Musiker aus ganz Deutschland spielen gemeinsam mit Bremer Schülern im Improorchester zusammen

Faszination durch Ausprobieren

Ostertor. Viel Spaß stand jüngst beim ersten Konzert auf dem Programm, als in der Turnhalle der Bürgermeister-Smidt-Schule das „Symphonic Improorchester“ aus der Taufe gehoben wurde. Jedes der Kinder spielte inmitten der Orchestermusiker, die aus ganz Deutschland angereist waren, ein Instrument und durfte schließlich auch mal selber dirigieren.
06.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer
Faszination durch Ausprobieren

Die Turnhalle der Bürgermeister-Smidt-Schule war gefüllt mit all den kleinen und großen Musikern.

Roland Scheitz

Ostertor. Viel Spaß stand jüngst beim ersten Konzert auf dem Programm, als in der Turnhalle der Bürgermeister-Smidt-Schule das „Symphonic Improorchester“ aus der Taufe gehoben wurde. Jedes der Kinder spielte inmitten der Orchestermusiker, die aus ganz Deutschland angereist waren, ein Instrument und durfte schließlich auch mal selber dirigieren. Veranstaltet und organisiert hatte diesen Projekttag die Musikwerkstatt der Bremer Philharmoniker in Kooperation mit der Hochschule für Künste Bremen. Zu diesem Zweck hatten die Philharmoniker eigens ihre Instrumente mit an die Schule gebracht.

Dementsprechend werden die Mitglieder des „Symphonic Improorchester“ von den Grundschülerinnen und -schülern, die die Musikwerkstatt schon von Besuchen her kennen, mit dem „Bremer Philharmoniker Lied“ begrüßt: „Bremer Philharmoniker, hier spielt die Musik, macht doch bei uns mit! Geige, Flöte und Fagott selber ausprobiern, das ist die Musikwerkstatt, heute, jetzt und hier!“ An der Hochschule für Künste wird die Weiterbildung „Musik erleben. Musik vermitteln“ angeboten, eine Novität. Denn die Vermittlung, speziell von klassischer Musik, wird in Zeiten veränderten Freizeitverhaltens und der Erosion bildungsbürgerlicher Traditionen, speziell im Haushaltsnotlageland Bremen, immer wichtiger. Das gilt im Besonderen für niedrigschwellige Angebote, mit denen Berührungsängste vor dem vermeintlich elitären Klassik-Genre abgebaut werden sollen.

„Musik erleben. Musik vermitteln“ ist ein auf drei Jahre angelegtes Pilotprojekt, das berufsbegleitend jeweils über zwölf Monate hinweg angeboten wird. Die Teilnahme ist in dieser Zeit für Profi-Musikerinnen und -Musiker kostenlos, egal, ob freischaffend tätig oder bei einem Orchester fest engagiert. Das Forschungsprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. „Unser Ziel ist es, Kunst- und Kulturschaffende für Bereiche der kulturellen Bildung weiterzuqualifizieren“, erläutert Barbara Stiller, Professorin für Musikvermittlung und Instrumental-Pädagogik an der Hochschule für Künste. Unter den diesjährigen 25 Teilnehmern sind die Harfenistin Christine Nitsche, die Berliner Pianistin Marlene Heiß und der Schlagzeuger Jonas Brodbeck aus Trossingen. Sie gestalten wie ihre anderen Kolleginnen und Kollegen aus dem „Symphonic Improorchester“ auch, gemeinsam mit Grundschülerinnen und -schülern einen Workshop. In der Turnhalle begrüßt das Trio die Kinder mit einer fröhlichen Melodie. Im Dialog mit den anwesenden Kindern beschreibt die Pianistin ihr Instrument. Und Jonas, Schlagzeuger, fragt: „Habt ihr schon mal etwas vom Glockenspiel gehört?“ Denn das Instrument, das er gerade anschlägt, klingt ganz ähnlich: das Vibraphon.

