Ex-Bürgermeister im Gespräch

„Die Obrigkeit muss fair sein“

Am Samstag vor 15 Jahren ist Henning Scherf als Bremens Regierungschef zurückgetreten. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Zeit im Rathaus, seine Nachfolger im Amt und spricht über Politik, die ankommt.
06.11.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Die Obrigkeit muss fair sein“
Von Wigbert Gerling

Herr Scherf, was ist einfacher – das Amt des Bremer Bürgermeisters oder das Schreiben von Büchern?

Henning Scherf: Ganz klar: die Bücher. Als Bürgermeister ist man ununterbrochen unter Anspannung. Man ist schließlich für die Geschicke eines ganzen Bundeslandes verantwortlich. Das lastet doch schwer auf einem. Auch wenn man dann – oft genug erst spät – ins Bett und in den Schlaf kommt, träumt man davon, was zu tun ist. Wirklich, das Amt bestimmt dann auch den Traum. Jedenfalls habe ich das so erlebt. Da ist es doch deutlich entspannter, wenn man Bücher schreibt. Jedenfalls prägen die Texte nicht meine Träume. Das war unter diesem Blickwinkel eine Wohltat, als es mit der Politik vorbei war.

Bevor wir gleich zu den drei anderen ehemaligen Bürgermeistern kommen – zu Klaus Wedemeier, Jens Böhrnsen und Carsten Sieling –, eine Erinnerung an den verstorbenen Hans Koschnick, Ihren Vorvorgänger.

Er war einfach klasse. Eine wunderbare Person. Dem habe ich viel zu verdanken. Bei dem habe ich mir auch so manches abgeguckt, was mir dann als Bürgermeister sehr geholfen hat. Zum Beispiel, wie so eine Landesregierung geführt wird, wer dort im Rathaus welche Kompetenzen einbringt, wer wie tickt. Und so weiter. Das war überaus hilfreich. Als ich später die Leitung dort hatte, da erinnere ich mich genau dran. Hans Koschnick hat mal zu mir gesagt: „Henning, du magst jede Menge Schwächen habe, aber deine Personalpolitik ist richtig gut.“

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Dann doch noch nachgefragt: Was meinte Hans Koschnick damit genau?

Das war unter anderem bezogen auf meinen Chef der Senatskanzlei, auf Reinhard Hoffmann. Der war, für mich allemal, der beste der Welt. Er sorgte einfach für den Unterbau, der nötig ist, damit das richtig funktioniert. Der wollte nie in der ersten Reihe stehen, das überließ er gerne mir. Reinhard Hoffmann hat so wertvolle Arbeit geleistet, mit seiner Fachkenntnis, mit seinem Engagement, dem Lesen so vieler Texte, generell mit seinem Fleiß. Er war ein richtiger Glücksgriff. Wir beide waren ein richtig gutes Gespann.

Da waren Sie der Chef einer sogenannten Großen Koalition, einer Regierung der SPD mit der CDU. Das war unter Sozialdemokraten nicht unumstritten.

Das kann man wohl sagen. Ich selbst war ja auch als künftiger Regierungschef eines Bündnisses mit den Grünen angetreten. Dann kam es aber anders, und die großen bremischen Probleme – ich verweise vorrangig auf den wirtschaftlichen Wandel, der im Zuge der Werftenkrise geboten war – machten eine breite politische Mehrheit zum Wohle der Stadt plausibel. Das leuchtete sofort ein. Die CDU war von Leuten wie Bernd Neumann bestimmt, und mit dem konnte ich gut.

Da habe ich echt Glück gehabt. Nebenbei: Viele in der CDU waren auch erpicht darauf, endlich mitzuregieren. Heute ist es mit Carsten Meyer-Heder wieder ganz etwas Neues. Mal sehen, wie das so weitergeht. Seine Wahlkampagne zur Abstimmung über die Sitzverteilung in der Bürgerschaft ab 2019 war jedenfalls gut. Warten wir ab, auch wie das im Bund mit der Nachfolge der jetzigen christdemokratischen Kanzlerin Angela Merkel wird. Das strahlt auch ab auf das, was in den Ländern passiert. Aber das sortiert sich noch.

