnis mit Tiefgang in der Schwankhalle.
02.02.2014, 00:00
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Von Katharina Hirsch

Fast schmerzhaft schön, herzöffnend und ein wenig düster empfand das Publikum das Klavier-Cello-Konzert „Nachthimmel“ von Michael Rettig und Miran Zrimsek. Ergreifende Kompositionen und die eher seltene Gelegenheit, den Original-Aufnahmen von kosmischen Geräuschen zu lauschen, verbanden sich zu einem Erlebnis mit Tiefgang in der Schwankhalle.

Langsam senkt sich der Kopf der Frau in der ersten Reihe auf die Schulter ihres Begleiters. Hin und wieder ist ein Seufzer von da oder dort zu hören, allenthalben offenbaren sich beim Blick durch die Publikumsreihen genussvoll geschlossene Augen – nicht zu verwechseln mit dem verwegenen Schlaf eines Konzertverächters. Bei der Aufführung von „Nachthimmel“ mit Piano und Cello weht ein Hauch der Schicksalsmelodie aus der „Lovestory“ durch den Saal in der Schwankhalle. Oder auch Anklänge an Yann Tiersens-Filmmusik für „Die zauberhafte Welt der Amélie“, wie Ole Schmitt aus der Neustadt es hört. „Schön, aber düster“, meint Jonas Kleiner und ruft erstaunte Reaktionen seiner Begleiter hervor. Düster?

Vielleicht ist es ein wenig Geschmacksache, ähnlich wie die Bezeichnung „fast schmerzhaft schön“, die einem durch den Sinn geht. Doch mit „hochromantisch“ hat selbst Pianist Michael Rettig seine Kompositionen beschrieben. Dabei zieht er immer mal wieder leicht wie eine Sommerbrise über die Tasten, während ein sehnsuchtsvolles Ziehen im Unterbauch von Miran Zrimseks intensivem Cello-Spiel hervorgerufen wird. Dann übernimmt der Klavierspieler kurze Ausflüge ins Drama, aus denen der Streicher ihn wieder einfängt. Und schließlich bricht nicht der Hummelflug von Rimski-Korsakow die ergriffene und respektvolle Zurückhaltung des Publikums, sondern der lästige und gleichzeitig faszinierende Tanz einer Fliege, der auf dem Cello zur akustischen Realität geworden ist. Dieses eine Mal wird für ein einzelnes Stück applaudiert.

Ole Schmitt kann seine Eindrücke auf „viele Moll-Sachen“ zurückführen, wofür sich Ulrike Müller überhaupt nicht interessiert. „Es geht einem das Herz auf“, sagt die Neustädterin über das Konzert, was braucht es da Vergleiche oder Definitionen?

Eine experimentelle Nuance bekommt die Darbietung durch einen ins Deutsche übersetzten Text der neuseeländischen Künstlerin Honor Harger. Aus der Konserve kommt der gelesene Bericht über die Entstehung der Radioastronomie – der Erkundung des Weltalls durch Radiotechnik – durch die ersten zufälligen Entdeckungen kosmischer Geräusche. Auch die kosmischen Klänge selbst gibt es zu hören.

Meeresrauschen aus einer Muschel

„Am meisten beeindruckt mich das Geräusch des Urknalls“, sagt Canan Sevil. In den Ohren der Wallerin klingt es wie das Meeresrauschen aus einer Muschel. Die hörbare Vibration des Jupiters dagegen weckt Assoziationen an den Flügelschlag sich paarender Tauben. Und das Tac-tac-tac der Raumsonde Cassini, die in den Worten Hargers „durch die Eisringe des Saturns Pirouetten schlägt“, könnte auch durch die gleichmäßige Pendelbewegung des Perpendikels in einer Wanduhr entstehen. Das Geräusch der Sonne klingt hingegen wie ein kreischender Schwarm Möwen am Meer aus der Ferne.

Mit Zugabe spielen die beiden Musiker annähernd eineinhalb Stunden. „Es kam mir eher wie 40 Minuten vor“, staunt Jonas Kleiner aus der Neustadt am Ende. Eine kleine Kritik hat eine junge Frau aus Hemelingen. „Die Stücke waren etwas kurz und hätten sich ruhig mehr ausbreiten können“, sagt sie. Gern hätte sie sich noch ein wenig tiefer in jedes einzelne der 15 Lieder fallen lassen.

Wer sich nun vielleicht ärgert, weil er das Konzert verpasst hat, muss bis zum Herbst warten, um den „Nachthimmel“ erneut in Bremen genießen zu können. Doch schon am Sonntag, 16. Februar, um 11.30 Uhr werden der Neustädter Pianist Michael Rettig und der Cellist Miran Zrimsek aus dem Ostertor gemeinsam mit Jobst von Berg und der Musik- und Videoperformance „Der Wanderer – ohne Kompass gehen“ im Focke-Museum, Schwachhauser Heerstraße 240, zu sehen sein.

Hörproben zu den Konzerten sind im Internet unter www.michaelrettig.de zu finden.

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