Ärztliche Versorgung auf dem Land Experte: „Es gibt keinen generellen Ärztemangel“

Bremen. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Vereinigungen und auch Politiker warnen vor einem Ärztemangel. In vielen Landstrichen – zum Beispiel auch in Niedersachsen – stehe die medizinische Versorgung auf der Kippe. Experte auf diesem Gebiet ist der Versorgungsforscher Joachim Klose.
10.03.2010, 05:00
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Experte: „Es gibt keinen generellen Ärztemangel“
Von Sabine Doll

Bremen. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Vereinigungen und auch Politiker warnen vor einem Ärztemangel. In vielen Landstrichen – zum Beispiel auch in Niedersachsen – stehe die medizinische Versorgung auf der Kippe. Experte auf diesem Gebiet ist der Versorgungsforscher Joachim Klose; er erklärt, warum manche Regionen arztfreie Zonen sind und sich in anderen die Mediziner auf die Füße treten.

Herr Klose, gibt es in Deutschland zu wenige Ärzte?

Joachim Klose:Von einem Ärztemangel kann man in Deutschland derzeit definitiv nicht sprechen. Wer sich die Zahlen zur Entwicklung der Arztdichte anschaut, wird feststellen, dass es heute deutlich mehr Ärzte gibt als zum Beispiel noch Anfang der neunziger Jahre. Mit 390 berufstätigen Ärzten pro 100.000 Einwohner haben wir die höchste Arztdichte, seit in Deutschland überhaupt gezählt wird. Das sind 28 Prozent mehr als noch im Jahr 1991 mit 304 Ärzten. Seit Mitte der siebziger Jahre hat sich die Arztdichte in Deutschland sogar mehr als verdoppelt. Und: Diese absoluten Zahlen steigen jedes Jahr weiter.

Was heißt das konkret?

Ende des Jahres 2008 waren in Deutschland fast 320.000 Ärzte berufstätig, die Wachstumsrate legte damit von 1,2 Prozent auf 1,5 Prozent zu. Bei der Zahl der ambulant tätigen Mediziner verlangsamte sich der Zuwachs 2008 im Jahresvergleich auf ein Plus von 0,6 Prozent auf 133.000 Ärzte, nachdem 2007 im Vergleich zum Vorjahr noch eine Zunahme um 1,1 Prozent auf 137.538 registriert wurde.

Stehen diese Zahlen aber nicht im krassen Gegensatz zur Realität? In manchen Regionen müssen die Patienten weite Strecken fahren, um endlich einen Arzt zu Gesicht zu bekommen.

Das stimmt. Der Grund dafür ist aber nicht, dass es einen generellen Medizinermangel gibt. Nach unseren Berechnungen muss man sagen, dass es in Deutschland nicht zu wenige Ärzte, sondern am Ende sogar zu viele Ärzte gibt – allerdings sind sie schlecht verteilt. Einer lokalen Unterversorgung in einigen Landstrichen steht eine massive Überversorgung in Ballungsgebieten und für Ärzte attraktiven Regionen gegenüber.

Was heißt das in Zahlen?

Nach der heutigen Bedarfsplanung wird das Plansoll von 100 Prozent über alle Arztgruppen hinweg bundesweit um 26 Prozent übertroffen. Sogar im vieldiskutierten hausärztlichen Bereich ergibt sich bundesweit im Soll-Ist-Vergleich ein Gesamtversorgungsgrad von 108 Prozent. Auf Landesebene gibt es nur in Sachsen-Anhalt mit 94,6 Prozent eine Unterdeckung; insgesamt sind 47 Prozent aller Planungskreise bei Hausärzten überversorgt. Es gibt also insgesamt mehr Hausärzte, als im Rahmen der Bedarfsplanung notwendig wären.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Besonders beliebt bei Hausärzten ist Starnberg, dort liegt der Versorgungsgrad bei 148,1 Prozent, gefolgt von Freiburg mit 143, Garmisch-Patenkirchen mit 131,4, München mit 130,5 und dem Landkreis Berchtesgadener Land mit 129 Prozent. Am unteren Ende der Skala stehen der Saalekreis mit 69,1, Dessau/Bitterfeld in Sachsen-Anhalt mit 77,5, Soltau-Fallingbostel mit 78,3 und Gifhorn in Niedersachsen mit 80 sowie der brandenburgische Landkreis Uckermark mit 81,6 Prozent. Wir haben es also sogar bei Hausärzten nicht mit einem Ärztemangel, sondern einem Verteilungsproblem zu tun.

Und wie sieht es bei den niedergelassenen Fachärzten aus?

Dort ist die Überversorgung statistisch gesehen noch ausgeprägter: Mit Internisten sind alle Planungsbereiche überversorgt, bei den Hautärzten sind es 92 Prozent, bei Augenärzten 84 Prozent.

Wenn es aber eine Bedarfsplanung gibt, wie können solche enormen Unterschiede dann überhaupt zustande kommen?