Christine Nitsch will wissen: „Ist irgend etwas gleich bei den Instrumenten?“ Ein Blick auf die Saiten des aufgeklappten Tasteninstrumentes kann da ja nicht schaden... . Die Harfenistin erzeugt unterdessen Töne, indem sie die Saiten ihres vergoldeten, schön geschwungenen Instrumentes zupft, das über lange und kurze Saiten verfügt. Auf einer Saite befinden sich drei Töne. Dann lässt sie perlende Glissandi folgen. Bei einer Harfe sitzen links die tiefen, rechts die hohen Töne. Christine präsentiert die roten C-Saiten („das sind meine Christine-Saiten“) ihres Instumentes und wirkt fast ein bisschen stolz dabei.

Jetzt erklärt Marlene Heiß, weshalb es sich bei einem Piano um ein Schlaginstrument handelt. Sobald eine Taste angeschlagen wird, saust ein Hämmerchen auf die Taste und ein Ton entsteht. Eine Schülerin macht vor, wie's geht. Einen weiteren, gravierenden Unterschied gibt es zwischen Klavier und Harfe. Das Klavier hat lediglich drei Pedale, die Harfe dagegen sieben und das Vibraphon lediglich ein einziges, langes Pedal. Jonas Brodbeck bittet einen kleinen Blonden nach vorne: „Kannst du mir bitte helfen?“ Per Pedal werden die Platten des Vibraphons von unten angestupst, der Ton entsteht, sobald der kleine Teppich, der sich unter den Tasten befindet, weggezogen wird. Im Instrumenten-Wettstreit ist Marlene Heiß die eindeutige Gewinnerin, denn sie kann auf ihrem Instrument zehn Töne gleichzeitig anschlagen.

Jetzt geht es ans praktische Ausprobieren der Zauberzeichen, die die Kinder vor den Workshops bei Bernhard Lidl gelernt haben, dem Dirigenten des „Symphonic Improorchesters“. Zuvor hatte das Improorchester zum Warmwerden unter der Leitung des Münchner Dirigenten und Kirchenmusikers Auszüge aus Brahms' „Ungarischen Tänzen“, ein getragenes Lied von John Dowland und als „Rausschmeißer“ einen schmissig-übermütigen Ragtime gespielt. Ohne die Zauberzeichen geht es indes nicht, wenn ein improvisiertes Orchester zusammenspielen will. Wird die linke Hand ausgestreckt und der Finger der rechten darauf gelegt, dann bedeutet das: ein langer Ton. Werden die Hände verschränkt im Kreis gedreht, heißt das: weiterspielen. Werden sie dagegen zusammengelegt, bedeutet das: Bitte leiser! Werden die Hände wieder auseinander gezogen, will der Dirigent damit signalisieren: Lauter, bitte! Werden hingegen die Arme wie ein Fächer ausgebreitet, dann gibt der Dirigent den Einsatz, dass das gesamte Orchester spielen soll.

Und genau nach diesen Regeln dirigieren die Grundschülerinnen und -schüler zuerst ihre Klassenkameraden in den Workshops und entfachen dabei einen wahren Klatsch- und Zisch-Sturm, bevor sie dann zur Leitung des Improorchesters wechseln. Allgemeines Fazit der Kinder: "Das war voll gut!" Professorin Barbara Stiller bilanziert: "An etwas beteiligt zu sein, das man selber können kann, fasziniert die Kinder!" Marko Gartelmann, selbst bei den Bremer Philharmonikern Koordinator für Musikvermittlung, hatte zuvor die Funktion des Dirigenten für das Orchester erläutert: "Er gibt den Einsatz, damit die Musikerinnen und Musiker gemeinsam beginnen und aufhören können, zu spielen. Und er gibt Zeichen, welche Stellen er in der Musik gern laut hätte und welche leise. Er schlägt den Takt und setzt die Pausen.“ Denn, wie Marko Gartelmann, selbst einer der Absolventen des ersten Weiterbildungs-Jahrgangs resümiert: "Musik ist eben Kommunikation!" und er betont: "Die Weiterbildung war für mich eine Horizonterweiterung, eine Inspiration."

„Die Weiterbildung war für mich eine Horizonterweiterung.“ Marko Gartelmann
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