Landgericht Bremen

Fall Odai K.: Rechtsmediziner spricht von stumpfer Gewalt

Der 15-jährige Odai K. aus Lüssum ist als Folge von Misshandlungen vermutlich an einer Lungenentzündung gestorben. In der Silvesternacht war der Junge von drei Männern durch Schläge schwer verletzt worden.
07.09.2017, 19:05
Lesedauer: 2 Min
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Fall Odai K.: Rechtsmediziner spricht von stumpfer Gewalt
Von Jan Oppel
Fall Odai K.: Rechtsmediziner spricht von stumpfer Gewalt

Einer der drei Angeklagten im Juli beim Auftakt des Prozesses um die gemeinschaftliche Tötung eines 15-Jährigen in Lüssum in der Silvesternacht 2016/2017.

Christina Kuhaupt

Im Prozess um die gemeinschaftliche Tötung des 15-Jährigen Syrers Odai K. in Lüssum hat am Donnerstag der Rechtsmediziner ausgesagt. Demnach ist der Junge an einer Lungenentzündung gestorben, die durch seinen kritischen Zustand hervorgerufen worden war.

Die 34, 25 und 16 Jahre Männer auf der Anklagebank müssen sich vor dem Landgericht Bremen wegen gemeinschaftlichen Totschlags verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, den 15-Jährigen in der Silvesternacht 2016/2017 nach einer Auseinandersetzung zunächst verfolgt und dann in einem Lokal gestellt zu haben. Laut Anklageschrift verletzte das Trio den Jungen dort mit Tritten, Faustschlägen und einer Whisky-Flasche so schwer, dass er wenige Tage später im Krankenhaus an den Folgen der Misshandlungen starb.

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Nach Aussage des Rechtsmediziners hatte der 15-Jährige einen Schädelbasisbruch erlitten, beide Jochbeine und der linke Unterkiefer waren gebrochen. Zum Tod habe aber eine Lungenentzündung geführt. „Das Schädelhirntrauma dürfte aber zumindest mitverantwortlich für den Tod sein“, ergänzte er. Lungenentzündungen würden bei intensiv-medizinischen Behandlungen häufig auftreten. Etwa dann, wenn Verletzte ihr Erbrochenes einatmeten oder die Lunge nicht ausreichend belüftet werde. Aber auch ohne die Lungenentzündung seien die Verletzungen dazu geeignet gewesen, den Jungen zu töten, so der Experte.

Stumpfe Gewalteinwirkung mit der Faust

Die Jochbeine und der Kiefer waren durch stumpfe Gewalteinwirkung gebrochen, „wahrscheinlich mit der Faust“, schätzt der Rechtsmediziner. „Ein Schlag mit der flachen Hand reicht dafür nicht aus.“ Mindestens vier Mal sei mit erheblichem Kraftaufwand auf den Kopf des 15-Jährigen eingeschlagen worden. Es sei wahrscheinlich, dass dem Jungen mit nur einem Schlag sowohl das linke Jochbein als auch der linke Kiefer gebrochen wurden.

Als Ursache der Kopfverletzungen wollte der Experte auch Tritte oder Schläge mit einer Flasche nicht ausschließen. Einen Sturz bezeichnete er hingegen als unwahrscheinlich. In diesem Fall käme es durch das Schleudertrauma zu sogenannten Gegenverletzungen, so der Rechtsmediziner. Falle ein Mensch etwa auf den Hinterkopf, würde durch den Gegenstoß auch das Gehirngewebe im Stirnbereich geschädigt. Solche Verletzungen habe die Leiche des 15-Jährigen aber nicht aufgewiesen.

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Wie an den vorigen Verhandlungstagen waren die Zuschauerränge im Saal des Landgerichts gut besucht, in erster Linie waren Verwandte und Bekannte der Angeklagten gekommen. Das Motiv für die brutale Tat ist weiterhin unklar. Nachdem sie die Zuschauer begrüßt hatten, verfolgten die drei Männer die Ausführungen des Rechtsmediziners ohne besondere Regung.

Vor dem Start der der Sitzung hatte der Anwalt Martin Stucke am Donnerstag den Verlauf der Ermittlungen kritisiert. „Wir stehen diesem Verfahren sehr misstrauisch gegenüber“, sagte er. „Wir haben hier einen Fall, bei dem es ausschließlich um Zeugenaussagen geht.“ Die Ermittlungsleiterin der Polizei hatte am zweiten Verhandlungstag ausgesagt, bevor die Spurensicherung den Tatort untersuchen konnte, sei in dem Lokal in Lüssum bereits aufgeräumt und gewischt gewesen. „Das kann man als katastrophale Arbeit bezeichnen“, so Stucke. Zeugen hätten sich darüber hinaus in Widersprüche verstrickt.

Gefängnisstrafen von bis zu 15 Jahren

Den Angeklagten drohen Gefängnisstrafen zwischen fünf und 15 Jahren. Dem minderjährigen Beschuldigten drohen nach dem Jugendstrafgesetz maximal zehn Jahre Freiheitsentzug. Zurzeit sitzen sie in Untersuchungshaft. Bislang schweigt das Trio zu den Vorwürfen. Am 27. September wird die Verhandlung fortgesetzt.

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