Oliver von Wrochem über familienbiographische Seminare an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme „Es ist eigentlich eine gute Zeit, um zu fragen“

Im Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg können sich Nachkommen von Tätern, Mitläufern, Zuschauern und Opfern der NS-Verbrechen austauschen und Hilfe für die eigene Recherche bekommen. Lisa Boekhoff sprach mit ihrem Leiter, Historiker Oliver von Wrochem, über diese Seminarangebote.
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„Es ist eigentlich eine gute Zeit, um zu fragen“
Von Lisa Schröder

Im Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg können sich Nachkommen von Tätern, Mitläufern, Zuschauern und Opfern der NS-Verbrechen austauschen und Hilfe für die eigene Recherche bekommen. Lisa Boekhoff sprach mit ihrem Leiter, Historiker Oliver von Wrochem, über diese Seminarangebote

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Herr von Wrochem, warum ist es wichtig, einen persönlichen Bezug zur Geschichte des Dritten Reichs herzustellen?

Oliver von Wrochem: Man hat in gewisser Weise ein anderes historisches Verständnis, wenn man sich nicht nur abstrakt mit einem Thema beschäftigt, sondern es auf die eigene Person bezieht. Wenn versucht wird, die eigene Familie – obschon die Angehörigen meist nicht zu den Verfolgten des Nationalsozialismus gehörten – in Bezug auf das Dritte Reich zu entlasten oder Täter sogar zu heroisieren, koppelt sich das private vom öffentlichen Erinnern ab. Dadurch bekommt die Gesellschaft einen gespaltenen Zugang zur Vergangenheit. Somit besteht die Gefahr, dass die Geschichte sich entkernt und nicht mehr lebendig ist. Es wird dann zwar öffentlich kritisch über sie gesprochen, aber sie ist von den eigenen Gefühlen oft abgespalten.

Wie erklären Sie sich diese Distanzierung?

Das öffentliche Erinnern ist das Ergebnis eines langen politischen Prozesses im Zuge von Forschung und insbesondere eines Generationenwechsels. Beides hat zu einem kritischeren Umgang mit dem Dritten Reich geführt.

Im Privaten sind allerdings Erinnerungs- und Erzählmuster auch in Familien von Tätern noch geprägt von Beteiligten, die nicht bereit waren, sich selbst kritisch zu sehen und ihren Anteil an den im Nationalsozialismus verübten Verbrechen negiert haben. Das wurde in den Familien weiterkommuniziert. Kinder und Kindeskinder haben sich vielleicht nicht getraut zu fragen und den Erzählungen erst mal Glauben geschenkt. Das hat auch etwas mit Loyalität und Vertrauen gegenüber den Eltern und Großeltern zu tun. Man möchte sie nicht infrage stellen.

Warum haben Sie das Gesprächsseminar, das Sie seit 2009 im Studienzentrum anbieten, „Ein Täter in der Familie?“ genannt?

Genau das ist die Frage, die viele zu uns mitbringen. Sind meine Eltern oder Großeltern Täter geworden? Ist nur der Täter, der wen umgebracht hat? Was ist aber zum Beispiel mit Ärzten, die im Einsatzgruppenstab nichts mit den Verbrechen direkt zu tun hatten, aber qua Amt, qua Mitgliedschaft, trotzdem Täter geworden sind? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Die persönlichen Geschichten liefern im Seminar Anlass für Diskussionen.

Wie läuft so ein Seminar gemeinhin ab?

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beginnen meist diejenigen, die schon länger zu den Seminaren kommen, von ihrer Recherche zu erzählen – anhand von Fotos, Videos und anderen Dokumenten. Am Ende stellt jeder Teilnehmer seine eigene Geschichte vor. Wir haben eine Psychologin dabei, das ist wichtig. Grundsätzlich gilt für die Gespräche, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt, Journalisten und andere Multiplikatoren sind ausgeschlossen. Einige Teilnehmer sind im Anschluss auch bereit, öffentlich zu sprechen.

Welche Angebote machen Sie noch?

Das Rechercheseminar „Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie“ gibt denen Hilfe, die mehr über ihre Familie erfahren wollen. Unsere Kernaufgabe als Gedenkstätte bleibt aber weiterhin der Kontakt zu Angehören von Verfolgten, zum Beispiel bei Zeitzeugengesprächen und in Begegnungsprogrammen. Neu ist ein Dialogseminar, in dem Kinder und Enkel von Verfolgten mit den Nachkommen von Tätern ins Gespräch kommen – mit ganz unterschiedlichen Intentionen und Ergebnissen.

Was passiert in solchen Gesprächen?

Ein Moment verbindet die Nachfahren von Tätern und Opfern: Die Einsicht, dass sie keine Schuld haben, weil ihre Eltern schuldig geworden sind, und andersherum, dass auch sie keine Helden sind, weil ihre Eltern Helden waren, sondern dass sie gemeinsam Verantwortung für Gegenwart und Zukunft tragen.

Wo kann ich mich informieren, wenn ich vermute oder weiß, dass ein Täter zu meiner eigenen Familie gehört?

Wenn man Name, Alter, Geburtsdatum und berufliche Zugehörigkeit kennt, wird man in den Archiven schnell fündig. Zu ihnen hat jeder Zugang. Die wichtigsten Quellen sind in der Regel das Bundesarchiv und die Deutsche Dienststelle in Berlin. Auch die Landesarchive können helfen oder Dokumente über Entnazifizierung und Strafverfolgung. In den Studienheften unserer Gedenkstätte wird der Rechercheweg beschrieben und darin eine Auswahl an Literatur gegeben.

Worin liegt Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, dass viele Zuhörer ihrer Vorträge hinterher ein starkes Bedürfnis nach Austausch und Diskussion haben?

Vielleicht haben sie das Gefühl, dass sie zu lange nicht gefragt haben. Mein persönlicher Eindruck ist, dass es eigentlich eine gute Zeit ist, um zu fragen, weil der Abstand groß genug ist. Viele Seminarteilnehmer erzählten uns, dass sie Angst hatten, dass sie ihren Eltern strafrechtlich schaden, wenn ihre Entdeckung herauskommt. Diese Angst ist heute schwächer oder gar nicht mehr vorhanden.

Zur Person: Oliver von Wrochem (46) leitet das Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Der Historiker promovierte im Bereich der Täterforschung. Mehr Infos auf www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de.

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