Bremen Gröpelingen

Fall Kevin: Vor zehn Jahren schockierte sein Tod ganz Deutschland

Heute wäre Kevin zwölf Jahre alt. Das Leben des Jungen endete auf tragische Weise, als er gerade einmal zwei war - weil niemand etwas getan hat.
10.10.2016, 00:00
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Fall Kevin: Vor zehn Jahren schockierte sein Tod ganz Deutschland
Von Kathrin Aldenhoff
Fall Kevin: Vor zehn Jahren schockierte sein Tod ganz Deutschland

Kevins Grab auf dem Waller Friedhof

Christina Kuhaupt

Heute wäre Kevin zwölf Jahre alt. Das Leben des Jungen endete auf tragische Weise, als er gerade einmal zwei war - weil niemand etwas getan hat.

Sie hat lange überlegt, was sie sagen, wie sie es sagen soll. Nach Worten gesucht, die trösten, wenn etwas Unfassbares geschehen ist. Die Beerdigung von Kevin an einem grauen verregneten Montag im November 2006 wird Pastorin Jutta Konowalczyk-Schlüter nie vergessen.

Und auch die Rede nicht, sie hat sie auf ihrem Rechner, bringt es nicht übers Herz, sie zu löschen. „Kevin hatte sein Leben doch noch nicht gelebt, er war noch so klein“, lautet einer der Sätze aus ihrer Rede. Manche in ihrer Gemeinde fragten sich, was Kevin noch hätte erleiden müssen, wenn er länger gelebt hätte.

Es war das Schlimmste, was passieren konnte. Ein kleines Kind, zwei Jahre alt, wird tot geprügelt, von einem Mann, der sein Vater sein soll. Das Kind steht unter dem Schutz des Jugendamtes, doch niemand schützt das Kind, der Amtsvormund nicht, der Sachbearbeiter nicht und auch die Ärzte nicht.

Als Mitarbeiter des Amts für Soziale Dienste am 10. Oktober 2006 in die Kulmer Straße nach Gröpelingen fahren, um Kevin in Obhut zu nehmen, ist es zu spät. Kevin ist da schon wochenlang tot. Sie finden seine Leiche im Kühlschrank. Er hatte über 20 Knochenbrüche und zahllose Blutergüsse. Wann Kevin wie verletzt wurde, das konnte auch das Gericht später nicht klären.

Bernd K. nicht der leibliche Vater

Kevin wird am 23. Januar 2004 geboren, seine Mutter Sandra K. ist drogenabhängig, sieben Jahre ihres Lebens hat sie im Gefängnis verbracht, unter anderem wegen räuberischen Diebstahls. Seit Oktober 2003 lebte sie mit Bernd K. zusammen, die beiden waren nicht verheiratet. Sandra K. starb im November 2005, wenige Monate davor hatte sie eine Fehlgeburt. Bis zu ihrem Tod wurde sie mit Methadon substituiert.

Als Kevins Mutter tot war, übernahm das Jugendamt die Vormundschaft über den Jungen. Und die Behörde behielt sie, bis zu seinem Tod. Kevin lebte nach dem Tod seiner Mutter bei Bernd K.; der hatte 13 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, unter anderem wegen Körperverletzung und Diebstahls, auch er war drogenabhängig, auch er wurde mit Methadon substituiert. Eine DNA-Analyse nach Kevins Tode zeigte, dass er nicht Kevins leiblicher Vater ist.

Kevins Tod löste vor zehn Jahren eine bundesweite Debatte über Kinderschutz aus, Gesetze wurden geändert, nie wieder sollte so etwas passieren, darin waren sich alle einig. Ulrich Mäurer, damals Justizstaatsrat, veröffentlichte Ende Oktober 2006 einen Untersuchungsbericht, eine Dokumentation über all das, was schiefgelaufen war.

Sozialsenatorin Karin Röpke war da schon zurückgetreten, der Leiter des Jugendamtes, Jürgen Hartwig, suspendiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht gegen die beteiligten Mitarbeiter des Amts für Soziale Dienste, und die Bremische Bürgerschaft setzte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Fall Kevin ein.

Anzeichen für Misshandlungen waren schon vorher da

Pastorin Jutta Konowalczyk-Schlüter erzählt, dass nach Kevins Tod ein junger Mann an ihrer Haustür klingelte. „Er war gerade Vater geworden, und es war ihm unbegreiflich, warum man so ein kleines Kind nicht schützen will. Er hat so geweint“, erinnert sie sich. In der Gemeinde sei viel gesprochen worden, viele Ehrenamtliche meldeten sich, sie wollten Kevins Grab pflegen, andere wollten Geld spenden. Irgendetwas tun, um sich über das zu trösten, was da mitten in Bremen geschehen war. Und gegen das niemand etwas getan hat.

Was der damalige Justizstaatsrat Ulrich Mäurer aus den Akten zusammen trägt, liest sich wie ein Bericht des Versagens. Auf vielen Seiten listet er all die Maßnahmen auf, all die Gespräche, all die Hilfeleistungen, die der Familie angeboten wurden und die sie nur teilweise annahm. Immer wieder äußern Ärzte, Polizisten oder auch die Hebamme Zweifel daran, dass die Eltern ihrer Fürsorgepflicht nachkommen.

