„Deutschland spricht“ in Bremen

Experten unter sich

Die beiden Poltikwissenschaftler Christian Kolowski und Lennart Susemiehl vertreten sehr unterschiedliche Ansichten. Nun haben sie sich für „Deutschland spricht“ getroffen – und natürlich Karl Marx mitgebracht.
31.10.2019, 10:18
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Experten unter sich
Von Felix Wendler
Experten unter sich

Lennart Susemiehl und Christian Kolowski diskutieren.

Felix Wendler

„Wir können jetzt mit Marx anfangen, aber dann wird es ein sehr langer Abend“, sagt Christian Kolowski. Drei Stunden später – Marx wurde einige Male zurate gezogen – sitzt der 31-Jährige immer noch mit Lennart Susemiehl zusammen und diskutiert über Gott und die Welt. Im Rahmen von „Deutschland spricht“ sind Kolowski und Susemiehl einander als Gesprächspartner zugelost worden. Kolowski ist Politikwissenschaftler und promoviert zurzeit an der Universität Bremen. Susemiehl ist 22 – und studiert Politik an der Universität Bremen. Er hatte schon Vorlesungen bei dem Doktorvater von Kolowski. Keine allzu kontroverse Konstellation also – so hat es zumindest den Anschein.

„Ich halte den Klimawandel für nicht politisch lösbar“, sagt Kolowski. Auch den Atomausstieg sieht er als Fehler. „Aber der Müll ist ein großes Problem. Dafür gibt es keine Lösungen“, wendet Susemiehl ein. „Doch, gibt es. Die Sahara. Oder Sibirien. Da graben wir ein tiefes Loch.“ Um klare Meinungen – das wird dieser Abend zeigen – ist Kolowski selten verlegen. Der gebürtige Berliner versteht es dabei geschickt, mit wissenschaftlicher Präzision zu argumentieren. Auch Susemiehl ist belesen und eloquent – also dauert es nicht lange, bis Marx und Foucault durch den Raum fliegen, wo sie auf Napoleon treffen, flankiert von Theoremen und Definitionen. „Im Herzen bin ich Liberaler, vom Parteibuch her Konservativer“, sagt Kolowski. Seit einem Jahr ist er in der CDU und der Jungen Union aktiv. Mit der Politik von Angela Merkel ist er in vielen Punkten nicht einverstanden, weshalb er sich auch als Reformer sieht. Damals, als noch Bernd Lucke die Fäden in der Hand hielt, habe er die AfD gewählt. „Bevor die Partei von Rechten gekapert wurde.“ Susemiehl und Kolowski wollen später beide als politische Berater tätig werden. Ihre Positionen zu den großen politischen Fragen unterscheiden sich jedoch erheblich.

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„Politische Korrektheit ist für mich die Vorstufe zur Zensur“, sagt Kolowski. „Politische Korrektheit ist für mich Schutz von Minderheiten“, sagt Susemiehl. Der eine (Susemiehl) ist für das Gendern, der andere dagegen. Der eine (Kolowski) findet, dass Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben, aber nicht die gleichen Entscheidungen treffen. Der andere meint, dass sich das biologische Geschlecht auch in einem gesellschaftlichen Rollenbild manifestiert. Abringen lässt sich keiner der beiden Gesprächspartner von seiner Meinung – einzelne Argumente des Gegenübers hingegen nehmen Kolowski und Susemiehl gerne auf. „Ich verstehe deinen Ansatz“, heißt es dann oft. Und manchmal stimmen sie sogar überein. Ja, Ostdeutschland sei teilweise abgehängt. Ja, die Alten leben auf Kosten der Jungen.

Als das Café schließt, ist noch Redebedarf. Das letzte große Thema: die Flüchtlingskrise. Es ist Abend geworden und die beiden steuern eine Bar an. Auf einer Matratze nehmen Kolowski und Susemiehl Platz. Man wechselt von Kaffee zu Bier (Susemiehl) und Cocktail (Kolowski), vom Sie zum Du. Kolowski, der für seine Doktorarbeit ein Jahr zu dem Thema recherchierte, hat viel zu sagen – Susemiehl viel zu erwidern. „Die Flüchtlingskrise war eine politische Katastrophe“, sagt Kolowski. „Im Sinne vom aufkommenden Rechtsradikalismus?“, fragt Susemiehl. „Im Sinne der Kosten“, sagt Kolowski. Er sagt aber auch: „Ich finde es gut, wenn Fachkräfte einwandern.“ Ein Großteil der Geflüchteten habe jedoch einen zu geringen Bildungsstand, um in Deutschland außerhalb des Niedriglohnsektors zu arbeiten. Suesmiehl hat andere Studien gelesen. Und so diskutieren die zwei Wissenschaftler weiter, schweifen ab und kehren irgendwann über Umwege zurück zum Thema.

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„Ich diskutiere mit allen Menschen. Auch mit Extremisten“, sagt Kolowski am Ende des Abends. Susemiehl hält er natürlich nicht für einen Extremisten, sondern viel mehr für einen interessanten Gesprächspartner mit etwas anderen Ansichten. Beiden habe es Spaß gemacht, im Rahmen von „Deutschland spricht“ einen politischen Diskurs zu führen. „Und einiges gelernt habe ich auch“, sagt Susemiehl. Beim Abschied entstehen schon Überlegungen für ein erneutes Treffen. Die Kontaktdaten habe man ja jetzt. Und Diskussionen – das wurde an diesem Abend deutlich – führen Wissenschaftler auch außerhalb der Universität sehr gerne.

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