Staatsanwälte dringend gesucht

Es muss kein Prädikatsexamen mehr sein

Bundesweit fehlt es bei Richtern und Staatsanwälten an Nachwuchs. In Bremen werden derzeit vor allem Staatsanwälte gesucht - obwohl die Einstellungsvoraussetzungen inzwischen gesenkt wurden.
28.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Es muss kein Prädikatsexamen mehr sein
Von Ralf Michel

In Bremen gibt es Probleme bei der Neubesetzung von Richter- und Staatsanwaltsstellen. Immer weniger Kandidaten bewerben sich auf ausgeschriebene Arbeitsplätze. Und das, obwohl die Einstellungsvoraussetzungen gesenkt wurden. Längst vorbei ist die Zeiten, in denen nur Prädikatsjuristen eine Chance hatten, Richter oder Staatsanwalt zu werden.

Bei der Neueinstellung von Richtern komme man so eben noch hin, sagt Matthias Koch, Sprecher der Justizbehörde. Alle Alarmglocken würden aber bei der Staatsanwaltschaft schrillen. Hier läuft seit Anfang des Jahres eine Dauerausschreibung für neun Stellen. Sieben konnten davon bislang besetzt werden, zwei davon erst in der vergangenen Woche. „Weitere zwei würden wir mit Kusshand nehmen“, sagt Koch. Doch es fehle an den geeigneten Bewerbern, und hier läge das eigentliche Problem: Ganze 25 Kandidaten hätten sich seit Jahresbeginn gemeldet.

Bezahlung ist ein Grund

Einer der Gründe für das überschaubare Interesse dürfte die Bezahlung sein, mutmaßt der Behördensprecher. „Gegen das, was große Kanzleien zahlen, kann der öffentliche Dienst nicht konkurrieren.“ Früher habe man dies mit der Aussicht auf einen Job auf Lebenszeit und ein absolut sicheres Arbeitsverhältnis ausgleichen können. Aber diese Argumente zögen offenbar nicht mehr. Und offenbar auch nicht das Angebot, „in Bremen so gut wie jedes Teilzeitmodell möglich zu machen“.

Selbst die Aussicht auf eine schnelle Einstellung – „wer sich bewirbt, wird innerhalb von drei Wochen zum Vorstellungsgespräch eingeladen“ – hätte an dieser Entwicklung kaum etwas geändert. Ebenso wenig wie Abstriche bei den Einstellungsvoraussetzungen. Eine überdurchschnittliche fachliche Qualifikation ist weiterhin gefordert, aber es muss kein Prädikatsabschluss mit mindestens acht Punkten in beiden Staatsexamen mehr sein. Zusätzliche Qualifikation wie zum Beispiel Berufserfahrung, Promotion oder Auslandserfahrung können inzwischen fehlende Examenspunkte ausgleichen.

Lesen Sie auch

Andererseits wird in der Ausschreibung für die freien Stellen in der Staatsanwaltschaft auch ausdrücklich „uneingeschränkte Belastbarkeit“ gefordert. Was das in einer notorisch unterbesetzten Behörde wie der Bremer Staatsanwaltschaft bedeuten kann, dürfte niemand so gut wissen, wie die Referendare, die dort in ihrer Ausbildung Station machten – und sich anschließend eben nicht in Bremen bewarben.

Auch bei der Besetzung von Richterstellen gibt es Schwierigkeiten, sagt Andreas Helberg, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes in Bremen und selbst lange Zeit Mitglied des Einstellungsausschusses. Der Richterbund ist der größte Berufsverband von Richtern und Staatsanwälten in Deutschland. Die Liste der Kandidaten sei deutlich kürzer geworden, so Helberg. „Wo wir vor zehn, zwanzig Jahren 100 geeignete Bewerber auf eine Stelle hatten, sind es heute etwa zehn.“

Bundesweit weniger Jura-Absolventen

Was aber kein spezifisches Problem Bremens sei. Insgesamt gebe es bundesweit 25 Prozent weniger Jura-Absolventen als noch vor zehn Jahren und damit auch entsprechend weniger Prädikatsjuristen. Die Folge seien Änderungen bei den Einstellungsvoraussetzungen. „Zwei Prädikatsexamina können wir in Bremen nicht mehr verlangen, wenn wir unseren Bedarf decken wollen.“ Aber das sei auch in anderen Bundesländern so. Trotzdem sinke die Zahl der Bewerber. Bei den Richtern käme man bislang gerade noch so hin, deutlich schwieriger sei es bei der Staatsanwaltschaft, bestätigt Helberg den Sprecher der Justizbehörde. „Die haben noch einmal weniger Bewerber als die Gerichte und leben praktisch von der Hand in den Mund.“

Einen Qualitätsverlust will Helberg deshalb noch nicht ausmachen. „Wir finden schon noch gute Leute.“ Aber gerade bei der Staatsanwaltschaft schaue man sich heute auch Kandidaten an, die man früher nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen hätte – in der Hoffnung, trotzdem geeignete Personen zu finden.

Lesen Sie auch

An jungen Juristen mit guten Abschlüssen bestehe kein Mangel, sagt hierzu Sven Rebehn, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Richterbundes. „Den Ländern gelingt es aber nicht mehr durchgehend, die besten Köpfe eines Jahrgangs für die Justiz zu gewinnen.“ Der Wettbewerb um hoch qualifizierte Kandidaten mit Unternehmen und großen Anwaltskanzleien, Bundesbehörden und Verbänden werde härter.

Dabei brauche die Justiz guten Nachwuchs dringender denn je, um die stetig wachsenden Aufgaben und die anrollende Pensionierungswelle aufzufangen. Laut Richterbund scheiden bis zum Jahr 2030 rund 40 Prozent und damit mehr als 10 000 der heute aktiven Richter und Staatsanwälte altersbedingt aus dem Dienst aus. Um hier gegensteuern zu können, sei ein attraktives Gesamtpaket aus amtsangemessener und konkurrenzfähiger Besoldung, modernen Arbeitsplätzen und flexiblen Einsatzmöglichkeiten für Nachwuchsjuristen notwendig, betont Rebehn.

Info

Zur Sache

So viel verdienen Richter beim Berufseinstieg

4377 Euro brutto verdient ein lediger Richter laut einer Tabelle des Deutschen Richterbundes deutschlandweit durchschnittlich beim Berufseinstieg (R1/Stand Dezember 2019). In Bremen waren es 4285 Euro. In Niedersachsen verdienen Richter beim Berufsanfang 20 Euro mehr. Deutlich größer ist die Lücke zu Hamburg, wo die Anfangsbesoldung bei 4516 Euro liegt.

Das niedrigste Einstiegssalär für Richter zahlt das Saarland mit 3900 Euro brutto, das höchste Bayern mit 4580 Euro. Mit zehn Jahren Berufserfahrung erhält ein Richter (verheiratet, zwei Kinder) in dieser Besoldungsgruppe in Bremen 5505 Euro brutto (Bundesschnitt: 5994) und erreicht bis zu seiner Pension 6990 Euro brutto (Bundesschnitt: 7489).

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+