Ganz bestimmt falsch - Wechslers Pilze

Faszination Pilz

Klaus Wechslers Pilze sind leicht zu verwechseln - mit dem Original. In einem selbst entwickelten Silikonkautschuk-Abgussverfahren stellen der zoologische Präparator und seine Frau Lilo Exponate für Museen her.
03.11.2018, 19:40
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Von Justus Randt
Faszination Pilz

Der winzige Mist-Kahlkopf ist ein Abguss des Originals.

Christina Kuhaupt

„Von wegen: Ich bastle mal einen schönen Fliegenpilz.“ Klaus Wechsler ist höchste Anerkennung in Fachkreisen gewöhnt. Dass er und seine Frau Lilo eine Pilzwerkstatt betreiben, ist zwar ein Hobby, aber hochprofessionelle Arbeit. Dazu gehören eine im Laufe von Jahrzehnten ausgeklügelte Methode, Abgüsse aus Silikonkautschuk zu machen, und neuerdings auch ein nahtloses Hohlkörpergussverfahren zum Darstellen von Sporen.

„Davon habe ich 15 Jahre lang geträumt, bis ich jemanden gefunden habe, der Pilzsporen dreidimensional vermessen kann“, sagt der gelernte zoologische Präparator, der im Stadtteil Osterholz wohnt. Der 35 000-fach vergrößerte dreidimensionale Ausdruck könnte als modische Deckenlampe durchgehen – kleiner als ein Handball, größer als eine Faust und tatsächlich mit Loch zum Aufhängen. Sporen sind die Zukunft im Hause Wechsler. „Die kleinen Organismen sind die Grundlage unseres Lebens. Wenn die kleinen Jungs tschüss sagen, war‘s das“, glaubt der 64-Jährige. „Die meisten Naturkundemuseen verschlafen diese Entwicklung gerade.“

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Die Wechslers haben in den vergangenen rund 30 Jahren mehr als 1850 Pilzpräparate aus circa 200 Arten geschaffen. Dafür finden sie Anerkennung im Naturwissenschaftlichen Verein zu Bremen von 1846, dem sie schon lange angehören und mit deren Pilz-Arbeitsgemeinschaft sie eng verbunden sind. Auch die wissenschaftliche Beraterin des Museums Wiesbaden, Professorin Meike Piepenbring von der Universität Frankfurt am Main, bescheinigt den Pilz-Präparaten von Lilo und Klaus Wechsler, „perfekt naturgetreu“ zu sein.

Klaus Wechsler - Pilz-Modelle

Klaus Wechsler (Zoologischer Präparator und Mitglied im Naturwissenschaftlichen Verein Bremen) stellt seit 30 Jahren Silicon-Kautschuk-Abgüsse her.

Foto: Christina Kuhaupt

In Wiesbaden waren bis August mehr als ein Jahr lang 1000 echt aussehende falsche Pilze aus Bremen in der Ausstellung „Pilze: Nahrung, Gift und Mythen“ zu sehen. Klaus Wechsler ist froh, Pilzen zu Popularität verhelfen zu können: Er engagiert sich im Naturschutz und will erreichen, „dass die Leute das Sehen wieder lernen“, wie er es nennt, mit offenen Augen durch die Natur gehen. „Nur was ich kenne, kann ich auch schützen.“

Pilze seien überall, sagt Klaus Wechsler. „Aber vieles ist noch unerforscht.“ 4000 bis 6000 Großpilzarten seien in Mitteleuropa bekannt. „Das sind diejenigen, die mit bloßem Auge erkennbar sind.“ Manche von ihnen, Hefen zum Beispiel, spielen bei Lebensmitteln wie Brot und Wein eine wichtige Rolle, andere bei der Entwicklung von Medikamenten.

Kostspieliges Hobby

Egal, ob Kiefernsteinpilz, Rosa-Gelbe Koralle, Tintenfischpilz oder Krause Glucke: Auf sich allein gestellt, sind die filigranen Exponate nur, wenn die Wechslers zum Akkuschrauber greifen und die Pilze auf ihren Postamenten in Holzkisten fixieren. Zum Transport und zur sicheren Lagerung „im ehemaligen Eisenbahnzimmer“, von dem der Rentner längst nicht mehr glaubt, dass dort noch einmal Züge fahren werden.

