Ehemalige der Schule an der Glockenstraße erinnern sich noch 60 Jahre später daran Es roch nach Malz und Teer

Wenn man sich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat, fällt das Wiedererkennen manchmal schwer. Aber spannend ist es trotzdem, viele der ehemaligen Mitschüler wiederzutreffen, die im Jahr 1953 bei der Einschulung in der Glockenstraße dabei waren. Beim gemeinsamen Gang durch das Schulgebäude werden spontan Erinnerungen wachgerufen.
18.04.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christiane Tietjen

Wenn man sich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat, fällt das Wiedererkennen manchmal schwer. Aber spannend ist es trotzdem, viele der ehemaligen Mitschüler wiederzutreffen, die im Jahr 1953 bei der Einschulung in der Glockenstraße dabei waren. Beim gemeinsamen Gang durch das Schulgebäude werden spontan Erinnerungen wachgerufen.

Hemelingen. Eine stolze Anzahl von 54 Schülerinnen und Schülern wurde im Jahr 1953 in der Glockenstraße eingeschult. Manche von ihnen blieben vier Jahre zusammen, andere sechs oder neun Jahre, je nach weiterem Bildungsweg. Darum war es auch schwierig und das erste Mal, dass Hans-Günther Heuß und Rainer Grebe den Versuch starteten, zum 60. Jahrestag alle zu versammeln. 24 Frauen und Männer – die weiteste Anreise hatte ein Ehemaliger aus Speyer – sind es dann schließlich, die erwartungsvoll den großen Schulhof überqueren, um zu sehen, was da an Eindrücken und Erinnerungen auf sie zukommt.

Früher trugen sie Schulranzen auf dem Rücken, mit Schiefertafeln und Griffelkasten darin, an der Seite baumelten Lappen und Schwamm. "Oft roch es nach verbranntem Sand von der Glockengießerei", sagt Hans-Günther Heuß, dem die damals wahrgenommenen Gerüche noch sehr gegenwärtig sind. Die Glockengießerei Otto war bis 1974 ein wichtiger Bestandteil Hemelingens, genauso wie die Brauerei. "Den Geruch von Malz und Teer, mit dem die Toiletten der Jungs gestrichen worden waren, werde ich auch nie vergessen", ergänzt Heuß, bevor sich die Gruppe in Marsch setzt und den Rundgang durch die Schule fortsetzt.

Der ehemalige Klassenraum wird inspiziert mit dem lapidaren Kommentar: "Hier fing das ganze Elend an." Gut, dass da gleich Brigitte Röseler mit ihrer Schultüte in leuchtendem Lila zur Stelle ist, darin sind tröstende Bonbons. Ja, früher sah das hier anders aus, konstatiert man, es gab Drehstühle und Tintenfässer, die in die Tische eingelassen waren. Unauslöschlich im Gedächtnis ist für Brigitte Röseler, die heute in Gröpelingen wohnt und mit Mädchennamen Stelter hieß, der Tag, an dem Rainer Grebe solch ein Tintenfass zum Malen benutzte. Als Pinsel nahm er dazu nämlich ihre blonden Zöpfe, und sie weiß noch genau, wie ihr neues zitronengelbes Kleid danach aussah. Grebe dagegen hat diese Untat vergessen, ist ein wenig verlegen der Ansicht, nach mehr als einem halben Jahrhundert sei die Sache vergessen. Brigitte Röseler lacht und nimmt ihn in den Arm.

Auch die Klassenlehrerin Mariechen Kuhlmei ist den meisten noch gegenwärtig. Zwei Frauen fangen an zu kichern, sie denken daran, wie Frau Kuhlmei ihren Strickrock weit herunterzog, um zu demonstrieren, dass früher die Damen lange Kleider trugen. Manchmal begutachtete die Pädagogin mit dem Haarknoten – sie stammte aus einer Neustädter Bauernfamilie – auch die Schulbrote und äußerte Anerkennung, wenn sie ein Salatblatt darauf fand.

Lang ist‘s her. Heute würden wohl kaum die "besseren" Schülerinnen zum Kaffeekochen fürs Lehrerzimmer abkommandiert werden oder die Jungen sich über das Strammstehen im Sportunterricht beschweren. Überrascht stellt die Ehemaligen-Gruppe jedoch fest, dass es die ausgestopften Vögel noch gibt – nur der Schrank ist neu. "Das schöne Klavier ist weg." Rainer Grebe klingt enttäuscht. In der Zwischenzeit ist man im zweiten Stockwerk angekommen, das weitere Erinnerungen birgt.

Ganz langsam sind alle wieder miteinander warm geworden, das Auflebenlassen der alten Zeiten hat so manches Gesicht nachdenklich oder fröhlich gestimmt. In kleinen Grüppchen spazieren die Ehemaligen noch durchs Quartier und lassen das Wiedersehen in Seekamps Centralhallen ausklingen.

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