Gastkommentar zum geplanten Bremer Mahnmal Es ist notwendig, dass wir uns aktiv erinnern

Angesichts der Gewinne, die auch in Bremen aus geraubtem jüdischen Besitz erzielt wurden, ist es geradezu kleinlich, an Kosten für ein Mahnmal herumzurechnen - das meint unsere Gastautorin Miriam Strunge.
21.10.2018, 21:09
Lesedauer: 2 Min
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Von Miriam Strunge

Die Deputation für Kultur hat vor Kurzem erste finanzielle Mittel für das Mahnmal an der Schlachte freigegeben. Es erinnert an die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Bevölkerung und stellt die Frage: Wer hat davon profitiert? Unterschiedliche Akteure bereicherten sich, wenn Juden auf der Flucht ihren Besitz unter Wert verkauften oder ihre Wohnungen geplündert wurden, sobald die Deportationen in Konzentrationslager begannen. Alleine im Reichsgebiet eignete sich der Staat so von 1942 bis 1944 Besitz in Höhe von 778 Millionen Reichsmark an. Das wären heute etwa 3,1 Milliarden Euro.

Nutznießer dieses Raubes war nicht nur der Staat, sondern auch die Zivilbevölkerung, die Möbel geschenkt bekam oder weit unter deren Wert ersteigern konnte. Auch in Bremen fanden Versteigerungen jüdischen Besitzes statt, jeder konnte mitbieten. Organisatorisch möglich wurde dies durch die Logistikunternehmen. Die Bremer Speditionsfirma Kühne+Nagel hatte das Transportmonopol auf Güter aus den Beneluxstaaten und war so aktiver Kollaborateur bei der Ausplünderung von jüdischem Besitz.

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Das Gedenken an diesen Raub zeigt, dass die Großeltern von vielen von uns am gemeinsam begangenen Verbrechen teilgenommen haben. Vielleicht steht auch bei uns im Schlafzimmer als Erbstück ein Schrank, der einer jüdischen Familie geraubt wurde. Es ist deshalb richtig, dass wir uns als Stadtgesellschaft mit diesem Thema konfrontieren. Gerade angesichts des wiedererstarkenden Rechtsextremismus ist es wichtig, sich die Bedeutung des Handelns eines jeden Einzelnen wieder vor Augen zu führen. Es ist notwendig, dass wir uns aktiv erinnern, dass wir uns nicht darauf einlassen, dieses grausame Kapitel der deutschen Geschichte zu schließen, auch wenn das von AfD-Funktionären immer lauter eingefordert wird. Das geplante Mahnmal wird hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Irritiert hat mich deshalb der Gastkommentar vom Bund der Steuerzahler, der einerseits die Berechtigung des Mahnmals betont, jedoch im gleichen Atemzug von angeblicher „übertriebener Selbstbezichtigung“ spricht, zu der die Deutschen beim Erinnern neigen. Dem muss ich vehement widersprechen. Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt, dass eine klare antifaschistische Erinnerungskultur wichtiger ist denn je. Auch die Anmahnung der öffentlichen Kosten halte ich für mehr als deplatziert. Angesichts der unglaublichen Gewinne, die auch in Bremen aus jüdischem Besitz erzielt wurden, erscheint es geradezu kleinlich, an Kosten herumzurechnen, die überschaubar und leistbar sind.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Miriam Strunge ist kulturpolitische ­Sprecherin der Fraktion Die Linke in der Bremischen Bürgerschaft. Im Bundesvorstand der Linken ist die 30-Jährige jugendpolitische Sprecherin.

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