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Künstliche Pilze zu erschaffen, ist kostspielig. „Die Mietgebühr, die die Museen zahlen, finanziert das Material“, sagt Klaus Wechsler. „Allein das Negativmaterial für einen Steinpilz liegt bei 400 bis 500 Euro.“ Die Große Glucke, die vor ihm auf dem Tisch steht, ist noch teurer. „So eine habe ich mal versemmelt“, erzählt der Kunstpilzkenner. „Da war trotz monatelanger Trocknung im Wärmeschrank noch zu viel Feuchtigkeit drin, das war‘s dann. Früher haben zwei von zehn Abgüssen funktioniert, heute sind es neun von zehn. Das ist Erfahrungssache.“ Vor einem Problem stehen die Präparatoren ständig: „Die meisten Pilze haben sich mit Schwefel gegen den andere Pilze abgekapselt. Schwefel greift aber den Kautschuk an. Der wird dann schmierig.“

Klaus Wechsler - Pilz-Modelle

Der Abguss eines Tintenfischpilzes – der im Original einen penetranten Geruch verströmt.

Foto: Christina Kuhaupt

Genaue Dokumentation

Bis es überhaupt zum Abguss kommt, ist schon eine Menge geschehen. Alles wird exakt registriert: Finder, Fundort und alle Details – etwa die Farbnuancen. Die identifizieren die Wechslers anhand einer 1000-Töne-Tafel, und zwar noch am Tag des Fundes, „weil sich die Farbe schnell verändert“. So ist es beim Schwärzenden Orange-Täubling gewesen, der vor gut 20 Jahren erstmals in der Umgebung von Bremen gefunden wurde.

Und so war es beispielsweise bei der 38 Zentimeter großen Morchel. Bremens Ehrenbürger Klaus Hübotter hatte das Original in den Wallanlagen ganz in der Nähe der Villa Ichon entdeckt. „Ich habe über 100 Stunden gebraucht, um die vielen hauchdünnen Kammern einzufärben, ohne dass die Farbe verläuft“, sagt Klaus Wechsler. „Da muss man wirklich die Ruhe bewahren.“ Dafür ist das Präparat auf eine kleine Ewigkeit ausgelegt. „Die Ölfarben halten 200 Jahre.“ Koloriert werden die Pilze mit bis zu 30 Ölfarbschichten, in drei unterschiedlichen Deckgraden, damit der Lichtschein durch Hüte und Lamellen aussieht wie echt. Die Bremer Morchel ist derzeit im Naturkundemuseum Magdeburg zu sehen.

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Mehrere Nummern kleiner nimmt sich ein Exponat aus, das Klaus Wechsler an einem dünnen Draht hält: Der Mist-Kahlkopf stammt von einer der ostfriesischen Inseln, die die Pilz-AG im jährlichen Wechsel zum Kartieren besucht, und hat einen Hutdurchmesser von wenigen Millimetern. Der kleine Pilz prangt auf einem konservierten Original-Kaninchenkötel. „Da wächst er eben“, sagt der Präparator.

Es geht immer um das ganze Biotop

Klaus Wechsler - Pilz-Modelle

Der Pillenwerfer, im Original wenige Millimeter groß, gedeiht auf Kuhfladen.

Foto: Christina Kuhaupt

So sehenswert die falschen Pilze aus dem Hause Wechsler auch sind, es geht nicht um sie allein, sondern immer ums ganze Biotop. Für die Vitrinen der Wiesbadener Ausstellung waren deshalb auch diverse Landschaftstypen nachgebaut worden: „Buchenwald, Mischwald, Laubwald, Nadelwald, Magerwiese, Auwald, Moor, Binnen- und Meeresdüne“. Um die kleinen und großen Dioramen so echt wie möglich zu gestalten, wird schon mal eine Zigarettenkippe auf den Strand drapiert. Mit Stickstoff begastes echtes Laub liegt den Fruchtkörpern der Pilze zu Füßen, Torfmoos wird eigens konserviert.

Je nach Bedarf können die Wechslers außerdem auf einen Fundus falscher Buschwindröschen und wilder Alpenveilchen zurückgreifen. Selbst abgegossen, versteht sich. Der Vorstoß in Dimensionen von einem Fünftausendstelmillimeter ist schwer vorstellbar, aber Alltag. „Das Schwierige ist, die Form für den Positivabguss vom Original zu befreien.“ Ganz nach dem Motto: „Negativ denken, positiv arbeiten.“

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