Neustadt Farbige Fenster prägen Gotteshaus

Die alte, aus dem 17. Jahrhundert stammende Kirche der evangelischen St.
16.02.2017, 00:00
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Farbige Fenster prägen Gotteshaus
Von Detlev Scheil

Die alte, aus dem 17. Jahrhundert stammende Kirche der evangelischen St.-Pauli-Gemeinde wurde im Zweiten Weltkrieg 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Erst zwei Jahrzehnte später bekam die Gemeinde, die als Mutter aller Kirchengemeinden in der Neustadt gilt, ein neues Gotteshaus: Die jetzige St.-Pauli-Kirche an der Großen Krankenstraße wurde am 19. Februar 1967 eingeweiht – also vor 50 Jahren. Gefeiert wird dieses Jubiläum nicht. Allerdings wird im Familiengottesdienst, der am Sonntag, 19. Februar, 11 Uhr, im St.-Pauli-Gemeindesaal begangen wird, der „runde Geburtstag“ sicherlich auch zur Sprache kommen.

Als romantisch-anheimelnd würde wohl niemand die vom Bremer Architekten Jan Noltenius (1907-1981) entworfene Kirche bezeichnen. „Ja, sie wirkt eher karg und kühl, hat aber eine besondere Ausstrahlung“, sagt Pastorin Ragna Miller. Die Grundform der mit Rotsteinen gemauerten Kirche wurde durch bugartige Ausbuchtungen an den Stirnseiten und Abfassungen der Ecken zum unregelmäßigen Vieleck. Der Grundriss des Innenraums mit seinen 280 Plätzen auf den Kirchenbänken soll an zwei übereinandergelegte Hände erinnern. Der Altarraum mit weiß gestrichenen Ziegelwänden erhält viel Licht dank großer, kunstvoll gearbeiteter farbiger Fenster des Bremer Künstlers Albrecht Kröning. „Die Kirche wirkt dadurch zum Neuen Markt hin offen“, sagt die Pastorin. Ein großes Bronzekreuz hinter dem Altar, ein Taufbeckenständer aus Metall sowie das Gerüstband am Hauptportal mit dem alten Symbol der Fische und das weithin sichtbare Schiff aus Bronze, das Zeichen des Seefahrers Paulus, stammen von dem Bildhauer Walter Wadephul.

Das Satteldach wurde mit Kupfer eingedeckt, das heute grün schimmert. Die Kirche schließt direkt an das Gemeindehaus an, den Übergang betont ein schlanker Glockenturm, in dem fünf Glocken aus der Hemelinger Gießerei Otto hängen. Der 30 Meter hohe Turm ist derzeit eingerüstet, nachdem sich ein Brocken aus dem Mauerwerk gelöst hatte. Einige Stellen seien marode und müssten nun ausgebessert werden, es sei aber nicht dramatisch, sagt Pastorin Miller.

Sichtbare Schäden gibt es auch im Altarraum, wo sich der Boden teilweise abgesenkt hat und Fliesen gebrochen sind. „Das hat aber nichts mit schlechter Bausubstanz zu tun, sondern mit den früheren zahlreichen Wasserläufen hier in Wesernähe. Dadurch ist der Boden ungleichmäßig verdichtet, sodass im Laufe der Zeit Absenkungen passieren können“, sagt Edmund Exner, langjähriges Gemeindemitglied. Einmal habe das Kirchengebäude sogar so stark unter Spannung gestanden, dass eine Windfangtür aus Sicherheitsglas in tausend Scherben zersprungen sei. Glücklicherweise sei das nachts passiert, als niemand in der Kirche war.

