Kontrolle auf dem Sonntagsflohmarkt Fahrräder und Teppiche im Visier

Damit Anbieter beim Sonntagsflohmarkt auf der Bremer Bürgerweide nicht über die Stränge schlagen, kontrolliert Breminale-Chef Harald Siegel regelmäßig den Markt. Einige Regeln scheinen wenig bekannt zu sein.
08.06.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Fahrräder und Teppiche im Visier
Von Detlev Scheil

Harald Siegel zählt auf der Bürgerweide kurz durch: „Eins, zwei, drei, vier, fünf.“ Und schon hat er einen Übeltäter erwischt: einen Flohmarkt-Beschicker, der zu viele Fahrräder verkaufen will. Höchstens drei Drahtesel sind erlaubt, so besagt es die Marktordnung. Mit dieser Regel soll gewerblicher Handel unterbunden werden. Der Besitzer der fünf Zweiräder gibt sich ahnungslos, er kenne die Vorschrift nicht. Doch der Mann ist gleich einsichtig und lässt sofort zwei der fünf Gefährte in seinem Kleintransporter verschwinden. Der Chef des Flohmarkt-Veranstalterteams von der Breminale GmbH ist zufrieden und zieht weiter.

Ein paar Meter weiter stoppt Siegel erneut – wieder ein Stand mit ein paar Fahrrädern zu viel. Diesmal reagiert er aber stark verärgert, denn diesen Anbieter hatte er bei früheren Märkten schon zweimal ermahnt. Jetzt hat der Standbetreiber zum dritten Mal die Regeln verletzt, und das heißt: rote Karte. „Ich will Sie hier nicht mehr sehen, ich erteile Ihnen Marktverbot!“ Harald Siegel darf das. Er übt das Hausrecht aus, weil seine Firma diesen Teil der Bürgerweide für die Sonntagsflohmärkte von der Stadt gepachtet hat.

Der Sonntagsflohmarkt im Sommer auf der Bürgerweide ist eine Institution. Auch im Zeitalter von Ebay und Co. ist er bei Besuchern und Hobbyhändlern sehr beliebt. Bei gutem Wetter lockt er nach Angaben von Siegel mehr als 20 000 Besucher an – nicht nur aus der Hansestadt, sondern auch aus weitem Umkreis. Die Zahl der Stände schwankt. Wenn es richtig brummt, sind es bis zu 600.

Harald Siegel streift jeden Sonntag über den Markt, um über die Einhaltung der Regeln zu wachen. Und das schon seit 26 Jahren, seit die Breminale GmbH Regie auf dem Flohmarkt führt. Die Marktordnung gibt vor, welche Waren nicht angeboten werden dürfen. Streng verboten sind Waffen, Tiere, Pflanzen, die dem Artenschutz unterliegen, sowie DVDs, CDs, Videokassetten und Computerspiele, die gegen das Jugendschutzgesetz verstoßen. Große Elektrogeräte wie Waschmaschinen und Kühlschränke sowie große Fernsehgeräte stehen ebenfalls auf der Verbotsliste; bei TV-Geräten behält sich der Veranstalter vor, in Einzelfällen Ausnahmegenehmigungen zu erteilen. Lebensmittel dürfen ebenfalls nicht zwischen dem Trödel angeboten werden, es sei denn, Veranstalter und Ordnungsbehörde haben eine besondere Genehmigung erteilt. Für die gewerblichen Anbieter von Bratwürsten, Pommes, Fischbrötchen, Crêpes, Eis und Co. gelten andere Vorschriften.

Seit drei Jahren dürfen auch keine Teppiche verkauft werden, was sich aber längst noch nicht bei allen herumgesprochen hat. Denn fast jeden Sonntag erspäht Siegel alte Perser oder Vorleger. Wie auch an diesem Tag. Hinter einem Verkaufstisch mit allerlei Trödelwaren ist ein Teppich auf der Kühlerhaube eines Autos ausgebreitet. „Teppiche wollen wir hier nicht“, spricht Siegel die Verkäuferin an. „Warum denn nicht?“, fragt die Frau zurück. Wenn es regne, würden viele Anbieter die mit Wasser vollgesogenen alten Teppiche einfach liegen lassen, antwortet Siegel. „Das hat uns große Probleme bei der Entsorgung gemacht, sodass wir die Notbremse gezogen haben.“

Um dem Einzelhandel keine Konkurrenz zu machen, ist der Verkauf von Neuwaren sonntags auf der Bürgerweide grundsätzlich nicht gestattet. „Natürlich gibt es bei den Neuwaren eine Grauzone“, sagt Siegel. Zum Beispiel dürfen Sachen aus Geschäftsauflösungen, die in privates Eigentum übergegangen sind, verkauft werden, auch wenn sie neu sind. Mit seiner langen Erfahrung könne er gut erkennen, wenn ein gewerblicher Anbieter mit nagelneuen Artikeln komme. „Im Zweifelsfall frage ich nach, ob er einen Gewerbeschein hat. Wird es bejaht, hat er verloren – dann ist er auf dem Flohmarkt falsch“, sagt Siegel.

