Vor 25 Jahren erste deutsche bemannte Weltraummission dank Know-how und Technik aus der Hansestadt Europas Weg ins All führt über Bremen

Bremen. Vor einem Vierteljahrhundert startete die erste bemannte Weltraummission unter deutscher Führung vom amerikanischen Cape Canaveral in den Orbit. Das in Bremen entwickelte Weltraumlabor Spacelab war Herzstück der sogenannten D1-Mission. In ihm wurden eine Woche lang Experimente zur Grundlagenforschung in der Schwerelosigkeit ausgeführt. Die Mission gilt heute als Schlüsselmoment der europäischen Raumfahrt. Der Erfolg des Unternehmens stand zwischenzeitlich auf Messers Schneide.
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Von Sebastian Manz

Bremen. Vor einem Vierteljahrhundert startete die erste bemannte Weltraummission unter deutscher Führung vom amerikanischen Cape Canaveral in den Orbit. Das in Bremen entwickelte Weltraumlabor Spacelab war Herzstück der sogenannten D1-Mission. In ihm wurden eine Woche lang Experimente zur Grundlagenforschung in der Schwerelosigkeit ausgeführt. Die Mission gilt heute als Schlüsselmoment der europäischen Raumfahrt. Der Erfolg des Unternehmens stand zwischenzeitlich auf Messers Schneide.

Wissenschaftsastronaut Ernst Messerschmid hat Jahre gebraucht, um seine Eindrücke von der D1-Mission zu verarbeiten. 'Das Prägnanteste war der Start. Es fühlte sich an wie ein acht Minuten langer Tritt in den Hintern', erinnert sich der heute 65-Jährige. Binnen weniger Augenblicke beschleunigte die Trägerrakete, die das Space Shuttle samt Crew und Spacelab an jenem 30. Oktober 1985 in den Orbit beförderte, auf über 28000 Stundenkilometer. Dem einen Extrem folgte binnen Minuten ein weiteres: die Schwerelosigkeit. Besonders faszinierte Messerschmid in diesem Zustand der Blick in den Spiegel. 'Man sieht zehn Jahre jünger aus', sagt der Physiker. Das liege an der Reaktion verschiedener Körperflüssigkeiten auf die Schwerelosigkeit. Viel Zeit hatte die siebenköpfige Crew allerdings nicht, um Blicke ins All zu werfen oder sich im Spiegel zu begutachten. Ein Leck in einem Entsorgungsschlauch drohte die Mission zu gefährden.

Das Kontrollzentrum war kurz davor, nach nur zwei Tagen eine Notlandung einzuleiten. Unter großen Anstrengungen und mit viel Improvisationstalent gelang es der Mannschaft im letzten Moment, den Schaden zu beheben. Henry W. Hartsfield, amerikanischer Kommandant der Raumfähre, schwärmt noch heute von dieser Leistung. 'Es war erstaunlich, wie schnell sich das internationale Team zurechtfand.'

Wendepunkt für Europas Raumfahrt

'Existenzielle Angst hatte ich aber nur, wenn ich an die vielen Professoren dachte, die auf unsere Ergebnisse warteten', sagt Messerschmid. Insgesamt 75 Versuchsanordnungen betreuten die Wissenschaftler während ihres einwöchigen Weltraumaufenthalts. Bis zu 18 Stunden dauerte ein Arbeitstag. Hauptsächlich waren die Versuche darauf ausgelegt, Erkenntnisse für die Grundlagenforschung zu gewinnen. 'Nach der Mission mussten einige Lehrbücher umgeschrieben werden', berichtet der Astronaut. Konkrete Ergebnisse lieferten die ersten Experimente für so unterschiedliche Bereiche wie Gießereitechnik oder Gleichgewichtsforschung.

'Wäre die Mission nicht so überaus erfolgreich gewesen, möchte ich gar nicht wissen, was aus der europäischen Raumfahrt oder Bremen als Raumfahrtstandort geworden wäre', sagt Hubert Reile vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). D1 steht für 'Deutschland 1' und stellte den Wendepunkt in der bis dahin bescheidenen Geschichte europäischer Raumfahrt dar. 'Wäre es damals nicht so gut gelaufen, wäre vieles von dem, was folgte, nicht mehr politisch zu rechtfertigen gewesen', sagt Reile.

Astrium konstruierte zwei Spacelabs. Die Weltraumlaboratorien wurden auf insgesamt 22 Missionen geschickt. Zur internationalen Raumstation ISS steuerten die Bremer das Columbus-Labor bei. Diese Plattformen haben es Wissenschaftlern in den vergangenen Jahren ermöglicht, immer mehr konkret anwendbare Erkenntnisse aus ihren Experimenten zu gewinnen. 'Die Erntezeit ist inzwischen da', sagt Rupert Gerzer vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin. Zu den spektakulärsten Durchbrüchen zählten neue Erkenntnisse über die Blutdrucksteuerung des Menschen. Durch dieses Wissen seien nun völlig neue Therapieansätze möglich. Aber auch bei der Erforschung neuer Materialien oder alternativen Energiekonzepten sei Wegweisendes gelungen.

Darüber, wohin die Reise der bemannten Raumfahrt geht, gibt es unterschiedliche Ansichten. DLR-Mann Hubert Reile glaubt etwa nicht, dass es einen Nachfolger der ISS-Raumstation geben wird. 'Vermutlich wird in Zukunft wieder auf kleinere Einheiten gesetzt', sagt er. Astrium-Chef Evert Dudok will sich für eine Verlängerung der ISS-Mission einsetzen. Er sieht zudem ein großes Potenzial in Erkundungsmissionen zu Mond, Mars und Asteroiden. Wie auch immer die künftige Raumfahrt aussieht - Bremen wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine zentrale Rolle spielen. 'Das Know-how aus der Spacelab-Entwicklung hat uns bei vielen weiteren Projekten geholfen', sagt Evert Dudok. Bremen sei zum industriellen Zentrum der europäischen Raumfahrt aufgestiegen.

Damit dies auch in Zukunft so bleibt, ist das Unternehmen auf hochqualifizierten Nachwuchs angewiesen. Aus diesem Grund hat die Firma den 'Astrium-Spacelab-Preis' gestiftet. Er wird ab 2011 jedes Jahr an herausragende Nachwuchsingenieure verliehen.

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