Sozialarbeiterin Janina Kutschan will im Vertretungsjahr im Sasu Jugendliche ans Schauspiel heranführen

Es wird theatral

Oberneuland. „Toaster“, ruft Feline in die Runde. Ihr Blick ist dabei auf Finn gerichtet, der umgehend zu hüpfen beginnt.
12.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Brandstätter
Es wird theatral

Neben einer Sprechprobe, wie hier im Bild, ging es zunächst beim Aufwärmen um Gefühle, Reaktionen und Improvisation.

PETRA STUBBE

Oberneuland. „Toaster“, ruft Feline in die Runde. Ihr Blick ist dabei auf Finn gerichtet, der umgehend zu hüpfen beginnt. Er ist der Toast. Philipp und Maria, die rechts und links von ihm stehen, eilen herbei, die Arme nach vorne ausgestreckt. Sie umschließen den hüpfenden Finn und markieren somit den Toaster. Feline, die in der Mitte des Kreises steht, ist zufrieden, wendet sich Jacob zu und ruft „James Bond“. Der 13-Jährige zückt eine unsichtbare Pistole, während er von seinen beiden Nachbarinnen lautstark bekniet und angeschmachtet wird. „James, oh James“, tönt es durch die Turnhalle. Feline schüttelt den Kopf. „Zu langsam.“

Nun muss Jacob in die Mitte. Janina Kutschan, Sozialarbeiterin im Jugendzentrum Sasu, unterbricht kurz. „Jetzt nehmen wir noch das kotzende Känguru dazu.“ Die Begeisterung der Jugendlichen ist nicht zu übersehen. Im Sekundentakt wird jetzt gehüpft, geschmachtet und spontanes Erbrechen simuliert. Kutschan ist zufrieden. Das Reaktionsspiel klappt gut. Es ist Teil des Aufwärmtrainings in ihrem Schauspiel-Workshop, den sie parallel zu einer Improvisations-Theater-Gruppe im Sasu anbietet.

Kutschan ist vom Fach. Die Sozialpädagogin ist gelernte Schauspielerin und hat vor ihrer Interimsvertretung in Oberneuland schon zahlreiche Schauspielkurse geleitet. „Allerdings noch nie mit so jungen Teilnehmern wie hier im Sasu“, erzählt sie. Ein Theaterstück zu erarbeiten stehe erst einmal nicht im Vordergrund, sagt die 36-Jährige, sei aber später absolut denkbar. Zunächst gehe es darum, den Mut zu fassen, sich vor anderen zu öffnen. „Ich betone deshalb ganz oft, dass ein Workshop ein angstfreier Raum ist, in dem niemand ausgelacht wird.“ In der Regel gehe am Ende jeder mit einem gestärkten Selbstbewusstsein aus dem Kursus. „Sich selbst zu überwinden und sich so zu zeigen, wie man ist – das ist eine wertvolle Erfahrung“, erklärt Kutschan.

Das Aufwärmtraining ist inzwischen in die nächste Runde gegangen. „Wir spielen jetzt Zip, Zap, Boing, Pow“, kündigt Kutschan an. Dabei wird reihum in die Hände geklatscht, allerdings mit Richtungsansage. „Zip“ steht für links, „Zap“ für rechts, „Boing“ gibt den Klatscher retour. Klarer Favorit bei den Jungs ist „Pow“, mit dem man den Klatscher quer durch den Stehkreis schicken kann. Schnell beginnen Finn, Jacob und Philipp, an ihrer Performance zu feilen. Unsichtbare Gewehre werden umständlich durchgeladen, angelegt und in Actionfilm-Manier abgefeuert: „Pow!“

Als Nächstes stehen Gefühle auf dem Plan. Die Begeisterung der Kinder ist zunächst leicht verhaltend. Sie sollen in Zweiergruppen einen kurzen Dialog auswendig lernen und darstellen. Auf Zuruf des Publikums soll ihre Stimmung dabei mal als wütend, traurig oder heiter zu erkennen sein. Philipps und Finns Szene spielt in einem Fachgeschäft für Regenschirme. Philipp hätte gerne ein Exemplar in Rot oder Rosa, Finn zeigt ihm das Sortiment. Ende der Szene. Auf Kutschans Frage, unter welchem Oberbegriff die Szene wiederholt werden soll, macht zunächst „neugierig“ das Rennen. Die Jungs geben alles – entsprechend positiv ist die Reaktion des Publikums. „Mich hat das überzeugt“, sagt Feline. Emily und Maria nicken zustimmend. „Jetzt wütend“, lautet der nächste Auftrag. Das findet Finn weitaus schwieriger als sein Gegenüber. Die Darstellung von Wut ist dabei nicht sein Problem, vielmehr die Etikette. „Als Verkäufer darf ich meine Kundschaft doch nicht unfreundlich bedienen“, erklärt er sein Dilemma. Nach längerer Diskussion stellt er sich der Herausforderung – doch seine gute Kinderstube siegt. Während Kunde Philipp auftragsgemäß drauflos motzt, schluckt Verkäufer Finn seinen Ärger erkennbar herunter. Kutschan ist begeistert, dass die Jungs ihre Rollen so ernst nehmen. „Toll gemacht“, lautet ihr Fazit. Die Jungs kontern mit Freude.

Ihre Ausbildung zur Schauspielerin hat Kutschan in Hamburg absolviert. Anschließend war sie auf der Bühne und in einem Kurzfilm zu sehen, stand unter anderem mit Hans-Peter Hallwachs und Helmut Krauss im Hörspielstudio und war Mitglied in einem bayerischen Theater-Ensemble.

Elf Jahre lang lebte sie von der Schauspielerei, doch die Freude am Job sei immer wieder von Existenzsorgen überschattet gewesen, erzählt Kutschan. „Als Ensemblemitglied bekommt man wenig Geld für viel Arbeit“, erklärt sie. „Wenn man aber keinem Ensemble angehört, ist nach jedem Engagement ungewiss, wie es weitergeht.“ Schließlich entschied sie sich für das Sozialpädagogik-Studium, „und das habe ich keinen Tag bereut“. Die Verbindung beider Berufe habe sich als ihre wahre Berufung herausgestellt, erzählt sie. Während ihrer Zeit in Oberneuland hofft sie, mit der Improvisations-Theater-Gruppe eine Vorstellung auf die Beine zu stellen und vielleicht sogar zusätzlich ein klassisches Theaterstück. Zeit bleibt ihr dafür bis kommenden Sommer, dann endet ihr Vertretungsjahr für Carina Albers. Wo es dann für sie weitergeht, weiß Kutschan noch nicht genau. „Eventuell in Berlin – vielleicht aber auch in Wien.“

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