Nordmilch Fast 1000 Landwirte kündigen Vertrag mit Molkerei

Bremen. Bis zum Ende des vergangenen Jahres haben fast 1000 Milchbauern - vor allem aus Unmut über den niedrigen Milchpreis - der Nordmilch den Rücken gekehrt. Damit sind der größten deutschen Molkerei-Genossenschaft rund zwölf Prozent der Mitglieder davongelaufen.
21.06.2010, 22:04
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Fast 1000 Landwirte kündigen Vertrag mit Molkerei
Von Petra Sigge

Bremen. Bis zum Ende des vergangenen Jahres haben fast 1000 Milchbauern - vor allem aus Unmut über den niedrigen Milchpreis - der Nordmilch den Rücken gekehrt. Damit sind der größten deutschen Molkerei-Genossenschaft rund zwölf Prozent der Mitglieder davongelaufen. Das bestätigte Vorstandschef Josef Schwaiger gestern am Rande der Bilanzpressekonferenz.

Die Kündigungen mit einer Frist von zwei Jahren stammen nach Unternehmensangaben allesamt aus Ende 2006. Damals zahlte Nordmilch seinen Milchlieferanten, die zugleich Eigentümer der Genossenschaft sind, deutlich niedrigere Preise als vergleichbare Molkereien. 'Mit Zeitverzögerung bekommen wir jetzt die Quittung dafür', sagte der für Landwirtschaft zuständige Nordmilch-Direktor Ingo Müller.

Der Mitgliederschwund sei inzwischen gestoppt. Aktuell gehören der Genossenschaft 7000 Landwirte an. 80 Kündigungen bis Ende 2010 stehen noch im Raum. Die hofft das Unternehmen angesichts der jüngsten Preisentwicklung rückgängig machen zu können. Mit durchschnittlich 26,6 Cent pro Kilo Milch zahlte Nordmilch in den ersten fünf Monaten dieses Jahres ihren Bauern etwa fünf Cent mehr als im Vorjahreszeitraum und liegt damit leicht über dem Preis von 14 Vergleichsmolkereien. Vorstandschef Schwaiger geht davon aus, dass der Milchpreis in den kommenden Monaten noch auf 30 Cent klettern könnte. Im Vorjahr waren es im Schnitt nicht einmal 23 Cent gewesen. Zeitweise war der Erlös für die Bauern sogar auf den historischen Tiefstand von 21 Cent abgesackt.

Ursache für den deutlichen Preisverfall 2009 war laut Schwaiger ein Überangebot an Milch auf dem deutschen Markt. Gleichzeitig sei die Nachfrage der privaten Konsumenten infolge der Wirtschaftskrise stark eingebrochen. Der Umsatz im Nordmilch-Konzern sank in der Folge auf 1,86 Milliarden Euro (2008: 2,5 Milliarden). Durch Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen in der Produktion konnte das Unternehmen seinen Gewinn dennoch von 20 auf 30 Millionen Euro steigern.

Insgesamt hat die Molkerei im vergangenen Jahr rund vier Milliarden Kilogramm Milch verarbeitet. Bei der Vermarktung seiner Produkte - Frischmilch hatte der Konzern schon vor zwei Jahren komplett aus dem Sortiment gestrichen - konzentriert sich Nordmilch neben dem deutschen Lebensmittelmittelhandel immer stärker auf die verarbeitende Lebensmittelindustrie sowie den Export ins Ausland. Derzeit liefert das Unternehmen, bekannteste Marke ist 'Milram', seine Milchprodukte in über 80 Länder. Vor allem das Käsegeschäft habe sich hier mit einer Absatzsteigerung von über 20 Prozent als krisenresistent erwiesen, sagte Schwaiger. Zu den vielversprechenden Wachstumsmärkten gehören nach seinen Worten Russland und Asien.

Die Verbraucher werden sich nach Einschätzung des Nordmilch-Chefs vor dem Hintergrund einer wachsenden Nachfrage nach Milchprodukten auf weiter steigende Preise gefasst machen müssen. Die Verteuerungen bei Butter, Quark und Käse im vergangenen Monat seien nur der Auftakt gewesen, glaubt Schwaiger. Von gravierenden Preisaufschlägen geht er dabei allerdings nichts aus. 'Diese Spitzen, die wir vor zwei Jahren gesehen haben, wird es nicht geben.'

Um sich gegen die geballte Marktmacht der Discounter künftig noch besser behaupten und den Milchbauern damit auskömmlichere Preise sichern zu können, braucht es nach Ansicht des Nordmilch-Vorstands einen starken Partner. So will das Unternehmen nun einen neuen Anlauf für eine Fusion mit dem zweitgrößten deutschen Milchverarbeiter Humana aus dem westfälischen Everswinkel unternehmen. Der Start für das gemeinsame Unternehmen ist laut Schwaiger zum 1. Januar 2011 geplant. Für die Nordmilch-Beschäftigten dürfte damit die nächste Zitterpartie beginnen. Waren doch im Zuge eines umfangreichen Restrukturierungsprogramms schon in den vergangenen Jahren mehrere Werke geschlossen und Hunderte Arbeitsplätze abgebaut worden. 'Es gibt natürlich Unsicherheit in der Belegschaft', sagte die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hannelore Hesseling auf Nachfrage. 'Wir wissen ja alle nicht, wo die Reise hingeht.'

Bis auf ein Molkewerk in Schleswig, dessen 120 Beschäftigte an anderen Standorten weiterarbeiten können, soll es nach Schwaigers Worten keine weiteren Werksschließungen in den nächsten Jahren geben. Die Schließung einzelner Abteilungen wollte er allerdings nicht ausschließen. 'Wir haben zum Beispiel fünf bis sechs Abteilungen in beiden Unternehmen, die sich mit der Herstellung von Joghurt befassen. Da werden wir natürlich versuchen, ein paar weniger draus zu machen.' Der Vorstandschef geht davon aus, dass ein Großteil des möglichen Stellenabbaus durch Fluktuation aufgefangen werden kann.

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