Synode beschließt Einsparungen

Evangelische Kirche steht vor Umbruch

Ein Drittel der Pastorenstellen im Oldenburger Land wird gestrichen. Die Entscheidung der Synode trifft auch die Wesermarsch.
03.06.2018, 17:58
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulla Uden und Barbara Wenke
Evangelische Kirche steht vor Umbruch

Pro Jahr verliert die evangelische Kirche im Oldenburger Land 1,34 Prozent ihrer Mitglieder. Die Landeskirche Oldenburg reagiert darauf jetzt mit einem drastischen Schritt und wird bis zum Jahr 2030 ein Drittel der Pfarrstellen streichen. Unser Bild zeigt die St.-Gallus-Kirche in Altenesch.

Köglin

Wesermarsch. Die evangelische Kirche steht im Oldenburger Land vor einem Einschnitt. Bis zum Jahr 2030 will die Landeskirche ein Drittel der Pfarrstellen streichen. Das hat die Synode jetzt beschlossen. Die Veränderung zeichnet sich bereits seit Monaten ab. Die Synode hat als oberstes Gremium der Oldenburger Kirche diesen Beschluss mit großer Mehrheit gefasst. Diese Entscheidung wird auch die Zahl der Pastorenstellen in der Wesermarsch reduzieren.

Von derzeit 250 soll die Zahl der Pfarrstellen im Bereich der oldenburgischen Kirche auf 173 reduziert werden. In dieser Gesamtzahl sind nicht nur Pfarrer enthalten, die eine Gemeinde betreuen. Dazu gehören auch Stabsstellen und Sonderaufgaben wie Pastoren an Kliniken. Jeder Pfarrstelle sollen 2000 Gemeindeglieder zugeordnet werden. Noch unklar ist, wie viele Pfarrstellen für kirchliche Aufgaben außerhalb der Gemeindearbeit festgeschrieben werden. Dazu gab es bei der Synode eine Reihe von Anträgen. Die Entscheidung ist vertagt worden. Jens Möllmann, Kreispfarrer in der Wesermarsch, fürchtet, dass der Schlüssel von 1:2000 faktisch dazu führen wird, dass ein Gemeindepfarrer für mehr als 2000 Gemeindemitglieder zuständig sein wird.

Die oldenburgische Kirche reagiert mit der Reduzierung der Anzahl der Pfarrer auf den steten Mitgliederschwund. Pro Jahr verliert die evangelische Kirche im Oldenburger Land 1,34 Prozent ihrer Mitglieder. Die Entwicklung in der Wesermarsch ist entsprechend, weiß der Kreispfarrer – wobei es lokale Unterschiede gibt. Dieser Trend hält seit Jahrzehnten an. So zählte die evangelische Kirche im Landkreis Wesermarsch im Jahr 1990 noch 65 304 Mitglieder. Aktuell sind es 46 069, also rund ein Drittel weniger.

Auf diese Entwicklung muss die Kirche allein schon aus finanziellen Gründen reagieren. Durch die beschlossene Verminderung der Pfarrstellen will die oldenburgische Kirche bis zum Jahr 2030 rund 71 Millionen Euro einsparen. Ein weiteres Problem, das die Kirche zum Handeln drängt, ist der fehlende Pastorennachwuchs.

Die rund 60 Synodalen sowie Gäste und Mitarbeitende der oldenburgischen Kirche tagten in Rastede. Das Kirchenparlament hat neben dem Pfarrstellenplan 2030 einen Maßnahmenkatalog beschlossen, der 88 Handlungsfelder beschreibt, in denen bis zum Jahr 2030 ein Einsparpotenzial von rund 124 Millionen Euro erreicht werden soll. Damit soll die oldenburgische Kirche bis 2030 einen ausgeglichenen Haushalt erreichen.

Was bedeutet der Beschluss der Synode für die Kirchengemeinden in der Wesermarsch? Legt man den Schlüssel von 2000 Gemeindegliedern pro Pfarrstelle an, dann werden insbesondere auf die evangelischen Christen in Butjadingen weitere Veränderungen zukommen.

In Butjadingen gibt es sechs Kirchengemeinden mit insgesamt 3411 Mitgliedern. Um die kümmern sich Pastoren auf insgesamt 3,25 Stellen. Das sind die Pastoren Klaus Braje, Mario Testa, Joachim Tönjes und Matthias Kaffka. Nach dem neuen Schlüssel stünden Butjadingen, ausgehend von der aktuellen Mitgliederzahl, nur noch 1,75 Stellen zu. In der Küstengemeinde mit ihren kleinen Kirchengemeinden Burhave (1199 Mitglieder), Stollhamm (726), Langwarden (462), Tossens (365), Eckwarden (352) und Waddens (307) hat sich die Struktur der pastoralen Betreuung bereits in den vergangenen Jahren stark verändert. Noch bis in die 1990er-Jahre hinein hatte jede Gemeinde ihren eigenen Pfarrer.

