Kleingärten in Bremen „Es gibt eine Basta-Mentalität im Landesverband“

Die Gartenbloggerin und Kleingärtnerin Kirsten Tiedemann ärgert sich über den Entwurf für die neue Bremische Gartenordnung. Der autoritäre Duktus stoße vielen übel auf, sagt sie.
16.02.2018, 17:23
Lesedauer: 4 Min
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„Es gibt eine Basta-Mentalität im Landesverband“
Von Frank Hethey

Frau Tiedemann, als leidenschaftliche Kleingärtnerin betreiben Sie einen eigenen Blog. Den Entwurf für die neue Bremische Gartenordnung sehen Sie kritisch, warum?

Kirsten Tiedemann: Mir fehlt der Gestaltungswille, es geht dem Landesverband viel zu sehr ums Regulieren, weniger um Gestaltung. Dabei gibt es aktuelle Strömungen und Bedürfnisse, die nicht nur temporärer Natur sind. Nehmen Sie nur den Trend zum Gemeinschaftsgarten. Man muss doch einfach mal anerkennen, dass es den gibt. Und das soll jetzt plötzlich nicht mehr erlaubt sein.

Sie sprechen von dem Passus, in dem es heißt, jeder Kleingarten-Pächter sei verpflichtet, den Garten selbst zu bewirtschaften.

Genau, dieser Passus ist neu hinzugekommen, den gab es nicht in der alten Gartenordnung von 2001. Da frage ich mich: Was steckt dahinter? An einigen Stellen wirft der Entwurf mehr Fragen auf, als dass Dinge geklärt werden.

Sie meinen, der Landesverband verpasst die Chance, sich neuen Gegebenheiten zu öffnen?

Das sehe ich so, ja. Etliche Menschen wollen gern einen Kleingarten haben, schaffen es aber nicht allein. Nicht nur jüngere, auch ältere Kleingärtner. Was ist mit Senioren, die mal krank sind und deshalb jemand anders damit betrauen möchten, um dann wieder einzusteigen? Wenn es hieße: Der Kleingarten darf nicht weiterverpachtet werden, wäre das okay. Was soll so ein Passus?

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Es wird also unnötig Konfliktpotenzial geschaffen? Sehen Sie das auch bei Familien mit Kindern so? Die sollen künftig keine Trampoline oder sonstige „Großspielgeräte“ mehr haben dürfen. Aus Sicherheitsgründen, wie Verbandschef Judel sagt.

Aber da gäbe es auch andere Möglichkeiten. Man könnte doch sagen: Trampoline müssen mit einem Sicherheitsnetz versehen sein. Warum gleich so rigoros vorgehen? Dafür gibt es eigentlich gar keine Veranlassung.

Wollen Sie sagen, der Landesverband bevormundet seine Mitgliedsvereine? Sehen Sie einen grundsätzlichen Dissens?

In meinen Augen ja. Schon allein der autoritäre Duktus stößt vielen Menschen übel auf. Nehmen Sie nur Wendungen wie „den fachlichen Weisungen des Landesverbands ist Folge zu leisten“...

... aus Punkt 8, der Passage zur Fachberatung der Kleingärtner.

Oder Punkt 9, der bei Verstößen gegen die Gartenordnung mit Vereinsausschluss und Kündigung des Pachtvertrags droht. Ebenso Punkt 10, wo man schon wieder Folge zu leisten hat, diesmal den nicht näher definierten Anordnungen des Eigentümers oder Verpächters. Da greift der Landesverband tief hinein in die Kompetenz der Vereine.

Würden Sie von einer Teilentmündigung sprechen?

Das ist ein sehr hartes Wort. Aber mit den Punkten 8, 9 und 10 wird ganz klar die Unabhängigkeit der Vereine infrage gestellt. Da räumt sich der Landesverband das Recht ein, ins Vorstandsgeschäft der Kleingartenvereine einzuwirken. Die Vereine werden zum Handlanger des Landesverbands degradiert. Aber die Kleingartenvereine sind eigenständig und nicht der verlängerte Arm des Landesverbands. Das würde ich mir als Vorstand verbitten. Der Landesverband soll unterstützen, nicht neue und unnötige Vorschriften machen.

Zumal es nicht ganz einfach sein dürfte, diese Vorschriften umzusetzen.

Das kommt noch hinzu. Für die Vereine bedeutet es mehr Arbeit, wenn man mehr kontrollieren muss. Glauben Sie mir, die neuen Bestimmungen würden viele Konflikte hervorrufen, das ist alles andere als konstruktiv.

Sie beklagen, der Landesverband habe nicht genügend Transparenz walten lassen. Nicht nur, weil der Entwurf vielen Mitgliedern gar nicht vorliegt, der Verband sich aber beharrlich weigert, ihn auf seine Webseite zu stellen. Sondern auch, weil der Verband nur eine sechswöchige Frist für Änderungsvorschläge eingeräumt hat.

Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Warum die plötzliche Eile? Viele Vereine sind digital noch nicht auf dem neuesten Stand, da dauert alles ein bisschen länger. Man hätte die Frist bequem noch weiter ins Jahr hinein verlegen können. Bei den meisten Kleingartenvereinen finden die Jahreshauptversammlungen erst Ende Februar und im März statt…

… so lange hätte der Landesverband mit der Frist warten sollen?

Warum nicht? Dann hätten die Vereine den Entwurf zusammen mit den Einladungen für die Jahreshauptversammlungen an ihre Mitglieder verschicken können. Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund, so sehr aufs Tempo zu drücken. Die Menschen hätten sich in Ruhe über den Entwurf austauschen können. Im Sommer über den Gartenzaun hinweg.

Das klingt fast so, als würden Sie dem Landesverband einen Überrumpelungsversuch vorwerfen.

Im Grunde ja, zumal es hier um wirklich gravierende Sachen geht. Um Grundsätzliches, nicht um Individualinteressen. Aber es gibt eine Basta-Mentalität im Landesverband. Ich weiß wohl, der Landesverband sieht sich nicht als Dienstleister der Vereine. Der Landesverband hat aber verdammt noch mal die Pflicht, die Mitglieder mitzunehmen, sie über solche Dinge zu informieren. Was ist das denn für eine Haltung gegenüber den Auftraggebern, die den Landesverband ja immerhin finanzieren? Was ist das für ein Miteinander?

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Verbandschef Judel verweist auf das Mitspracherecht der Delegierten bei der Delegiertenversammlung am 14. April.

Sicher, die Form wird gewahrt. Aber faktisch werden kritische Stimmen abgewiegelt. Es ist gar nicht so einfach, sich als Delegierter zusätzlich zum stimmberechtigten Vorstand wählen zu lassen. Nur bei Vereinen mit mehr als 300 Mitgliedern kann ein zusätzlicher Delegierter gewählt werden, der nicht im Vorstand ist. Kleinere Vereine können keine zusätzlichen Delegierten entsenden.

Das Gespräch führte Frank Hethey.

Zur Person:

Kirsten Tiedemann ist seit 2013 mit ihrer Website "Gärtnern in Bremen" online, seit 2014 betreibt die 53-Jährige die Seite als Blog. Als Kleingärtnerin ist die Historikerin seit 2004 aktiv.

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