Kriminalist Axel Petermann über seinen vorzeitigen Ruhestand

"Es ist genug"

Bremen. Zum Ende des Jahres haben wir Menschen gebeten, auf ihr ganz persönliches Jahr 2013 zurückzublicken. Den Anfang macht der Kriminalist und Autor Axel Petermann.
28.12.2013, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Zum Ende des Jahres haben wir mit Menschen gesprochen und sie gebeten, auf ihr ganz persönliches Jahr 2013 zurückzublicken. Den Anfang macht der Kriminalist und Autor Axel Petermann. Der 61-Jährige hat über 1000 Fälle unnatürlichen Todes untersucht: Mord, Totschlag, Selbstmord, Unfälle. Im Gespräch mit Alexander Tietz erklärt er, warum 2013 sein letztes Jahr bei der Polizei sein wird – und warum er an dem Beruf nie zerbrochen ist.

Herr Petermann, wir sitzen hier in Ihrem Büro. Offensichtlich ist noch nichts gepackt.

Axel Petermann: Na gut, ich bin ja noch ein paar Monate da. Und es wäre unwillig, wenn ich jetzt schon packen würde. Außerdem packt mich der Beruf nach wie vor.

Aber Sie hören auf?

Ja, das stimmt wohl. Das offizielle Ende wird Oktober 2014 sein. Ich habe noch Urlaub und freie Tage. Wenn es gut läuft, gehe ich im Sommer in den Ruhestand.

Sie sind 61 Jahre alt. Eigentlich hätten Sie noch ein paar Jahre zu arbeiten.

Wissen Sie, ich habe fast 44 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Und das reicht mir eigentlich. Ich habe viel erlebt, viel gegeben und auch viel bekommen.

Sie haben über 1000 Todesfälle untersucht. Bedeutet Ihr vorzeitiger Ruhestand, dass Sie nicht mehr können?

Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl gehabt, dass es genug ist, wenn es darum ging, das Leiden der Menschen zu erleben. Die Bilder von den Opfern, die Menschen, die Angehörigen, die Verzweiflung, die Trauer und die Wut – all das.

War es in den vergangenen zwölf Monaten besonders brutal in Bremen?

Ach nein. Die Tötungsdelikte sind deutlich zurückgegangen. Nicht nur in Bremen, auch in Deutschland. Als ich 1980 bei der Mordkommission anfing, mussten wir jeden Monat mindestens einen Mord aufklären.

Wie viele Fälle waren es in diesem Jahr?

Eine Hand voll. Wenn überhaupt.

Wie erklären Sie sich den Rückgang?

Das hat viele Ursachen. Bevor beispielsweise die Pille für die Frau entwickelt wurde, hatten wir viele Kindstötungen. Das ist deutlich zurückgegangen. Morde an Homosexuellen werden ebenfalls kaum noch verübt. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist gestiegen. Vieles findet nicht mehr im Verborgenen statt.

Ist der Mensch beherrschter geworden?

Das lässt sich nicht unbedingt sagen. Viele Mordfälle sind genauso brutal wie früher. Anfang des Jahres untersuchte ich einen Fall in Bremerhaven. Der Täter hat eine Frau bei lebendigem Leib verstümmelt. Gestorben ist sie erst im Krankenhaus.

Ersparen wir uns die Details. Ohne Zweifel haben Sie viel Abscheuliches gesehen. Werden Sie manche Bilder nicht los?

Das kommt schon vor. Manchmal kommen die Erinnerungen zurück.

Welche Erinnerungen meinen Sie?

Es sind sehr viele. Aber eine Geschichte beschäftigt mich noch nach Jahren. Es geschah in einer russischen Familie. Ein dreijähriges Mädchen hat sich an der Dachschräge aufgehängt – ein tragischer Unfall. Als ich am Tatort ankam, war der Vater betrunken und aggressiv. Er wollte das Kind nicht herausgeben.

Was haben Sie unternommen?

Ich habe mir gedacht, ich kann dem Mann doch nicht mit Gewalt seine Tochter wegnehmen. Also genehmige ich mir mit ihm ein paar Wodka und rauchte mit ihm. Dann haben wir uns geeinigt, dass er das Kind selbst zum Leichenwagen trägt. Die ganze Gemeinde folgte uns, wie eine Trauerprozession. Das sind starke Bilder, die ich nie vergessen werde.

Wegen solcher Bilder haben sich einige Ihrer Kollegen schon das Leben genommen. Was hilft Ihnen

?

Ich denke, dass ich eine gute Absicherung durch meine Familie habe. Meine Frau, meine drei Kinder – das ist ein großes Glück. Ich versuche, bewusst zu leben. Es gibt viele schöne Dinge. Zum Beispiel diese Jugendstilgeschichten (Petermann zeigt auf mehrere Gemälde an der Wand). Das sind so Dinge, die ich mir angucke und mit denen ich mich ablenke.

Was denken Sie über die Täter? Haben Sie nie Abscheu empfunden?

Mancher erschien mir tatsächlich wie ein Monster. Aber was heißt Abscheu? Ich will etwas von dem Täter hören, etwas erfahren. Deshalb muss ich ihn als Mensch sehen und sollte keine Distanz zeigen. Er sollte sich wirklich verstanden fühlen – sich und sein Verbrechen. Dazu gehört auch Nähe. Aber diese Nähe darf man nicht falsch verstehen.

Wie soll man sie verstehen?

Professionell. Der Täter soll sich angenommen fühlen. Das heißt nicht, dass ich toleriere, was er getan hat. Aber er soll alle Zeit der Welt haben, zu erklären, warum er das Verbrechen begangen hat.

Eine Frage haben Sie die vergangenen 40 Jahre nicht beantworten können: Warum ein Mensch zum Mörder wird. Wollen Sie es jetzt versuchen?

Entscheidend ist – denke ich – inwieweit man mit Stress umgehen kann. Inwieweit kann ich mich beherrschen? Inwieweit kann ich etwas ausdrücken, ohne zuzuschlagen? Häufig bestimmt allerdings die Kraft der Situation das Handeln des Menschen.

Kraft der Situation? Meinen Sie, jeder Mensch kann töten?

In bestimmten Momenten schon. Für manche reicht es aus, wenn die Frau sagt: Ich verlasse dich. Oder wenn Eltern dem Mann gegenüberstehen, der ihren Sohn oder die Tochter getötet oder missbraucht hat. Ich kann manche Taten schon wirklich nachvollziehen.

Nehmen Sie sich für das nächste Jahr etwas vor? Haben sie Vorsätze, die Sie 2014 verwirklichen wollen?

Ich möchte die letzten Monate in meinem Job so gut wie möglich verbringen. Es wäre schön, wenn der ein oder andere Fall geklärt wird. Und ich will mein drittes Buch beenden und einen Roman schreiben.

Kann man sich Axel Petermann im Ruhestand bei der Blumenpflege im Garten vorstellen?

Das würde meine Frau gut finden. Unser Garten ist ziemlich groß. Ich werde aber vor allem viel Zeit haben – und viel lesen.

Was werden Sie lesen?

Viele skandinavische Krimis.

Zur Person: Axel Petermann wurde 1952 in Bremen geboren. Heute leitet der 61-jährige Profiler die Dienststelle Operative Fallanalyse beim Landeskriminalamt Bremen.

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