Enthemmtes Feiern trotz Corona

Partys plagen Anwohner in Bremens Ausgehvierteln

Das enthemmte Feiern trotz Corona auf der Straße in Bremens Ausgehvierteln verärgert die Anwohner. In einem offenen Brief fordert die Bürgerinitiative „Leben im Viertel“ (LIV) umfassendere Maßnahmen.
02.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Partys plagen Anwohner in Bremens Ausgehvierteln
Von Pascal Faltermann
Partys plagen Anwohner in Bremens Ausgehvierteln

Wegen des Relegationsspiels werden an diesem Donnerstag wohl auch wieder Werder-Fans am Brommyplatz zusammenkommen.

Rauch /gumzmedia /nordphoto

Straßenpartys ohne Abstand, Feiern am Eck ohne Regeln oder jede Menge lärmende Fußballfans in den Bremer Ausgehvierteln nerven die in den Gebieten wohnhaften Menschen. Aus Sicht der Bürgerinitiative „Leben im Viertel“ (LIV) kommen die Anwohner allerdings zu wenig zu Wort. Die Initiative erklärt sich mit den Gastronomen solidarisch und fordert umfassendere sowie gegebenenfalls weitergehende Maßnahmen, um den Gesundheitsschutz durchzusetzen. Aus diesem Grund haben sich die Mitglieder mit einem offenen Brief an Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) gewandt. Zum ersten Fußball-Relegationsspiel zwischen Werder Bremen und dem 1. FC Heidenheim an diesem Donnerstag (20.30 Uhr) rechnen viele erneut mit einer enthemmten, alle Corona-Regeln vergessenden Partygemeinde rund ums das leere Weserstadion, im Viertel und an der Schlachte.

Fronten haben sich aufgebaut: Kioskbetreiber kritisieren die mangelnden Abstandskontrollen der Polizei, Wirte und Kneipiers, meist monatelang ohne Einkommen, sind verärgert über die Geschehnisse der vergangenen Wochenenden an der Sielwallkreuzung und anderen Brennpunkten. Sie schieben die Schuld auf die Kioske. Die Innenbehörde hatte mit einem Verbot für den Außer-Haus-Verkauf von Alkohol am Wochenende ab 22 Uhr in den Ausgehvierteln reagiert. Und die Anwohner? Sie klagen über Scherben auf den Fußwegen, Fäkalien in den Vorgärten oder Urin an den Wänden.

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In dem Brief an Innensenator Mäurer schreibt Werner Scharf im Namen der LIV-Initiative, dass sich die „Event- und Partyszene“ auf den Straßen nicht an die Abstandsregeln gehalten habe und geradezu „provokativ die Anordnungen ignorierte“ beziehungsweise auf „eine Eskalation wartete“. Dies lasse sich seit Ende Mai nicht nur an Wochenenden beobachten. „Ein wirksames Einschreiten des Ordnungsdienstes oder der Polizei war nicht zu erkennen. Allenfalls gab es wenige eher demonstrative Einzelaktionen“, so Scharf. Die Corona-Zäsur sollte Anlass sein, zu überdenken, ob man die seit mehr als zehn Jahren zu beobachtende Negativ-Entwicklung im Viertel weiter hinnehmen oder die soziale, ökologische und kulturelle Qualität erhalten und fördern wolle.

Schwelender Konflikt

Die Initiative regt an, das Alkohol-Verkaufsverbot nach 22 Uhr auf unbestimmte Zeit beizubehalten. Außerdem solle die Helenenstraße bis zu einer Umnutzung geschlossen bleiben und die Nachbarstraßen sowie der Osterdeich am Sonnabend- und Sonntagmorgen bis 8 Uhr gereinigt werden. Sollten diese Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und Rechte der Anwohner nicht greifen, spricht sich Scharf für ein Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum (außerhalb der gastronomischen Betriebe) und eine Sperrstunde in allen Nächten der Woche ab 1 Uhr aus.

Den seit Jahren schwelenden Konflikt wegen Lärm und Müll zwischen Anwohnern und Gastronomen im Viertel kann ein Familienvater (Name der Redaktion bekannt) nicht nachvollziehen. Es gehe nicht um Spießer gegen Kneipen. Vielmehr herrsche im Ostertor und Steintor ein „Hier-geht-alles-Klima“ sagt der Viertelbewohner, der von Wildpinklern in seinem Vorgarten und pöbelnden Partygängern berichtet. Weil der Ortsteil immer mehr zu einem „Feier-, Sauf- und Kotz-Bereich“ werde, sollten sich alle Parteien zusammensetzen und nach Lösungen suchen.

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Aussagen wie „Dann zieh doch nach Delmenhorst“ würden niemandem helfen. Das Viertel sei nicht nur Ausgehviertel, es gebe viele Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Kultureinrichtungen und eben Anwohner mit Eigentum. „Es könnte viel friedlicher sein, mit einem gesunden Nebeneinander“, sagt der Familienvater. Dazu müsse es aber eine Stadtteilpolitik geben, die Diskussionen und Konflikte moderiere, die auch eine Vision und einen Entwicklungsplan für das Viertel habe. Ähnlich sehen es Nachbarn. Sie alle wollen nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen; aus Angst, denunziert oder angegriffen zu werden, wie sie sagen.

Geringe Kapazitäten wegen der Abstandsregeln

Weniger Klagen gibt es am Brommyplatz in Peterswerder, an dem sich mehrere Kneipen befinden, die bei Fußballspielen bestens besucht sind. Lagen sich Werder-Anhänger am Wochenende noch überwiegend im und am Wirtshaus in den Armen, öffnet an diesem Donnerstag auch wieder der Taubenschlag. „Wir haben aufgrund der Abstandsregeln nur geringe Kapazitäten“, sagt Wirt Kim Döhling. 30 Sitzplätze gebe es, die bereits alle reserviert seien. In Vor-Corona-Zeiten stellte Döhling mit seinen Kollegen stets zwei Toilettenwagen an der Straße auf, damit die Leute sich nicht in Vorgärten oder an Hauswänden erleichterten. Klar sei aber auch, dass es für Anwohner schwer sei, wenn Fußballfans durch Wohngebiete zögen. „Wir sind aber schon immer lösungsorientiert an die Sache herangegangen“, sagt Döhling.

Rund um das Relegationsspiel an diesem Donnerstag will die Polizei verstärkt an den Hotspots unterwegs sein, um auf die Einhaltung der geltenden Hygieneregeln zu achten. „Dabei setzten wir auf Kommunikation und die Dialogbereitschaft und Einsicht der Menschen“, sagt Polizeisprecher Bastian Demann.

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