Kanzel nach Borgfeld

Von der alten, anno 1682 eingeweihten und am 6. Oktober 1944 abgebrannten Kirche an der Osterstraße nahe der Kleinen Weser konnten einige Dinge in den Neubau hinübergerettet werden: eine steinerne Portalbekrönung mit Bürgermeisterwappen, die an der Seite des Altarraums hängt, ein Teil des geschnitzten Orgelprospektes, der sich in der Seitenkapelle befindet, sowie barocke Abendmahlsgeräte. Theoretisch hätte auch die kunstvoll geschnitzte Holzkanzel aus der alten St.-Pauli-Kirche übernommen werden können. Doch die passte vermutlich nach Meinung des Architekten Noltenius nicht in die moderne Kirche. Er vermittelte 1965 die aus dem Jahr 1640 stammende Kanzel nach Borgfeld, wo sie heute die evangelische Kirche schmückt. Einige Jahrzehnte später versuchte der Kirchen­vorstand von St. Pauli, die frühere Kanzel zurückzuholen, traf aber auf erbitterten Widerstand des Borgfelder Kirchenvorstandes.

Die Vorbereitungszeit für den Neubau der St.-Pauli-Kirche war lang. Bereits 1952 schrieb die Bremische Evangelische Kirche einen Architektenwettbewerb für die St.-Pauli-Kirche und ein Gemeindezentrum aus. Damals war schon klar, dass der alte Kirchenstandort an der Osterstraße nicht wieder in Frage kam. Die im Krieg ebenfalls zerstörte Große Weserbrücke sollte leicht versetzt wiederaufgebaut werden, sodass die Zufahrtsachse das einstige Kirchengrundstück querte. Auf einem Teil des früheren Kirchengrundstücks steht heute das St.-Pauli-Stift.

Für den Architektenwettbewerb wurden 35 Entwürfe eingereicht, wie der Weser-Kurier am 29. Juli 1952 berichtete. Doch kein Entwurf überzeugte voll und ganz. Es wurden schließlich insgesamt sechs Preise vergeben. Einen von zwei geringer dotierten Preisen erhielt Jan Noltenius, der ein Jahrzehnt später mit dem Kirchenbau beauftragt wurde. Er ist auch der verantwortliche Architekt des 1955 errichteten St.-Pauli-Gemeindehauses, des Pastorenhauses und des Kindergartens. Noltenius hat außerdem die 1966 fertiggestellte Matthias-Claudius-Kirche in der Wilhelm-Raabe-Straße, die 2009 entwidmet und zum Mehrgenerationenzentrum umgebaut wurde, sowie die evangelische Kirche in Blumenthal-Bockhorn (1959) entworfen. Bei allen drei Kirchen, die sich stilistisch recht ähnlich sind, arbeitete er mit dem Neustädter Glaskünstler Albrecht Kröning zusammen.

Der Grundstein für den Kirchenbau wurde am 2. Mai 1965 unmittelbar neben dem neuen Gemeindehaus gelegt. Der große Saal in dessen Obergeschoss, der auch über eine Orgel sowie einen hinter Holztüren verborgenen, ausklappbaren Altar verfügt, diente in der Übergangszeit als Gottesdienstraum und wird auch heute vor allem im Winter noch so genutzt.

Zionskirche wird 60

Die St.-Pauli-Kirche erhielt erst etwa ein Jahr nach der Fertigstellung ihre Orgel aus der Werkstatt des Bielefelder Orgelbauers Detlef Kleuker. Das Instrument wurde vor einigen Jahren überholt und klanglich erweitert, es wird nicht nur von der Kirchengemeinde, sondern auch von den Musik-Dozenten und -Studenten der Hochschule für Künste sehr geschätzt.

Auf eine Jubiläumsveranstaltung in den St.-Pauli-Gebäuden wird diesmal nach Angaben der Pastoren Thomas Lieberum und Ragna Miller verzichtet, weil 2015 bereits die Fertigstellung des Gemeindehauses vor 60 Jahren gefeiert worden war. In diesem Jahr wolle sich die Vereinigte Evangelische Gemeinde Neustadt, zu der sich vor acht Jahren die St.-Pauli-, die Zions- und die Matthias-Claudius-Gemeinde zusammengeschlossen haben, auf einen anderen „Geburtstag“ konzentrieren: Das 60-jährige Bestehen der Zionskirche in der Kornstraße. Dazu wird es im März ein Erzählcafé, einen Festgottesdienst und einen Gastvortrag von Professor Heinrich Grosse, früherer Pastor und Mitarbeiter des Sozialwisschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), geben.

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