Bremer Krimiautorin

Es kann jeden treffen

Für ihren Krimi im Obdachlosenmilieu hat Agatha van Wysn intensiv recherchiert. Ihr Fazit: Es kann jeden treffen - im doppelten Wortsinne.
11.02.2019, 20:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Magali Trautmann
Es kann jeden treffen

Las in der Buchhandlung Leuwer aus ihrem zweiten Band mit Kommissar Oder: die Bremer Krimiautorin Agatha van Wysn.

PETRA STUBBE

„Wissen Sie, Nachnamen gehören zum alten Leben, mit dem die meisten abgeschlossen haben. Mit Nachnamen war man noch wer. Hatte eine Arbeit, eine Familie, eine Zukunft“, erklärt ein Sozialarbeiter der Obdachlosenhilfe Kommissar Oder. Oder, der die Todesumstände eines Obdachlosen aufklären soll, dessen Leichnam liebevoll aufgebahrt auf dem Südfriedhof in Frankfurt vorgefunden wurde, dringt mit diesem Fall in eine ihm fremde Welt vor. In die Welt der Armen, der Bettler, die allesamt ein Leben vor der Armut kannten, alle eine Vorgeschichte haben, „und nicht immer ist sie traurig“. Das Problem ist, dass nur wenige Mitmenschen Interesse daran haben, sie zu hören.

Agatha van Wysn hatte Interesse. Für ihren zweiten Roman hat die Bremer Autorin Obdachlosen zugehört und ihre Geschichten in einen Krimi verpackt nach Frankfurt verlagert, ihrer alten Heimat, auch um Betroffene zu schützen, so erschütternd waren einige Berichte. Dabei kann Armut jeden treffen, „es sind nicht nur Hilfsschüler und Abbrecher auf der Straße“, weiß der fiktive Sozialarbeiter in „Kein Erbe ohne Tod“, „vom Ingenieur bis zum Handwerker, von der Putzfrau über die Künstlerin bis zur Frau Doktor. Die Not macht nicht vor einer Mahagonitür halt.“

Gut zugehört, genau beobachtet

Van Wysn hat Obdachlosen aufmerksam zugehört und sehr genau beobachtet, um eine glaubwürdige Geschichte zu konstruieren. Am Anfang tun sie sich mit dem Sprechen schwer, erklärt van Wysn. Obdachlose sind es nicht gewohnt, dass man mit ihnen redet und noch weniger, dass man ihnen Fragen stellt. Dabei hätten sie einen „großen Redebedarf“ und würden sich über ein nettes Gespräch mehr freuen, als über das „zehnte Brötchen“ am Tag. Obgleich neben warmen Worten auch wärmende Sachspenden wie Schuhe immer willkommen seien. So verwundert es nicht, dass Kommissar Oder beim Verlassen des Obdachlosenheims dem Sozialarbeiter Hundert Euro in die Hand drückt, „Für Kaffee!“

Dem Gutmenschen Oder ist sein Vorgesetzter, Polizeirat Impe, ein Dorn im Auge. Eine Woche nur gibt er ihm, um den Fall aufzuklären. Dabei ist es offensichtlich, dass der „Penner Paule“ unter Gewalteinwirkung verstorben ist, so übel zugerichtet ist sein Gesicht. Im Gegensatz zu seinen Kollegen hält Oder den Fall nicht für eine einfache „Schlägerei im Pennermilieu“. Sein Bauchgefühl scheint ihm Recht zu geben, als die neue Forensikerin, „ein Rauschgoldengel in der Rechtsmedizin“, auf dem Gesicht des Toten den Abdruck eines Buchtstabens entdeckt, hinterlassen von einem Schlagring. Der Kommissar folgt der Spur, wagt sich damit in dunkle Gefilde vor und deckt düstere Machenschaften um den Mord auf.

Flüssige Alltagssprache

„Kein Erbe ohne Tod“ ist in dem noch jungen Bremer Just Tales Verlag erschienen. Van Wysn hat den 300-Seiten starken Krimi in nur wenigen Monaten in flüssiger, leicht verständlicher Alltagssprache geschrieben. Als seichte Unterhaltungslektüre richtet er sich primär an Fans des Genres, der Autorin ist aber auch daran gelegen, ihre Leser „zum Nachdenken anzuregen“. Daher sollte die Umschlaggestaltung im Fantasy-Stil nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Recherche zum Obdachlosenmilieu die Geschichte aus soziologischer Perspektive interessant macht. Eine sprachliche und stilistische Überarbeitung wäre jedoch wünschenswert gewesen, auch oder gerade weil der Stil der Autorin, die sich selbst eher als „Schreiberling“ sieht, eine Leidenschaft für die Sprache erkennen lässt und ihr zweiter Krimi einen charmanten Wortwitz aufweist. Dieser zeigt sich zu schließlich auch in dem von ihr geschickt gewählten Pseudonym, das auf ihr großes Vorbild der Kriminalliteratur verweist und auf dem Buchumschlag erst entdeckt werden muss – wobei in diesem Fall der Vor- und nicht der Nachname die Person ausmacht!

Die nächste Lesung aus „Kein Erbe ohne Tod“ findet am 23. März um 16 Uhr auf der Leipziger Buchmesse statt (Leseinsel Halle 2, Stand K302). In Bremen kann man Agatha van Wysn live am 15. März in der Leuchtturmfabrik, Münchener Straße 58, erleben. Um 18 Uhr liest sie hier aus dem ersten Band um Kommissar Oder vor, „Morgenmuffel“. Ein dritter Band der Krimireihe ist in Planung.

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