Glücksspielsucht in Gröpelingen beschäftigt regelmäßig den Präventionsrat Bremen West Experten fordern stärkere Kontrollen

Gröpelingen. Mehrere Spielhallen und Vereinslokale mit Spiel- und Wettautomaten sind in den vergangenen Jahren in Gröpelingen eröffnet worden. Und so denken die Gröpelinger Ortspolitiker regelmäßig darüber nach, wie man diese Betriebe wieder loswerden könnte.
03.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling

Mehrere Spielhallen und Vereinslokale mit Spiel- und Wettautomaten sind in den vergangenen Jahren in Gröpelingen eröffnet worden. Und so denken die Gröpelinger Ortspolitiker regelmäßig darüber nach, wie man diese Betriebe wieder loswerden könnte. Denn ihrer Ansicht nach stellen die Spielhallen eine akute Gefährdung vor allem für junge Menschen im Einzugsbereich dar: Aus den Jugendeinrichtungen im Stadtteil war mehrfach von Gröpelinger Jugendlichen mit nicht unerheblichen Spiel- und Wettschulden zu hören.

Nun hat sich auch der Präventionsrat Bremen West intensiv mit dem Thema befasst: „Glücksspiel und Sportwetten – ist Suchtprävention möglich!?“, lautete das Schwerpunktthema beim jüngsten Treffen des Gremiums.

„Glücksspiele wie Spielautomaten, Roulette, Sportwetten, Poker oder Lotterien üben für viele Menschen eine große Faszination aus. Während die Mehrheit aller Spielteilnehmer in verantwortungsvoller Weise zockt, verlieren einige Personen die Kontrolle über ihr Spielverhalten und geben mehr Geld oder Zeit für Glücksspiele aus, als eigentlich angemessen wäre“, erklärt dazu Tim Brosowski von der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht der Uni Bremen, die sich als zentrales Bindeglied zwischen Suchthilfe und Suchtforschung versteht. Unter anderem werden dort Spieler und ihre Angehörigen beraten, deren Schuldenstand sich mehrheitlich auf bis zu 25 000 Euro belaufe, so Brosowski.

„Nicht jeder, der spielt, wird automatisch süchtig. Innerhalb der Gesamtbevölkerung entwickelt etwa einer von hundert starke Probleme“, weiß der Diplom-Psychologe aus seiner eigenen Forschungsarbeit – zu beobachten sei jedoch, dass die Zahl der Glücksspielsüchtigen unter Migranten, Arbeitslosen und sozial Schwächeren im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen deutlich höher sei. Der prototypische „Problemspielende“ oder „gefährdete Spielende“ ist demnach jung, männlich und arbeitslos, hat eine geringe Schulbildung und vermehrt auch Drogenprobleme.

Problemspielende – darunter versteht Brosowski Menschen, die sich immer wieder in eine Art hypnotischen Zustand spielen, um ihrem Alltagsstress zu entkommen. Sie bewegen sich dabei unmittelbar an der Grenze zu einer Störung durch Glücksspielen, die seit mehreren Jahren offiziell als Krankheit anerkannt worden ist.

Spielsüchtige – früher sprach man auch von „pathologischen Spielern“ – geraten in eine immer stärkere psychische Abhängigkeit vom Glücksspiel und nehmen schließlich nahezu jede sich bietende Gelegenheit zum Spielen wahr. Freunde, Familie oder der Job werden dafür vernachlässigt. Ein Teufelskreis, der existenzbedrohend werden kann.

Ungefähr „acht von zehn Problemspie-lenden, die zur Beratung bei der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht in Bremen Mitte vorstellig werden, berichten von Geldspielgeräten in Spielhallen oder der Gastronomie als der primär Problem verursachenden Spielform“, wie Brosowski sagt. In Bremen gibt es groben Schätzung zufolge derzeit 1600 bis 3600 gefährdete Spielende und 1100 bis 3100 Spielsüchtige. Ihnen werde nicht ausreichend geholfen, kritisiert die Bremer Fachstelle Glücksspielsucht schon seit Längerem. Sie hat voriges Jahr im Rahmen einer Studie Studierende in 29 der damals insgesamt 111 Bremer Spielhallen geschickt. Dort täuschten diese vor, spielsüchtig zu sein, zeigten auffälliges Verhalten und sprachen das Personal auch direkt auf ihr vermeintliches Problem an. Das reagierte aber nur in sechs von 112 Fällen angemessen; manche der Testpersonen wurden sogar regelrecht zum Weiterspielen animiert. Dabei muss das Spielhallenpersonal laut Gesetz jemanden, der erkennbar süchtig ist, vom Spiel ausschließen.

Ferner haben Betroffene das Recht, sich wie in Spielbanken oder bei Lotto-Annahmestellen auch in Spielhallen sperren zu lassen: Die Betreiber sind verpflichtet, am Eingang den Ausweis mit ihrer Spielersperrliste abzugleichen. Nicht jeder Spielhallenbetreiber halte sich allerdings an diese Vorgaben, so Brosowski. So sei im Rahmen der Studie nur bei 26 Prozent der Besuche nach dem Ausweis gefragt worden.

Darüber hinaus hätten Testkunden, die sich sperren lassen wollten, zum Teil große Hürden überwinden müssen – sie mussten etwa zusätzliche Passfotos einreichen, mehrmals erscheinen oder andere Standorte aufsuchen. Äußerst problematisch für Brosowski: „Spielsüchtige sind hoch belastet und es ist für sie ausgesprochen schwierig, etwa nach einem Klinikaufenthalt in eine Spielhalle zu gehen, um sich sperren zu lassen – und sich dabei erneut dem Sucht-Stimulus mit seinen speziellen Gerüchen und Reizen auszusetzen.“

Derzeit gilt eine Sperre nur für die jeweilige Spielhalle; durch eine landesweite zentrale Sperrdatei für Bremer Spielhallen ließen sich Spielsüchtige besser schützen, empfiehlt die Fachstelle Glücksspielsucht, die außerdem für stärkere Kontrollen plädiert. „Man müsste regelmäßig prüfen lassen, ob die Betreiber ihren Pflichten auch nachkommen“, sagt Brosowski. Denn ein Gesetz sei nur dann wirksam, wenn Verstöße auch geahndet würden.

Dementsprechend groß ist bei der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht das Interesse, gemeinsam mit einem Betroffenen den Rechtsweg zu beschreiten, Ersatzforderungen durchzusetzen und somit einen Präzedenzfall zu schaffen, um Betreiber stärker in die Pflicht nehmen zu können. Bislang sei dies nicht gelungen, so Brosowski – wohl auch, weil das Thema sehr schambesetzt sei.

Dass andererseits das staatliche Interesse an der Bekämpfung der Glücksspielsucht vergleichsweise gering sei, führt der Experte darauf zurück, dass Bund und Länder über Steuern am Glücksspiel – und an Spielautomaten – mitverdienen. Immerhin: Inzwischen muss per Gesetz bei der Neu-Vergabe von Spielhallen-Konzessionen ein Mindestabstand von 250 Metern zur nächsten Spielhalle eingehalten werden; für bereits bestehende Betriebe gilt allerdings unter gewissen Umständen noch ein Bestandsschutz. Die nicht davon betroffenen Betriebe müssen sich ab Juli 2016 erneut um eine Konzession bewerben, da sie ansonsten im Juli 2017 erlischt. Welche Spielhalle im konkreten Einzelfall jedoch geschlossen wird, bleibt vorerst unklar.

Der Präventionsrat Bremen West will die Problematik stärker in den öffentlichen Fokus rücken.

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