Unsichtbare Straßenkinder Die Frage nach der Situation von wohnungslosen Kindern und Jugendlichen in Bremen

Bundesweit, schätzt das Deutsche Jugendinstitut, leben mehr als 6000 Jugendliche und etwa 50 Kinder auf der Straße. Die FDP-Fraktion fragt nach den Bremer Verhältnissen.
31.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die Frage nach der Situation von wohnungslosen Kindern und Jugendlichen in Bremen
Von Justus Randt

Wie ist die „Situation der Straßenjugendlichen und Sofa-Hopper in Bremen“, möchte die FDP-Fraktion wissen und hat eine entsprechende Anfrage an den Senat mit mehr als zwei Dutzend Punkten zusammengestellt. „Nachdem die Straßenkinder und -jugendlichen sowie ihre Lebensbedingungen in der 1990er- und 2000er-Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung präsent waren, weshalb passgenaue Hilfsangebote entstehen konnten, ist es heute still um sie geworden“, heißt es in der Darstellung des Sachverhalts. „In der Pandemie wird viel über Obdachlose gesprochen, wir fragen uns aber, ob wir genug machen“, sagt der Abgeordnete Magnus Buhlert.

Eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2017 geht davon aus, dass in Deutschland etwa 37.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße leben. 6512 minderjährige Straßenjugendliche wurden in der Studie registriert. Und 51 Kinder, also unter 14-Jährige, lebten demnach auf der Straße. „Nur sehr wenige“, kommentiert das Institut und verweist auf eine „problematische Datenlage“. Rund 18 Prozent „aller Klienten“ sind laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose jünger als 24 Jahre – weiter wird dort nicht differenziert, und die Zahl ist seit Jahren nahezu unverändert.

Lesen Sie auch

Wie viele Kinder und Jugendliche in Bremen offiziell wohnungslos sind oder als sogenannte Sofa-Hopper leben, die von einem Bekannten zum nächsten ziehen, lautet eine der vielen Fragen der Liberalen. „Keine“, ist die kategorische Antwort aus dem Sozialressort: „Sobald das auffällt, wird das Jugendamt eingeschaltet, und sie werden untergebracht“, sagt Ressortsprecher Bernd Schneider. Die Fälle seien ganz unterschiedlich gelagert, weshalb sie schlecht in Zahlen aufzuschlüsseln seien. Zum einen seien es Jungen und Mädchen, die sich selbst oder andere gefährden, zum anderen beispielsweise unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Nur nach Prüfung der einzelnen Akten lasse sich sagen, ob jemand vielleicht auf der Straße gelebt habe.

Katharina Kähler von der Wohnungslosenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe der Inneren Mission geht von 500 bis 600 Wohnungslosen in Bremen aus. Und auch sie sagt: „Es gibt keine verlässlichen Daten.“ Die geschätzte Zahl ist seit Jahren unverändert und bezieht sich auf alle ab 18 Jahren. Für Minderjährige ist die Wohnungslosenhilfe nicht zuständig. „Das Leben auf der Straße zehrt unheimlich“, sagt Kähler. „Das betrifft junge Erwachsene genauso wie Ältere und vorzeitig Gealterte. Junge sind nicht so präsent im Straßenbild, sie gehen in der Menge eher unter und schlagen sich von einem Bekannten zum nächsten durch, junge Frauen oft von einer Beziehung zur nächsten.“ Das Alter der meisten verstorbenen Wohnungslosen, die auf einer von der Wohnungslosenhilfe angekauften Grabstelle beerdigt seien, liege bei 30 bis 50 Jahren.

Lesen Sie auch

Die FDP zieht andere Kommunen zum Vergleich heran. „Straßenjugendliche suchen in der Anonymität großer Städte Schutz vor Entdeckung. Schon immer waren Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und Köln hier zentrale Orte. Aber auch in Dresden, Hannover, Leipzig oder Stuttgart gibt es viele Kinder, und Jugendliche, die temporär oder dauerhaft auf der Straße leben oder als sogenannte Sofa-Hopper bezeichnet werden müssen. Bremen ist diesen Städten in seiner Größe vergleichbar.“ Und so wollen die Liberalen wissen: „Wie viele Kinder und Jugendliche übernachten tatsächlich regelmäßig auf der Straße?“ Mit Antworten auf Fragen wie diese wird sich die Verwaltung schwertun. Andere gelten Hilfeangeboten. Die FDP erkundigt sich, „welche typischen Aufenthaltsorte im Stadtgebiet“ aufgesucht werden. „Und findet hier eine Ansprache durch Streetworker statt?“

Das ist der Job von Gunnar Erxleben. Der Sozialarbeiter ist als Streetworker für Vaja, den Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit unterwegs. „Bei Minderjährigen ist schnell Gefahr im Verzug“, sagt er. Deshalb gehe eine „Fremdplatzierung“, ihre Unterbringung von Amts wegen, schnell. Schwer hätten es mitunter jugendliche Geflüchtete, die aus Unwissenheit oder weil sie noch nicht gut genug Deutsch sprächen, Probleme in der Ausbildung, im Job oder mit dem Jobcenter hätten. Schnell gerate ein 21-Jähriger dann in die Schuldenspirale. Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose einer der Hauptgründe für Wohnungsverlust.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+