Mieter klagt über nächtliche Ruhestörung Exklusives Wohnen mit Lärm

Bremen. Florian Boschen wohnt in einem der neuen Gebäude in der Überseestadt. Eine exklusive Wohnlage – fünfter Stock, mit Blick auf die Weser. Doch er klagt über unerträglichen Lärm und kommt nicht aus seinem Mietvertrag heraus.
03.05.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Exklusives Wohnen mit Lärm
Von Ralf Michel

Florian Boschen wohnt in einem der neuen Gebäude in der Überseestadt. Eine exklusive Wohnlage – fünfter Stock, mit Blick auf die Weser. Einen Traum haben er und seine Frau sich damit erfüllt, erzählt er. Doch nach nur einem Jahr hat es sich ausgeträumt. Der nächtliche Lärm vom gegenüberliegenden Fruchthof sei unerträglich, ärgert sich der 31-Jährige. Doch in Sachen Lärmbelästigung ist der Mietvertrag, den er unterzeichnet hat, wasserdicht.

Die großen Panoramafenster in Richtung Konsul-Smidt-Straße sind vierfach verglast. Doch gegen den Lärm vom Fruchthof kann auch das nichts ausrichten, sagt Florian Boschen und startet auf seinem Fernseher ein Video, das er vor kurzem nachts aufgenommen hat. Kaum was zu sehen, nur ein paar Lampen leuchten vom Fruchthof rüber. Dafür ist umso mehr zu hören. Lautes, monotones Brummen von Lkw-Kompressoren, die dafür sorgen, dass die Ware für den Fruchthof gekühlt bleibt. Der 31-Jährige hat eine ganze Reihe solcher Videos. Aufgenommen vom Balkon aus oder auch vom Wohnzimmer durch die geschlossenen Scheiben. Abends, nach Mitternacht, um 5 Uhr morgens. . .

Am 1. März 2013 ist Boschen mit seiner Frau in die Überseestadt gezogen. Eine exklusive Wohnlage, die ihren Preis hat. Fast 1300 Euro kalt zahlt er für die 103 Quadratmeter große Wohnung. „Uns war klar, dass das hier ein Luxus-Segment ist, aber wir wollten das und haben uns sehr auf die Überseestadt gefreut.“ Die Freude währte nicht lange. Der Blick auf die Weser ist eine Sache, der nächtliche Lärm vom Fruchthof eine andere. „Wir finden einfach keinen Schlaf.“ Mit geschlossenen Fenstern sei es etwas besser. Aber wer schläft im Sommer schon mit geschlossenen Fenstern?

Die besondere Situation in der Überseestadt – Gewerbe und Wohnen in direkter Nachbarschaft – sei ihm zwar bewusst gewesen, erklärt Boschen. „Aber wir haben gedacht: Okay, da ist es tagsüber laut, aber doch nicht nachts.“ Und natürlich habe man die Wohnung seinerzeit tagsüber besichtigt und nicht nachts.

„Industriell geprägte Nutzung“

Dabei hätte Boschen ahnen können, was da eventuell auf ihn zukommt. Paragraf 27 seines Mietvertrages – überschrieben mit „Umweltbedingungen“ – sagt es in aller Deutlichkeit: Zwar soll in den alten Hafenrevieren Wohnen möglich werden, zugleich aber weiterhin eine industriell geprägte Nutzung stattfinden. Die unterschiedlichen Nutzungen müssten „jeweils aufeinander Rücksicht nehmen“. Für Boschen als Mieter bedeutet dies: Er hat nachts gewerblich verursachte Lärmimmissionen bis zu 55 Dezibel hinzunehmen.

Damit hat der 31-Jährige es schriftlich: Seine Wohnung liegt nicht in einem allgemeinen Wohngebiet – dort sind nachts nur 40 Dezibel erlaubt –, sondern ordnet sich zwischen Gewerbe- (erlaubt: 50 dB) und Industriegebiet (70 dB) ein. „Diese Klausel bricht mir das Genick“, schätzt er selbst die juristische Lage ein. Und räumt ein, bei der Unterschrift zu naiv gewesen zu sein. „Natürlich ärgere ich mich, dass ich mir das alles nicht genauer angeschaut habe, aber ich habe einfach nicht erwartet, dass es hier nachts so laut ist.“

Die Immissionswerte seien kein Geheimnis, betont Burkhard Bojazian, Geschäftsführer der „Justus Grosse Projektentwicklung“, über die Boschen seine Wohnung gemietet hat. Im Bebauungsplan, im Grundbuch, im Mietvertrag – „überall, wo es wichtig ist“ seien die Werte eingetragen. Und in der Regel werde darüber auch vor Vertragsabschluss offen gesprochen. „Die Leute wissen, worauf sie sich einlassen.“

Sein Unternehmen habe inzwischen 300 Wohnungen in der Überseestadt errichtet und vermarktet, sagt Bojazian. Beschwerden über Lärmbelästigung seien ihm mit einer Ausnahme nicht bekannt. „Und für diese eine Person mag das dann tatsächlich nicht der richtige Standort sein.“

Ähnlich argumentiert Wolfgang Golasowski. Das Miteinander von Wohnen und Gewerbe mache ja gerade das besondere Flair der Überseestadt aus, sagt der Staatsrat beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr. Die Frage, ob die Stadt mit solchen Festlegungen in Bebauungsplänen nicht Mieter wie Boschen ins offene Messer rennen lasse, weist er zurück. „Wer möchte, kann da hinziehen, wer nicht, sollte es lassen – aber diese Freiheit bedeutet auch, dass man etwas falsch machen kann.“

Boschen ist dabei, seinen Fehler zu korrigieren. Er hat seinen Mietvertrag gekündigt. Und sich ein zweites Mal geärgert, diesen nicht genauer gelesen zu haben. „Die Parteien verzichten wechselseitig für die Dauer von zwei Jahren ab Beginn des Mietverhältnisses auf ihr Recht zur Kündigung“, heißt es dort – bis Ende Mai 2015 müssen Florian Boschen und seine Frau Nachbarn des Fruchthofes bleiben.

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