Test auf Hirntot nicht richtig durchgeführt Fehler bei Organentnahme im Klinikum Bremerhaven

Ärzte haben bei einer Organspende im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide einen Test auf Hirntod nicht ordnungsgemäß durchgeführt. Die Mediziner mussten die Organentnahme wegen des Fehlers abbrechen.
12.01.2015, 13:56
Lesedauer: 3 Min
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Fehler bei Organentnahme im Klinikum Bremerhaven
Von Jürgen Hinrichs

Die Frau hatte sich so schwer am Kopf verletzt, dass kaum noch Hoffnung bestand, am Ende keine mehr. Sie war tot, hirntot, stellten die Ärzte fest. Doch später, als der Spenderin einige Organe entnommen werden sollten, gab es Zweifel. Die Operation wurde abgebrochen. Ein Fall, der gestern bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Betroffen ist das Klinikum Bremerhaven.

„Doch nicht verstorben“, so titelt die „Süddeutsche Zeitung“ ihren Bericht über einen Vorgang im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide, der bis dahin noch nicht an die Öffentlichkeit gekommen war. Im Dezember 2014 war es, dass die Ärzte Organe entnehmen wollten, obwohl die Spenderin, die für hirntot erklärt worden war, dieses Stadium möglicherweise noch nicht erreicht hatte. Der Eingriff wurde daraufhin abgebrochen, ohne dass die Patientin danach tatsächlich noch Lebenszeichen von sich gegeben hat.

Auf mehrmalige Anfragen zu dem Fall hat die Geschäftsleitung des Krankenhauses nicht reagiert. Sie belässt es bei einer Pressemitteilung. „Aus Sicht des Klinikums sind keine Fehler geschehen“, erklärt die medizinische Geschäftsführerin, Edith Kramer. Die schwerst verletzte Patientin sei nach allen zur Verfügung stehenden Indikationen eindeutig verstorben, so Kramer. Dies sei unabhängig voneinander von zwei erfahrenen Ärzten festgestellt worden. Diagnose: Hirntod.

Angeblich, so berichtet eine Quelle, die dem Krankenhaus nahesteht, soll der Ablauf so gewesen sein, dass die Frau zunächst für tot erklärt wurde. Danach sei die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) informiert worden, weil die Patientin einen Organspenderausweis hatte. Ein Sachverständiger der DSO habe ebenfalls den Hirntod bestätigt und ein Team seiner Organisation zur Entnahme der Organe bestellt. Als die Operation bereits im Gange war, sei wegen eines Schichtwechsels ein zweiter Sachverständiger der DSO hinzugekommen. Dieser Experte habe Zweifel geäußert, woraufhin der Eingriff abgebrochen werden musste.

Krankenhaus nimmt Stellung

Das Krankenhaus selbst nennt solche Details nicht, kommt in seiner Stellungnahme aber zu Schlüssen, die sich auf diese Darstellung gründen könnten. „Das Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide hat das medizinisch Gebotene getan und hat mit der Frage der Organentnahme nichts zu tun“, betont die Geschäftsführerin. Der Fall sei nach Feststellung des Todes der Frau allein von der DSO weiter betrieben worden. „Im Übrigen verweisen wir zu weiteren Fragen des Verfahrens an die DSO“, heißt es in der Mitteilung.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation gibt es seit 15 Jahren. Sie fungiert auf Grundlage des Transplantationsgesetzes als Koordinationsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Spätestens nach den Skandalen im Umgang mit Spenderorganen hat es sich die DSO nach eigener Darstellung zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht, im, so wörtlich, Dialog mit der Öffentlichkeit für mehr Information und Transparenz zu sorgen. Sagen wollte die Stiftung gestern trotzdem nichts. „Wir geben nichts heraus“, so eine Sprecherin auf Anfrage.

Hirntod muss von zwei Ärzten festgestellt werden

Nach dem Transplantationsgesetz müssen zwei Ärzte vor einer Organentnahme unabhängig voneinander den Hirntod des Spenders feststellen. Das ist im Klinikum Bremerhaven offenbar geschehen. Für ihre Diagnose müssen die Ärzte mehrere Tests machen, die beweisen, dass ein tiefes Koma vorliegt und dass die Spontanatmung und alle Hirnstammreflexe ausgefallen sind.

„Das ist keine leichtfertige Entscheidung, die da getroffen wird“, sagt die Präsidentin der Bremer Ärztekammer, Heidrun Gitter. Das Verfahren dauere meist zwei Tage. Es sei daher unwahrscheinlich, dass jemand irrtümlicherweise für tot erklärt werde. Fehler bei den Untersuchungen kämen bundesweit eher selten vor. Vor einem Jahr war bekannt geworden, dass Mediziner innerhalb von drei Jahren insgesamt zehn Patienten abweichend von den Richtlinien für hirntot erklärt hatten.

Eine Überwachungskommission bei der Bundesärztekammer, zu der auch Vertreter der Krankenkassen gehören, ist seit Dezember mit dem Fall in Bremerhaven befasst, wie die Kommission gestern Abend mitteilte. Bei der Patientin seien vor der geplanten Organentnahme sämtliche Hirnfunktionen erloschen gewesen, so das bisherige Ergebnis der Untersuchungen. Unabhängig davon seien Unzulänglichkeiten in der Dokumentation festgestellt worden, die zu Unsicherheiten bei den Beteiligten und schließlich zum Abbruch der Organentnahme geführt hätten. Die Gründe dafür würden weiter untersucht.

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