Das derzeit noch gültige Konzept der Bedarfsplanung, das die Bundesrepubik in zurzeit 395 Regionen aufteilt, wurde 1993 unter dem damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer eingeführt, um eine bessere Verteilung der Ärzte zu erreichen – vor dem Hintergrund einer befürchteten Ärzteschwemme mitsamt ihren Folgekosten. Diese Richtlinie regelt seitdem, wie viele Ärzte sich in einer Region niederlassen dürfen. Ist die Quote erreicht, beträgt die Versorgung 100 Prozent. Wird dieses Plansoll um zehn Prozent überschritten, dürfen Ärzte, die sich dort niederlassen wollen, nur noch eine bestehende Praxis übernehmen, aber keine weitere eröffnen.

In Starnberg ist das Plansoll extrem weit überschritten. Das dürfte demnach aber gar nicht möglich sein.

Als die Bedarfsplanung eingeführt wurde, gab es bereits eine ungleiche Verteilung. Außerdem galt zunächst noch eine Übergangsregelung, die im Jahr 1993 zu einer Welle von Niederlassungen führte: Fast 10.000 Ärzte nutzten diese Chance und ließen sich als Vertragsarzt nieder, auch in Gebieten die ohnehin bereits sehr gut versorgt waren. Typischerweise handelte es sich dabei um die Ballungsräume und nicht um die ländlichen Regionen. Auf dieser Basis wurden dann die neuen Kennzahlen eingeführt. Zwar durften sich danach in überversorgten Gebieten keine weiteren Ärzte mehr ansiedeln, aber die dort bestehenden Arztsitze durften immer weitergegeben werden, was in der Regel auch geschah. Hinzukommen solche Nischen wie die Sonderbedarfszulassungen, etwa wenn es in einer Fachrichtung an Spezialisten mangelt.

Die Überversorgung wurde nicht abgebaut, sondern zementiert. Also hat sich dieses Konzept der Bedarfsplanung nicht bewährt?

Das kann man so nicht sagen. Ohne die Bedarfsplanung wäre das Ungleichgewicht zwischen Über- und Unterversorgung vermutlich noch ausgeprägter. Ein großes Problem stellt allerdings auch der Abbau von Überversorgung dar. Es gilt: Nicht jeder frei werdende Arztsitz muss auch wieder besetzt werden, vor allem nicht in den heute bereits extrem überversorgten Gebiete wie Starnberg, Freiburg oder München. Sinnvoller wäre es, die Ärzte dort unterzubringen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe warnt davor, dass in einigen Regionen die medizinische Versorgung der Bevölkerung bereits heute nicht mehr sichergestellt werden kann – wegen eines Mangels an Ärzten.

Das ist die andere Seite der ungleichen Verteilung, unter der gerade unterversorgte oder von der Unterversorgung bedrohte ländliche Regionen leiden. Diese Landstriche muss man schon genau im Auge behalten, vor allem im Hinblick auf die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte. Wenn sich diese Probleme zusammentun, wird es schwierig.

Gemeinden, Landkreise und Kassenärztliche Vereinigung locken ja bereits mit lukrativen Angeboten. Was kann die Politik noch tun?

Es gibt bereits zahlreiche Aktivitäten vor Ort. Oft arbeiten Kommunen mit Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen zusammen. So werden beispielsweise Praxisräume gestellt, finanzielle Hilfen angeboten, in einigen Ländern werden Stipendien an Studenten vergeben, wenn sie sich verpflichten, später dort zu praktizieren, wo die Versorgung es erfordert. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass Ärzte in überversorgten Regionen niedrigere Honorarpunkte und in unterversorgten Landstrichen höhere Punktwerte bekommen sollen. Das Honorar soll also an den Versorgungsgrad gekoppelt werden.

Das führt aber sicherlich nicht dazu, dass ein Arzt seine Praxis in Starnberg schließt und in die Uckermark umsiedelt.

Das ist richtig, aber es spielt vielleicht eine Rolle für eine gewisse Zahl von Ärzten, die sich neu niederlassen wollen, also im Moment der Niederlassungsentscheidung. Dabei spielen natürlich auch noch andere Faktoren eine Rolle: zum Beispiel die Ausstattung der Region mit Schulen, Kindergärten, kulturellen Angeboten. Und, nicht zu vergessen: der Anteil an Privatpatienten; durch sie kommen mehr Praxiseinnahmen zustande. Übrigens greift allein die Analyse von Arztzahlen auch zu kurz, wenn es um die Sicherung einer ausreichenden Versorgung geht. Hier müssen auch Fragen diskutiert werden, inwieweit nichtärztliche Gesundheitsberufe verstärkt und arztentlastend eingebunden werden können und sollen – aber auch inwieweit Potenziale etwa von Medizinischen Versorgungszentren oder auch anderen übergreifenden Versorgungsmodellen ausreichend genutzt werden.

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