Kommen wir nun zunächst zu Ihren bremischen Kollegen, die vor und nach Ihnen Bürgermeister waren, bevor wir Sie dann bitten, die Arbeit des heutigen Amtsinhabers Andreas Bovenschulte zu kommentieren. Fangen wir mit Ihrem Vorgänger Klaus Wedemeier an, der gleich nach Koschnick an die Regierungsspitze kam.

Der Klaus war ein richtig Guter. Bis heute verbindet mich mit Klaus Wedemeier eine persönliche Beziehung. Als ich anfangs in einer SPD-Urabstimmung gegen ihn unterlag, dachten alle, nun rächt sich der Scherf – so ein Quatsch. Vielmehr wurde ich nach der Wahl sein Stellvertreter im Senat. Wir haben von solchen Spekulationen über ein Zerwürfnis zwischen uns beiden sehr wohl gewusst, aber unserer Freundschaft konnten sie nichts anhaben. Klaus Wedermeier hatte ja erst eine Regierung nur mit den Sozialdemokraten geführt. Die Partei hatte damals bei der Bürgerschaftswahl über 50 Prozent der Stimmen bekommen.

Anfang der 90er-Jahre ging es dann aber mit der Unterstützung der Bremerinnen und Bremen für die SPD bei der Bürgerschaftswahl bergab, so dass er ein Kabinett mit FDP und Grünen bilden musste, die sogenannte Ampel: rot, gelb, grün. Da hatte er vor allem mit dem freidemokratischen Senator Claus Jäger jemanden am Senatstisch, der so einfach nicht war. Klaus Wedemeier konnte da nicht viel machen. Er war ja SPD – und Jäger FDP. Das mussten die Liberalen unter sich ausmachen. So richtig haben sie das aus meiner Sicht nicht geschafft. Und mit der „Piepmatzaffäre“ um die Ausweisung von Vogelschutzgebieten in Bremen war dann ja auch das Ende der Ampel gekommen.

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Und Ihre Nachfolger Jens Böhrnsen und dann Carsten Sieling?

Als Jens Böhrnsen kam, war ich seit rund zehn Jahren Bürgermeister. Da wirkte ich zumindest für einige sozialdemokratische Genossen wohl schon etwas etabliert, um das Wort „verbraucht“ nicht zu sehr zu betonen. Vor allem aber hatten so manche Leute in meiner Partei die Nase von der Großen Koalition voll. Und es hat einige genervt, dass ich mit CDU-Chef Bernd Neumann so gut konnte. Wie auch immer, ich wollte auch noch etwas anderes vom Leben haben und legte deshalb mein Amt als Bürgermeister 2005 nieder. Mein Nachfolger wurde in der Tat Jens Böhrnsen, mit dem ich ebenfalls bis heute ein gutes Verhältnis habe. Er war – um ein Beispiel zu nennen, und zwar ein ganz zentrales für Bremen – in der sogenannten Föderalismuskommission II nicht nur vertreten, sondern überaus engagiert.

Am Ende wurden die finanziellen Schwierigkeiten unseres Bundeslandes allseits anerkannt, und es gab jährlich 300 Millionen Euro. Ihm folgte nach wiederum etwa zehn Jahren Carsten Sieling. Der war schon in Bremen so etwas wie der „alter Hase“, was sein Engagement in der Bürgerschaft betraf. Er war dann sogar SPD-Fraktionschef im Parlament. Dann wechselte er nach Berlin und wurde Abgeordneter im Bundestag. Das war gut für Bremen. Davon haben wir dann profitiert, als er von der Spree zurück an die Weser kam und Bürgermeister wurde.

Was hat das dann für Bremen gebracht?

Ich meine damit vor allem die völlig neue Architektur des LfA, des Länderfinanzausgleichs. Die 16 Bundesländer und der Bund hatten sich vorgenommen, eine zukunftsträchtige Lösung zu erarbeiten. Mit den Finanzen, mit denen er in Bremen und dann in Berlin zu tun hatte, kannte er sich gut aus, da hat sich Carsten Sieling richtig reingehängt. Und wenn dabei schließlich ein dickes und dauerhaftes finanzielles Plus für Bremen herauskommen ist, dann ist das vor allem sein Verdienst. Das hat er sehr gut gemacht.