In Stedingen, südlich der Hunte, gibt es fünf Kirchengemeinden mit insgesamt 6736 Mitgliedern. Betreut werden sie von vier Pastoren auf 3,5 Stellen. Damit sind die fünf Kirchengemeinden in den beiden politischen Gemeinden Lemwerder und Berne bereits sehr nah dran an den Vorgaben der Synode.

Jochen Dallas und Arne Hildebrand kümmern sich um 2698 Gemeindeglieder in der Kirchengemeinde Altenesch-Lemwerder. Pastor Hildebrand besetzt zudem eine viertel Stelle bei der Kirchengemeinde Bardewisch (399 Mitglieder). In Berne ist Pastor Thomas Ehlert für 2303 Gemeindeglieder zuständig. Ingmar Hammann verwendet drei Viertel seiner vollen Stelle für die Kirchengemeinden Warfleth (1044 Mitglieder) und Neuenhuntorf (292 Mitglieder). "Solange wir vier Kollegen hierbleiben, wird sich an der Anzahl nichts ändern", sagt der Altenescher Pastor Jochen Dallas. "Wenn sich allerdings ein Kollege auf eine andere Stelle bewerben sollte oder aus sonstigen Gründen weggeht, ist die Gefahr groß, dass ein Teil seiner Stelle wegfällt." So wisse er beispielsweise nicht, in welchem Umfang seine Stelle wiederbesetzt werde, wenn er in den Ruhestand geht, sagt Jochen Dallas.

In Stedingen haben sich die Kirchengemeinden bereits auf den Weg in die Zukunft begeben. Die vier Pastoren beraten sich intensiv mit den Mitgliedern der Kirchenräte, wie die Gemeindearbeit in Zukunft gestaltet werden kann. "Wir werden mit Sicherheit Dinge zusammenschließen", blickt Dallas voraus. Erste Kooperationen liefen bereits, eine weitere ist in Sachen Kirchenmusik fest vereinbart: Wenn der Leiter des Posaunenchors Altenesch Ende Juni in den Ruhestand geht, wird die Berner Kantorin Natalia Gvozdkova die Leitung übernehmen.

Im Laufe der nächsten Jahre werde zudem geschaut, wie hinsichtlich der Arbeit auf den Friedhöfen und in den Kindergärten kooperiert werden könne. In den Stedinger Kirchengemeinden werde es 2030 keinen großen Umbruch geben, betont der Lemwerderaner Pastor. "Wir haben jetzt zwölf Jahre Zeit, unsere Arbeit umzugestalten."

Auch im Stadtgebiet von Nordenham dürften die Auswirkungen des Beschlusses der Synode zumindest zunächst keine tief greifenden Auswirkungen haben. In der Kirchengemeinde Blexen kümmern sich zwei Pfarrer um 3657 Mitglieder. In der Kirchengemeinde Nordenham mit ihren 5775 Mitgliedern sind zweieinhalb Pastorenstellen besetzt. Abbehausens Pfarrer Matthias Kaffka ist zuständig für die 1724 evangelischen Christen in Abbehausen und für die Kirchengemeinde Eckwarden. Der Kirchengemeinde Esenshamm/Kleinensiel mit ihren 859 Mitgliedern ist eine halbe Stelle zugeordnet. Eine weitere halbe Stelle nimmt Pastorin Bettina Roth in Dedesdorf wahr.

In Stadland dürfte die Pfarrstelle in Rodenkirchen mit 2350 Gemeindegliedern sicher sein. Der Kirchengemeinde Schwei mit ihren 896 Mitgliedern ist eine halbe Stelle zugeordnet. Ein Pfarrer kümmert sich mit einer halben Stelle um die 896 evangelischen Christen der Kirchengemeinde Seefeld und mit einer weiteren halben Stelle um besondere Aufgaben im Kirchenkreis.

Die fusionierte Kirchengemeinde Brake mit ihren 8128 Mitgliedern ist mit dreieinhalb Pfarrstellen besetzt.

Insgesamt sind in der Wesermarsch derzeit 25 Pastorinnen und Pastoren tätig. Sie teilen sich 23,5 Stellen. Wenn, wie angekündigt, ein Drittel der Stellen in der Landeskirche wegfallen soll, bedeutet das rein rechnerisch, dass ab 2030 nur noch 16 Pastorinnen und Pastoren im Landkreis tätig sein werden. Rechnet man den Mitgliederschwund von derzeit 1,34 Prozent pro Jahr hoch, wird im gleichen Zeitraum die Zahl der evangelischen Christen um weitere rund 15 Prozent zurückgehen.

Wie kann die Kirche auf die veränderte Situation reagieren? Wie lässt sich das Gemeindeleben mit weniger Pastoren fortführen? „Wir müssen das, was unsere Aufgabe ist, was uns wichtig ist, auch in veränderten Strukturen fortführen“, sagt Kreispfarrer Jens Möllmann. Einen Ansatz sieht er darin, verstärkt ehrenamtliche Kräfte einzubinden. Dafür gebe es bereits positive Beispiele. In Altenesch und Bardewisch werden die Gemeindekirchenräte bereits seit Jahren von Laien und nicht von Pastoren geleitet.

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