Jesiden und islamistisch Orientierte

Fehde in Blumenthal war Konflikt unter Kurden

Nach der Konfrontation unter Zuwanderern in Blumenthal am Dienstag warnen Experten vor weiteren Auseinandersetzungen. Bei dem Streit ging es um eine Auseinandersetzung zwischen jesidischen und streng islamischen Gruppen.
18.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Fehde in Blumenthal war Konflikt unter Kurden
Von Jürgen Theiner
Fehde in Blumenthal war Konflikt unter Kurden

Am Dienstag kam es in Blumenthal zu Auseinandersetzung.

Christian Kosak

Der Blumenthaler Ortskern am Tag danach: Kamerateams durchstreiften am Mittwoch die Mühlenstraße, suchten bei Anwohnern nach Antworten auf die Frage, was den Gewaltausbruch vom Dienstagnachmittag ausgelöst haben mag. Wieso gehen plötzlich Gruppen junger Männer mit Messern und Knüppeln aufeinander los? Woraus speist sich der Hass, der sich unter den Augen der Passanten entlädt?

Präzise Erkenntnisse über den unmittelbaren Auslöser der Konfrontation liegen den Behörden noch nicht vor. „Wir werden da nicht spekulieren, sondern die Vernehmungen und Zeugenaussagen abwarten und auswerten“, so Polizeisprecher Nils Matthiesen. Nach Informationen der NORDDEUTSCHEN sind aber die kulturellen Konfliktlinien, an denen sich die Gewalt entzündet hat, inzwischen einigermaßen klar. Demnach handelt es sich um eine Auseinandersetzung innerhalb der kurdischen Community.

Sie zerfällt in Bremen-Nord in einen größeren jesidischen Teil, der in Lüssum konzentriert ist, und einen streng islamischen. Einer Großfamilie, die dem zweiten Lager zugehört, werden Sympathien für den „Islamischen Staat“ nachgesagt. Damit aber laden sich die sozialen Loyalitäten der Beteiligten politisch auf – Jesiden und IS bekriegen sich im Mittleren Osten, sie sind Todfeinde.

>> Lesen Sie hier einen Kommentar zur Gewalt in Blumenthal

Ob dieser Umstand die Konfrontation in der Mühlenstraße auslöste, ist in der Tat Spekulation. Fest steht allerdings, dass am Dienstagnachmittag eine Gruppe junger jesidischer Männer, die sich normalerweise selten im Blumenthaler Ortskern blicken lässt, vor einem Friseursalon auf islamistisch orientierte Altersgenossen traf. Ein Wort gab offenbar das andere, Unterstützer wurden herbeitelefoniert, die Hitzköpfe auf beiden Seiten wollten einander an die Gurgel.

Dass letztlich kein Blut floss, ist dem sehr schnellen Eingreifen der Polizei zu verdanken. Neben Kräften aus Bremen-Nord waren auch Reserven aus der Stadt umgehend zur Stelle. „In der Polizeiführung ist man inzwischen sehr stark sensibilisiert. Wenn Alarm aus Bremen-Nord kommt, gehen da die roten Lampen an“, sagt ein Insider. Auch der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, kann dem Einsatz in der Mühlenstraße unter diesem Gesichtspunkt etwas Positives abgewinnen. Im Polizeipräsidium habe offenbar niemand Lust, noch einmal so am Pranger zu stehen wie nach den Krawallen in der Nacht des WM-Endspiels 2014, als sich schwache Polizeikräfte vor einer Horde von Krawallmachern mit Migrationshintergrund zunächst zurückziehen mussten. Der Einsatz in der Mühlenstraße war für Kopelke genau das Signal, das die Adressaten brauchten: „Wer sich zu Straftaten zusammenrottet, den stoppen wir.“

Ein Insider geht davon aus, dass die Polizei nicht zum letzten Mal eine Schneise in ethnische Konflikte unter Zuwanderern schlagen musste. In Bremen gäre seit geraumer Zeit ein Konflikt zwischen kurdischen Jesiden, von denen einige in Strukturen der verbotenen PKK-Organisation eingebunden sind, und salafistischen Islamisten. In Blumenthal dominierten die jesidischen Kurden, doch schon in Vegesack und weiter in Richtung Innenstadt verschöben sich die Gewichte. Die latente Fehde könne sich jederzeit dramatisch zuspitzen. „Die haben Zeit, die vergessen nicht“, sagt der Szenekenner.

Im Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ist man mit dem Phänomen vertraut. Direktor Thomas Bliesener mag zwar aus der jüngsten Häufung von Meldungen über ethnische und Clan-Konflikte in deutschen Städten noch keinen generellen gesellschaftlichen Trend herauslesen, doch sei kurzfristig angesichts der „Wellen von Migration aus Ländern mit archaischer Konfliktkultur“ nach Europa ein weiterer Anstieg der Fallzahlen „schon zu erwarten“. Bliesener: „Mit zunehmender Heterogenität einer Gesellschaft treten Gruppenkonflikte stärker zutage.“ Ein Patentrezept zur Einhegung dieser Auseinandersetzungen hat auch der KFN-Chef nicht zur Hand. Die klassische Jugendarbeit der Sozialbehörden sei mit dem Problem qualitativ und quantitativ sicher überfordert. Grundsätzlich müsse man nach Wegen suchen, abgeschottete Milieus miteinander in Kontakt zu bringen, „denn das baut Aggressionen ab“. Es gelte, „Neigung zur Gewalt durch anders geartete Lebenserfahrungen zu bearbeiten“.

Einer, der sich um die Vermittlung solcher Erfahrungen bemüht, ist Celal Sarioglu. Der Caritas-Sozialarbeiter setzt seine Hoffnungen auf die nachwachsende Schülergeneration aus Zuwandererfamilien. Nach seiner Wahrnehmung ist die Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen „offener und toleranter“ als die älteren Jahrgänge. Im Rahmen seiner Streetworker-Tätigkeit bereitet Sarioglu zurzeit ein Theaterprojekt mit Jugendlichen unterschiedlicher religiöser Bekenntnisse vor. Die Botschaft: Religion verabscheut Gewalt und sollte Menschen beim friedlichen Miteinander helfen, statt trennend zu wirken.

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