Nicht konsequent findet der Organisator des Bürgerweide-Flohmarkts, dass die Behörden einem anderen Veranstalter einen Flohmarkt mit Neuware einmal im Monat sonntags auf dem Selgros-Areal in Kattenturm und beim Edu-Einkaufscenter in der Neustadt erlaubt haben. „Der Normalbürger versteht es nicht, dass es einmal erlaubt und ein anderes Mal untersagt wird“, meint Siegel.

Wenn Platzverbote erteilt werden, gibt es schon mal einen heftigen Wortwechsel. Bisweilen sei auch die Polizei herbeigerufen worden, wenn sich das Breminale-Team nicht durchsetzen konnte. „Zu 99 Prozent sind die Leute einsichtig. Und gewalttätige Auseinandersetzungen hat es in den gesamten 26 Jahren nur wenige Male gegeben, und diese Schlägereien hatten nichts mit der Standzulassung zu tun“, berichtet Siegel. Er und seine Mitarbeiter sind nicht die einzigen, die mit Kontrollblick den Sonntagsflohmarkt ansteuern. Die Polizei behält die Veranstaltung ebenfalls im Auge – vor allem, um nach gestohlenen Fahrrädern und anderer Hehlerware Ausschau zu halten. „Die Kollegen und Kolleginnen führen nach wie vor im Rahmen ihrer allgemeinen Streifentätigkeiten Kontrollen durch, sofern die Lage es zulässt“, teilt die Polizeipressestelle auf Anfrage mit. Auch die Gewerbeaufsicht macht Stichproben. Dies gilt auch für die anderen Großflohmärkte, die sich mittlerweile nicht nur in Kattenturm und der Neustadt, sondern auch in Oslebshausen und der Vahr sonntags etabliert haben.

„Hallo, Herr Meyer, auch mal wieder auf der Bürgerweide?“, ruft Harald Siegel beim Rundgang plötzlich. Jürgen Meyer war bis zu seiner Pensionierung 2010 im Gewerbeaufsichtsamt tätig und dienstlich recht häufig auf dem Bürgerweide-Flohmarkt unterwegs. „Ja, bei den Neuwaren gibt es eine Grauzone, und es ist nicht immer einfach, die gewerbliche Tätigkeit nachzuweisen“, sagt Meyer. Eine ganz besondere Zeit seien die Jahre nach der Öffnung der Ostgrenzen gewesen. Damals sei der Bürgerweide-Flohmarkt enorm gewachsen, denn sehr viele Polen seien nach Bremen gekommen. Die Hansestadt sei für sie besonders attraktiv gewesen, weil hier gleich auf zwei Flohmärkten verkauft werden konnte – am Sonnabend an der Schlachte, am Sonntag auf der Bürgerweide.

Harald Siegel sagt, das Organisieren und Kontrollieren des Flohmarkttreibens mache ihm „auch nach 26 Jahren immer noch Spaß“. Für ihn ist es fast so etwas wie eine Familie geworden. Viele, die Stände aufbauen, kommen regelmäßig. Zumindest mehrmals in der Saison, wenn nicht sogar jeden Sonntag. Dieser Flohmarkt sei klasse und die Stimmung bei schönem Wetter immer gut, sagt Cristina Buccini, die auf ihrem Tapeziertisch hauptsächlich Kleidung anbietet, aus denen ihre beiden Kinder herausgewachsen sind. „Immer mal wieder verkaufe ich auf der Bürgerweide, an den anderen Sonntagen kaufe ich hier auch gern ein“, sagt sie. Heute sei sie schon einiges losgeworden und zufrieden.

In diesem Jahr wird der Flohmarkt bis zum 8. September noch 14 Mal auf der Bürgerweide abgehalten. In der kälteren Jahreszeit wechselt er zum Hansa-Carré in Hastedt. Morgens um vier geht es los, um 14 Uhr ist Feierabend. Sechs Euro kostet der Meter Stand, mindestens beträgt die Gebühr aber zwölf Euro, ein Auto zusätzlich drei Euro.

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