Bremen-Mitte

Es wird enger für die Jugendarbeit

Wegen finanzieller Engpässe müssen die Träger der offenen Jugendarbeit Angebote streichen. Manche Träger fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen.
06.02.2019, 20:24
Lesedauer: 6 Min
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Von Matthias Holthaus
Es wird enger für die Jugendarbeit

Reduziertes Angebot: Das Jugendzentrum "Die Friese" in der Friesenstraße kann sein Jugendcafé nur noch an drei Nachmittagen in der Woche öffnen.

PETRA STUBBE

Anderer Ort, gleiche Sorgen: Bereits im vergangenen Jahr haben sich die Träger der offenen Jugendarbeit mit den Beiräten Mitte und Östliche Vorstadt getroffen, um auf die prekäre Finanzsituation aufmerksam zu machen. Im März 2018 erzählten sie im Kulturzentrum Lagerhaus von Kürzungen, nötig gewordenen Einsparmaßnahmen, Stundenreduzierungen und der dennoch vorhandenen Bereitschaft, qualitativ hochwertige Jugendarbeit leisten zu wollen.

In der jüngsten gemeinsamen Sitzung der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt im Wall-Saal der Stadtbibliothek berichteten die Träger der offenen Jugendarbeit aus den beiden Stadtteilen abermals von den gleichen Nöten. Diesmal spielte jedoch mit „Patchnoise“ auch noch eine Band aus dem Jugendkulturzentrum Friese.

Ein Déjà-vu, könnte man meinen und darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Es hat dann auch niemand gelacht, als die Träger ihre Arbeit und ihre Nöte den Beiräten und dem zahlreich erschienenen Publikum vorstellten. „Sieben Einrichtungen, die aus städtischen Mitteln getragen werden, sollen heute darlegen, warum und welche Arbeit sie machen“, beginnt Daniel de Olano vom Controllingausschuss der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt die Sitzung. „Diese Jugendarbeit wird über das Stadtteilbudget bezahlt, welches über den Controllingausschuss verwaltet wird.“

Dieser Etat, der im Jahr 2019 483.000 Euro beträgt, sei jedoch seit Jahren deutlich überbucht. „Das, was die Träger machen wollen, übersteigt das, was wir von der Stadt bekommen.“ Die Jugendarbeit jedoch entwickele sich weiter und zusätzliche Angebote einzubringen heiße dann, andere Angebote zu streichen. „Vor einem Jahr haben wir das Thema besprochen und gesagt, dass wir dem Budget nicht zustimmen. Heute enthalten wir uns.“

"Jugendarbeit sollte gestärkt und nicht gekürzt werden"

„So was Cooles gibt es in Nienburg nicht“, sagt eine der beiden Sängerinnen von Patchnoise, und sie muss es wissen. Einmal in der Woche fährt sie von Nienburg nach Bremen, um in der „Friese“ mit der Band zu proben. Auch cool: das Jam-Café oder die Möglichkeit, zu essen oder mitzukochen. „Es ist bloß schade, dass dort alles alt, abgewetzt und kühl ist, doch alle Leute da geben sich Mühe, dass wir da die Möglichkeiten haben.“ Einer dieser Leute ist Michael Quast, der bedauert, dass die Friese keinen Tariflohn zahlen kann. „Durch die reduzierten Gelder können wir das Jugendcafé nur noch an drei Nachmittagen öffnen“, sagt er. Dabei sei Jugendarbeit präventiv: „Jugendarbeit sollte gestärkt und nicht gekürzt werden.“

Sielwallhaus

Viel Geld fließt beim Sielwallhaus in nötige Sanierungsarbeiten.

