Psychiatrie im Klinikum Bremen-Ost Experten werfen Behörde schwere Versäumnisse vor

Neben dem Gesundheitsressort stehen nun auch die Krankenkassen in der Kritik. Sie sollen den Personalabbau in der Psychiatrie geduldet und damit Zwang und Gewalt Vorschub geleistet haben.
30.01.2017, 19:03
Lesedauer: 3 Min
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Experten werfen Behörde schwere Versäumnisse vor
Von Antje Stürmann

Neben dem Gesundheitsressort stehen nun auch die Krankenkassen in der Kritik. Sie sollen den Personalabbau in der Psychiatrie geduldet und damit Zwang und Gewalt Vorschub geleistet haben.

In der Diskussion um zu viel Zwang und Gewalt im Klinikum Bremen-Ost stehen neben dem Gesundheitsressort nun auch die Krankenkassen in der Kritik. „Der Personalabbau im Klinikum Bremen-Ost wurde durch die Kostenträger stillschweigend geduldet“, sagt Wolfgang Rust, Geschäftsführer der Gesellschaft für Seelische Gesundheit beim Arbeiter-Samariter-Bund. Das Land habe verpasst, die Zahl der Klinikbetten zu reduzieren und mit dem so frei werdenden Geld patientengerechte Versorgungsformen zu schaffen – bei gleichzeitiger Verbesserung der Klinikbehandlung.

Weniger individuelle Behandlung

Klaus Pramann, Vorstandsvorsitzender der Blauen Karawane, die sich seit 1985 für eine Weiterentwicklung der Psychiatrie einsetzt, macht als Ursache für die Missstände am Klinikum Ost die an der Bettenbelegung orientierte Krankenhauspsychiatrie verantwortlich. Betroffene, Angehörige, Fachleute und Politiker kritisierten seit Langem diese Bettenpsychiatrie, die weniger der individuellen Behandlung und der Sicherheit der Betroffenen als viel mehr der materiellen Sicherung der Betreiber diene, so Pramann, der auch als Psychiater arbeitet.

Rust sagt: „Solange es einfacher ist, einen Patienten vollstationär aufzunehmen, als ihm eine wohnortnahe ambulante Versorgung anzubieten, und solange mit belegten Klinikbetten Finanzierungsdefizite anderer Krankenhausbereiche ausgeglichen werden, wird die Zahl der Betten nicht reduziert und die Qualität der stationären Versorgung nicht nachhaltig verbessert werden können.“

Laut Pramann verfügt die Bremer Psychiatrie seit Jahren mit über die meisten Psychiatriebetten pro 10.000 Einwohner in Deutschland. Nach Angaben der Behörde gab es 2016 in der Erwachsenenpsychiatrie 573 stationäre Behandlungsplätze. Das sind zehn weniger als 2014. Tendenziell nimmt die Anzahl zu (2010: 555). Nach Ansicht Rusts hat Bremen den Anschluss an eine innovative Versorgung verloren. Dieses Versäumnis widerspreche dem politischen Willen, der in einem einstimmigen Bürgerschaftsbeschluss Anfang 2013 formuliert und in drei Berichten des Ressorts an die Deputation konkretisiert worden sei, so Rust.

Versorgung im Lebensumfeld der Patienten

Dringend erforderlich sei ein Paradigmenwechsel, wie er in anderen Ländern und zum Teil auch in anderen Bundesländern längst im Gange sei, so Pramann. „Psychiatrische Standard- und Krisenversorgung müssen im Lebensumfeld der Betroffenen erfolgen.“ Nach den Worten Rusts haben sich überall in Deutschland psychiatrische Kliniken auf den Weg gemacht, vollstationäre Betten in erheblichem Maße abzubauen und stattdessen eine aufsuchende Behandlung im Lebensmittelpunkt der erkrankten Menschen zu ermöglichen.

Mit der Zunahme der ambulanten Behandlung verbessere sich die Möglichkeit der persönlichen Zuwendung, deren Fehlen am Klinikum Ost bemängelt werde, so Rust. „Was andernorts zu einer Reduzierung von Klinikbetten und von Zwangsmaßnahmen geführt hat, muss in Bremen mühsam über Modellprojekte angekurbelt werden.“ Gemeint sind die zeitlich befristeten 13 Modellprojekte zur Verbesserung der individuellen ambulanten Versorgung von psychisch kranken Menschen in einzelnen Regionen, die nach Angaben der Gesundheitssenatorin gestartet sind. Sind sie erfolgreich, sollen sie auf ganz Bremen ausgeweitet werden. Auch die Zahl der Betten soll reduziert werden, teilt die Gesundheitsbehörde mit. Eine Zahl sei bislang nicht festgelegt worden.

AOK weist Kritik zurück

Um ambulant zu arbeiten, ist laut Rust auch eine flexible Finanzierung nötig. „Gesundheitsressort und Krankenkassen müssen sich fragen lassen, warum so etwas in Bremen nicht ermöglicht wurde“, moniert Rust. Die AOK weist diese Kritik entschieden zurück. Die Krankenkasse führt nach den Worten ihres Sprechers Jörn Hons seit vielen Jahren Gespräche mit der Politik und der Krankenhausplanungsbehörde, die stationären Bettenkapazitäten in allen Bremer Häusern deutlich zu verringern. „Eine Reduzierung der finanziellen Ausstattung ist in der Vergangenheit gescheitert, zuletzt unter anderem in einem Schiedsverfahren über die Klinikbudgets für Bremen-Ost“, sagt Hons. Das Schiedsamt habe bestätigt, dass das Klinikum die von ihm eingeforderten Gelder benötige. Aus Sicht der AOK hatte das Klinikum Bremen-Ost im Vergleich mit acht regionalen Kliniken unverhältnismäßig hohe Sachkosten geltend gemacht.

Für die Zukunft bleibt Pramann skeptisch: „Es ist leider kaum anzunehmen, dass das vom geschäftsführenden Direktor angekündigte neue Behandlungskonzept den Grundlinien eines Paradigmenwechsels folgt.“ Zu befürchten sei eher, dass die Gesundheit Nord die scharfe Kritik zum Anlass nehme, Geld in den Ausbau stationärer Psychiatrie zu stecken, wo es den Betroffenen am wenigsten nütze.

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