Im November 2004 rufen Nachbarn die Polizei, weil die Mutter, voll mit Drogen und Alkohol, im Hausflur schläft, das Kind liegt schreiend und mit roten Stellen im Gesicht neben ihr auf dem Boden. Die Polizei bringt das Kind ins Krankenhaus. Kevin bleibt fünf Tage im Hermann-Hildebrand-Haus, dort werden Kinder in Notsituationen aufgenommen. Doch die Eltern wollten ihn zurück – und sie bekommen ihn zurück, als sie zusagen, sechs Wochen an einer ambulanten Familienmaßnahme teilzunehmen.

Schon vorher war Kevin ins Krankenhaus eingeliefert worden, da war er acht Monate alt. In der Prof.-Hess-Kinderklinik wird er wegen Knochenbrüchen behandelt, unter anderem stellen die Ärzte Frakturen am Schädel, an den Rippen, an Armen und Beinen fest, seine Entwicklung ist gestört. Am Ende von Mäurers Bericht heißt es: „Wünsche der Eltern beziehungsweise des Vaters sind auffallend stark berücksichtigt worden.“ Mäurer kommt zu dem Schluss: Der Tod von Kevin hätte verhindert werden können. Gefährdungslagen seien nicht erkannt oder falsch eingeschätzt worden, falsche Entscheidungen wurden getroffen, notwendige Entscheidungen hingegen nicht.

Jugendamt hat aus dem Fall gelernt

Die Wünsche des Vaters waren wichtiger als das Kindeswohl. So ist es heute nicht mehr, sagt Rolf Diener. Er leitet das Bremer Jugendamt im Amt für Soziale Dienste seit 2013. „Das Kind sah man damals als Stütze der Familie. Das wird heute anders gesehen“, sagt er. Im Fall Kevin habe es inhaltliche Fehler bei der Fallbearbeitung gegeben. Und Probleme in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stellen. Etwa zwischen dem Arzt, der die drogenabhängigen Eltern mit Methadon substituierte, und den Behörden.

Heute arbeite das Jugendamt nach dem Vier-Augen-Prinzip, eine Risikomeldung gehe immer an das ganze Team, sagt Rolf Diener. „Mehrere Kollegen sehen sich einen Fall an. Der Kinderschutz hat eine hohe Priorität und Wichtigkeit.“ Und die Behörden arbeiteten enger zusammen. Heute gelten strenge Regeln, wenn substituierte Eltern ihre Kinder bei sich haben, es werden etwa regelmäßig Haaranalysen gemacht und Urinproben genommen.

Wenn ein Kind aus so einer Familie zwei Tage nicht in die Krippe gebracht werde, fragten die Mitarbeiter sofort nach, sagt Rolf Diener. „Das Netz drum herum ist heute wesentlich enger geknüpft.“ Die Sachbearbeiter sähen genauer hin, und nähmen ein Kind, wenn es notwendig ist, auch schnell in Obhut. Rolf Diener sagt, der Fall Kevin hängt immer noch in den Köpfen der Jugendamts-Mitarbeiter, wie ein Trauma.

Todestag bis heute unbekannt

Kevins Grabstein ist schlicht, ein Schmetterling ist eingraviert, ein Mond und drei Sterne, sein Vorname und die Jahreszahl 2006. Das Jahr, in dem er starb. An welchem Tag er starb, konnte das Gericht nicht klären, nicht mal in welchem Monat. Wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang Juli. „Genauer können wir es nicht sagen“, sagte der Vorsitzende Richter Helmut Kellermann der Schwurgerichtskammer II des Landgerichts Bremen damals.

Klar wird: Kevin stirbt an einem Versagen der rechten Herzklappe in Folge einer Fettembolie, verursacht durch die Knochenbrüche. Ob zwischen der Verletzung und Kevins Tod Minuten, Stunden oder Tage vergingen, das weiß keiner. Das Gericht verurteilte Bernd K. zu zehn Jahren Haft.

Vor Kevins Grabstein sitzt ein Plüschtier, ein kleiner Elch mit einer roten Nase. Jemand hat Engel auf das Grab gestellt, ein Kaninchen und einen Igel. Neben Kevins Grabstein stehen zwei weitere: einer für seine Mutter und einer für den Jungen, den sie tot auf die Welt brachte. Pastorin Jutta Konowalczyk-Schlüter steht vor dem Grab am Waller Friedhof und sagt: „Ich wollte ihn so beerdigen, wie andere kleine Jungen auch, die tragisch zu Tode gekommen sind.“ Und dass die Beerdigung von Kevin der bewegendste Moment in ihrer Amtszeit war.

Sie hat es damals getröstet zu wissen, dass der Bestatter Kevin eine kleine Jeanshose und ein kariertes Oberhemd angezogen hat. Etwas Besonderes war das, erinnert sie sich. Etwa 20 Leute waren gekommen, um Abschied von Kevin zu nehmen. Manche von ihnen kannten ihn nicht. Seine Großeltern, die Eltern von Bernd K., standen am Grab. Und der Bürgermeister. Bernd K. nicht. Auch von der Familie der Mutter war niemand gekommen. Am Ende singen die Trauergäste gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“. Ein Lied, das manche Eltern ihren Kindern vor dem Einschlafen singen.

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