Kommen wir jetzt zu Ihrem Nach-Nach-Nachfolger, also zum amtierenden Bürgermeister Andreas Bovenschulte. Wie ist Ihr Kommentar: Macht er auch angesichts der Corona-Krise einen guten Job?

Ich finde ja. Der macht das Richtige. Und ich denke, dass er politisches Vertrauen, an dem manche Bremerinnen und Bremen schon gezweifelt haben, wieder gefestigt hat. Als Andreas Bovenschulte vor mehr als einem Jahr anfing, war er doch ziemlich geschlagen mit der Darstellung der SPD. Das muss man doch so sagen. Erstmalig seit dem Zweiten Weltkrieg war sie nicht mehr stärkste Partei. Die CDU hatte sie, wie die Bürgerschaftswahl am 29. Mai 2019 zeigte, überflügelt. Das war ein sozialdemokratisches Problem, das stimmt, aber dazu kamen ja auch noch die ohnehin gravierenden Probleme Bremens – ob Bildungspolitik, ob Innere Sicherheit, ob Soziales, um nur einige wenige zu benennen.

Und kaum war er im Amt, da brach die Pandemie aus. Die kam sozusagen noch oben drauf. Es ist doch bewundernswert, wie er damit umgeht. Er wurde gleich von vornherein richtig auf die Probe gestellt. Und er hat sie schon bestanden. Ich denke, Andreas Bovenschulte, der zuvor Bürgermeister in und von Weyhe war, macht nicht nur einen ganz starken Job im Umgang mit den vielen Problemen, sondern hat auch in der Bevölkerung deutlich an Zustimmung gewonnen.

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Ist das mehr als eine Momentaufnahme?

Es ist doch klar, dass niemand sagen kann, wie das gerade mit dem Coronavirus weitergeht. Insofern ist das naturgemäß ein Zwischenstand. Aber das muss man, Stand heute, erst einmal hinkriegen. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Es war doch gerade in der jüngeren Vergangenheit nicht so einfach, politisches Vertrauen herzustellen. Da ist viel verspielt oder einfach nicht angenommen worden, mal berechtigterweise, oft aber auch aus einem diffusen Zeitgeist heraus. In letztgenannten Fällen war die Kritik am politischen System dann nicht immer stichhaltig.

Können Sie eine Empfehlung zur Politik aussprechen?

Ich liebe ja, wie so viele Bremerinnen und Bremer, unser Rathaus. Dort in der Oberen Halle, wo die Koggen hängen, ist ein Wandbild, das ich oft betrachtet habe. Meistens bei Führungen. Jedenfalls kann man auf diesem großflächigen Bild eine Inschrift lesen, die aus dem antiken Rom stammt und deshalb natürlich auch auf diese Stadt bezogen ist. Aber trotz ihres Alters von rund 2000 Jahren sollte sie eine Art Handlungsanweisung für Bremen sein – für mich jedenfalls war sie das. Ich habe diese Sätze des Öfteren angeschaut und gebe diese drei Leitlinien hier übersetzt und dem Sinne nach wieder: Demnach muss man zum einen die heimische Wirtschaft fördern, zudem muss die Obrigkeit immer fair sein – und, drittens, soll der Geist der Beratung gepflegt werden.

Das Gespräch führte Wigbert Gerling.

Info

Zur Person

Henning Scherf In der ersten Liga bremischer Politik hatte Henning Scherf, Jahrgang 1938, so gut wie jede Funktion: 1963 wurde er SPD-Mitglied, neun Jahre später Parteichef. 1971 zog er in die Bürgerschaft ein. Im Senat leitete er unter anderem das Finanz- und das Sozialressort. 1995 wurde der promovierte Jurist Bürgermeister. Am 7. November 2005, also morgen vor 15 Jahren, trat er als Regierungschef zurück. Nach seiner Zeit in der Politik schrieb er Bücher, etwa den Bestseller „Grau ist bunt“ (2007).

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