Sportler mit Alkohol- und Drogenproblemen

Ex-Werderaner Borowka: "Sucht wird unter den Teppich gekehrt"

Werder Bremens ehemaliger Profi Uli Borowka startet gemeinsam mit Experten des Klinikverbunds Gesundheit Nord eine Online-Befragung zu Sucht bei Sportlern - und kritisiert die Haltung im Profi- und Amateurfußball.
08.04.2018, 20:53
Lesedauer: 4 Min
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Ex-Werderaner Borowka:
Von Sabine Doll

Uli Borowka redet nicht drumherum. „Wo es wehtut, da gehe ich hin“, sagt der Ex-Werder-Bremen-Spieler. Diese Devise hat dem früheren Fußballprofi auf dem Rasen die Spitznamen „Axt“ und „Eisenfuß“ eingebracht. Keine Schnörkel, kein Schleifchen, sondern geradeheraus, effektiv und knüppelhart. Geändert hat sich daran nichts. Auch heute prescht der 55-Jährige auf sein Ziel los, der Gegenspieler ist jedoch ein anderer. Einer, den er sehr gut kennt: Während seiner aktiven Zeit war der frühere Profi-Fußballer Alkoholiker. 16 Jahre lang hat er getrunken, harte Sachen wie Wodka, Whiskey aber auch Bier. Jeden Tag ein unvorstellbares Pensum. „Außerdem war ich 14 Jahre lang medikamentenabhängig und vier Jahre lang spielsüchtig.“

Heute ist Borowka clean. Der Entzug hat ihm das Leben gerettet, nachdem er ganz unten angekommen war. Er hat ein Buch („Volle Pulle“) über seine Geschichte geschrieben – und er hat vor fünf Jahren den Verein „Uli Borowka Suchthilfe und Suchtprävention e.V.“ gegründet. Der Verein ist Ansprechpartner für Profi- und Amateursportler, die ein Suchtproblem haben und nicht wissen, an wen sie sich wenden können, weil sie Angst haben, dass ihr Verein den Vertrag kündigt, wenn sie sich outen.

Uli Borowka klagt an: „So, wie sich damals während meiner aktiven Zeit niemand um meine Alkoholkrankheit geschert hat, weil ich trotzdem Leistung abgeliefert habe, wird das Thema immer noch unter den Teppich gekehrt. In Profivereinen, aber auch bei den Amateuren. Dabei ist das Problem enorm.“ Die psychische Belastung sei groß, auch Depressionen seien weit verbreitet. Gesprochen werde darüber öffentlich aber nicht. Kein Spieler würde zugeben, dass er ein Suchtproblem hat. Dann ist er weg vom Fenster. Deshalb wird das totgeschwiegen.“

Und deshalb hat Borowkas Verein gemeinsam mit dem Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) eine Online-Befragung im Internet gestartet. „Wir brauchen einfach mal echte Zahlen, um zu zeigen, wie groß dieses Problem ist. Das, was ich in den vergangenen fünf Jahren gesehen habe, passt nicht zusammen mit den Aussagen von vielen Institutionen. Also haben wir das jetzt selbst ins Leben gerufen“, sagt Borowka. Bei der Befragung können Fußballer von der Kreisliga bis zur Bundesliga anonym über ihr Trinkverhalten, ihren Drogenkonsum oder ihre Spielsucht Auskunft geben. Mitmachen kann jeder ab zwölf Jahren. Unter der Adresse http://umfrage.uli-borowka.de können sich die Teilnehmer einloggen.

Lob für Mertesacker

Die Befragung soll genau ein Jahr lang bis Mitte Februar 2019 laufen; am Klinikum Bremen-Ost wird sie dann ausgewertet, um Süchte in Fußballvereinen besser verhindern zu können. Nach den ersten sechs Wochen mit etwa 50 Befragten kann Jens Reimers, Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin an dem Klinikum, schon sagen: „Die Zwischenergebnisse zeigen, dass es bei Teilnehmern eine Problematik in Bezug auf regelmäßigen Substanzgebrauch wie Alkoholkonsum oder Glücksspiel gibt. Diese Probleme sind da, und es gibt Handlungsbedarf“, sagt der Bremer Suchtexperte. Die Situation sei schwierig.

Vor allem deshalb weil Fußball nach außen immer noch den Anschein von Stärke vermittele. Spieler könnten keine Schwächen zeigen. „Der Leistungsdruck ist aber gerade im Profifußball immens. Die Betroffenen wissen nicht, wohin sie sich wenden können. Wie schwierig es ist, mit Schwächen und Druck umzugehen – vor allem öffentlich –, hat zuletzt die Debatte über die Aussagen des Ex-Nationalspielers Per Mertesacker gezeigt“, sagt Reimer.

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Mertesacker, der im Sommer seine Karriere beim FC Arsenal beendet, hatte zugegeben, dass er seine ganze Profikarriere hinweg an Spieltagen mit Brechreiz und Durchfällen zu kämpfen hatte. Sekunden vor dem Anpfiff habe sich ihm regelmäßig der Magen umgedreht. Dafür wurde er etwa von Lothar Matthäus hart angegriffen, er kritisierte: „Der hätte ja aufhören können, wenn der Druck zu groß gewesen wäre.“

Profis und Amateure in der Pflicht

Solche Aussagen sind für Reimer und Borowka Beleg dafür, dass im Fußball immer noch andere Regeln gelten: „Trainer sagen immer: Das Mentale ist wichtig. Aber wenn dies in Richtung Erkrankung geht, werden alle ganz schmallippig.“ Und er sagt: „Durch den Druck und den immer noch tabuisierten Umgang damit ist das Risiko für Suchtverhalten im Fußball erhöht.“

Borowka ist beeindruckt, dass jemand wie Per Mertesacker so ehrlich und offen Kritik am hohen Druck im Profifußball geübt hat. Für Matthäus findet er deutliche Worte: „Das ist herablassend, dumm und erbärmlich. Es ist gut, dass jemand, der solch eine Meinung hat, keinen deutschen Verein trainiert. Solche Äußerungen zeigen vor allem, dass man nichts gelernt hat. Ich erinnere mich außerdem gut an die Jahre, als wir zusammen für Mönchengladbach gespielt haben. Da hat Lothar Matthäus mal zu mir gesagt, er glaube, an dem Druck zu zerbrechen.“

Borowkas Kritik trifft aber nicht nur den Profi-Fußball, sondern auch kleine Sportvereine, in denen Jugendliche spielen. Erwachsene müssten Vorbilder sein, vor allem auch beim Umgang mit Alkohol. „Selbst bei Jugendturnieren stehen Bierwagen am Spielfeldrand. Ich erlebe regelmäßig bei solchen Jugendturnieren, dass die zuschauenden Väter mit der Bierflasche am Spielfeldrand stehen. Alkohol ist in unserer Gesellschaft ein Kulturgut, das ist nun einmal so. Aber wir Erwachsenen haben eine Vorbildfunktion“, sagt er. „Die wird seit Jahren mit Füßen getreten.“ Viel mehr Präventionsarbeit müsste geleistet werden. Wenn Trainer ihren Schein machen, müsste das ganz klar in die Schulungen aufgenommen werden, fordert er.

Borowka will nicht warten, bis die Befragung im kommenden Frühjahr beendet ist. Ende April, Anfang Mai will er mehrere Präventionsprojekte in diesem Bereich vorstellen. „Wir haben viele Kooperationspartner gefunden, die mitmachen.“ Bremen habe er ganz bewusst für den Start des Projekts ausgewählt – „weil ich inzwischen wieder sehr gerne nach Bremen komme“.

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