Foto: Petra Stubbe

Auch das Mädchenkulturhaus des „Bundes Deutscher Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (BDP) in der Heinrichstraße hatte mal mehr Öffnungstage, 2016 waren es noch vier, doch momentan ist ein betreutes Angebot nur an 2,5 Tagen pro Woche möglich (wir berichteten). „Das Haus ist offen für Menschen, die als Mädchen geboren und aufgewachsen sind und sich als Mädchen fühlen“, erzählt Aretta Mbaruk. „Allen Besucherinnen ist gemein, sich in einem geschützten Raum frei entfalten zu können. Offener Treff, internationales Kochen, Kreativangebote, Hilfe bei Hausaufgaben und mehr – das Haus wird vielseitig von offenen Gruppen genutzt.“

Mehr Geld werde benötigt, um mehr Stunden öffnen zu können. „Zu uns kommen viele, die Brüche in ihrer Biografie haben. Das ist sehr zeitintensiv, wir können das in dem bisherigen Umfang nicht mehr anbieten.“ Das Gebäude ist aber auch ein Teil des Problems, berichtet sie: „Wir vom BDP sind für den Unterhalt des Hauses zuständig, aber auch die Verwaltung wird immer teurer. Jetzt müssen wir realistisch sein und sichtbar machen, dass nicht genug Geld da ist.“

"Wir sehen riesige strukturelle Defizite in der Jugendarbeit"

Der Erhalt des Hauses ist nicht nur für das Mädchenkulturhaus ein finanziell belastender Aspekt. Auch das BDP-Haus Am Hulsberg muss erhebliche Mittel aufwenden, um das Gebäude in Schuss zu halten. „Wir fühlen uns als Träger von der Stadt im Stich gelassen“, sagt Henrik Sorgalla. „Wir übernehmen die Aufgabe der Instandhaltung der städtischen Häuser gerne, doch die Voraussetzungen müssen stimmen.“ Strom, Gas, Wasser, aber auch den Bau behindertengerechter Toiletten – was in den Erhalt der Immobilie fließt, fehlt in der Jugendarbeit: „Wir sehen riesige strukturelle Defizite in der Jugendarbeit. Es wäre unverzichtbar, eine Zeitenwende hinzukriegen und mehr Geld in die Jugendarbeit zu stecken.“ Schulen aus der ganzen Stadt, selbstverwaltete Gruppen, Flüchtlingseinrichtungen – die Zusammenarbeit mit verschiedensten Partnern steht im BDP-Haus auf dem Programm: „Wir haben versucht, das zu professionalisieren, doch das Budget reicht nicht. Um bestimmte Zielgruppen zu erreichen, bräuchte man Profis, doch das kostet Geld.“

Die Buchte

Hat Probleme ohne hauptamtliche Arbeit: das Jugendhaus Buchtstraße.

Foto: Petra Stubbe

Rein ehrenamtlich wird das Sielwallhaus betrieben. „Wir haben 350 bis 360 Tage im Jahr geöffnet, die Jugendlichen gestalten die Angebote selbst“, erklärt Rolf Hundack. Dann wird viel diskutiert, über Politik oder Geschlechterverhältnisse etwa, es gibt aber auch Siebdruck, Sportangebote oder Kochen. „Es kommt darauf an, was die Jugendlichen daraus machen. Wir schaffen die Strukturen.“ Auch das Sielwallhaus steht vor einem Problem: „Wir müssen alle Reparaturen im Haus selbst bezahlen. Wir bräuchten eine Einrichtung, wo wir nicht so viel Geld und Arbeit in die Sanierung stecken müssten.“ Und ein ordentlicher Mietvertrag wäre gut, ergänzt seine Kollegin, „ein Mietvertrag, der nicht alle drei Monate verlängert wird.“

Der Erhalt des Hauses ist auch im Jugendhaus Buchtstraße immer wieder Thema: Alles, was ansteht, werde selber verwaltet, das sei manchmal zu viel, meint eine Vertreterin der Buchte. „Wir haben kein hauptamtliches Personal, wir schreiben Anträge und Rechnungen und organisieren Jugendreisen. 365 Tage im Jahr haben wir geöffnet.“ Es gebe politische Gruppen, Gruppen zum Thema Klima, Kochgruppen oder auch Beratungsangebote für Jugendliche mit Fluchthintergrund. „Ohne hauptamtliche Arbeit geht es aber nicht“, fügt Jana Seemann hinzu. „Ich wünsche mir eine stadtweite Lösung, um Jugendarbeit auskömmlich zu finanzieren.“

Liste der Defizite ist lang

Eine auskömmliche Förderung wünscht sich wohl auch Ulli Barde vom Sportgarten: „Wir machen Sport, kommen aber auch ins Gespräch und organisieren viele Veranstaltungen. Es passiert unheimlich viel. Die Projekte können aber nur stattfinden, wenn die Mittel da sind.“ Die Liste der Defizite ist auch beim Sportgarten lang, wie eine Präsentation zeigt: Die Förderung stagniert seit Jahren, Betriebs- und Instandhaltungskosten steigen, die Skateranlage im Postamt 5 ist nicht abgesichert. Ferienfahrten und Exkursionen fallen aus, Jugendbeteiligung wird eingeschränkt, digitale Bildung fehlt. Die Nachwuchsqualifizierung sieht der Sportgarten gefährdet, zudem heißt es: „Integration und Inklusion braucht Fachkräfte.“

Schwierige soziale Bedingungen und Strukturen würden rund um die St. Michaelis-Gemeinde am Doventorsteinweg bestehen, erzählt Joachim Kuhlmann von der Gemeinde St.-Michaelis-St.-Stephani. „Das aufzuwerten, wäre ein Anspruch, doch dafür bräuchten wir weiterhin die Gelder.“ Die Gemeinde sei der einzige Träger, der dort zur Verfügung stehe: „Unser Interesse war, für benachteiligte Jugendliche Angebote zu haben.“

8000 Euro pro Jahr

8000 Euro erhalte die Gemeinde pro Jahr, um auf dem eigenen Spielplatz Programm zu gestalten. „Wir haben auch versucht, in einem Laden in der Falkenstraße etwas zu entwickeln, das ist aber nur mit Ehrenamtlichen schwierig zu gestalten. Zudem ging das Gros der zur Verfügung gestellten Mittel in Höhe von 28 000 Euro für die Miete drauf.“ Nun werde das Angebot in der Gemeinde weitergeführt, für die 28.000 Euro solle eine Erzieherin bezahlt werden.

In dem anschließenden Beschluss begrüßen die Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt zwar, dass es in den vergangenen Jahren zu einer moderaten Erhöhung der Haushaltsansätze gekommen sei, sie stellen jedoch fest, dass es im gemeinsamen Controllingausschuss weiterhin nicht möglich sei, die Anträge der sieben Träger aus den vorhandenen Budgets hinreichend zu bewilligen. „Viele von den Trägerinstitutionen angeregte Angebote können daher nicht vorgehalten werden. Für neue Angebote und zusätzliche Trägerinstitutionen gibt es keinen angemessenen Spielraum. Die Beiräte können daher der von der Leitung des Sozialzentrums vorgeschlagenen Budgetierung für das Jahr 2019 nicht zustimmen, sondern enthalten sich der Stimme.“

An Senat und Stadtbürgerschaft geht der Appell, „der Arbeit der offenen Jugendarbeit in den Stadtteilen bei zukünftigen Haushaltsaufstellungen eine angemessene Wertschätzung entgegenzubringen und die öffentlichen Mittel deutlich zu erhöhen“. Außerdem fordern die Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt eine finanziell und organisatorisch entlastende Regelung „hinsichtlich der baulichen Bedarfe der von der Stadt für die offene Jugendarbeit zur Verfügung gestellten Liegenschaften“. Für den Sportgarten regen die Beiräte aufgrund der stadtteilübergreifenden Relevanz der Angebote zudem einen eigenen Haushaltstitel an.

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