Das Figurentheater „Mensch, Puppe!“ setzt zu Beginn der Saison auf russische Literatur / Festival im November

Fein gearbeitete Einakter von Tschechow

Klein, aber fein ist das Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“, das seinen Sitz im Theaterkontor in der Schildstraße 21 hat. Von Donnerstag bis Sonntag, 6. bis 9. November, feiert das Ensemble, für das das Figurentheater zu einem Herzensprojekt geworden ist, mit einem kleinen Festival seinen dritten Geburtstag. Gerade hatte die neueste Produktion von „Mensch, Puppe!“, drei Einakter von Anton Tschechow, Premiere.
02.10.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer
Fein gearbeitete Einakter von Tschechow

Leo Mosler(l.) mit Markus Seuß unter der Maske in „Tragödie wider Willen“.

MARIANN_MENKE

Klein, aber fein ist das Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“, das seinen Sitz im Theaterkontor in der Schildstraße 21 hat. Von Donnerstag bis Sonntag, 6. bis 9. November, feiert das Ensemble, für das das Figurentheater zu einem Herzensprojekt geworden ist, mit einem kleinen Festival seinen dritten Geburtstag. Gerade hatte die neueste Produktion von „Mensch, Puppe!“, drei Einakter von Anton Tschechow, Premiere.

Leo Mosler und Markus Seuß stehen im anheimelnd eingerichteten, sehr gut gefüllten Foyer des Bremer Figurentheaters „Mensch, Puppe!“ hinter der Theke und preisen mit russischem Akzent Wein an. Und Regisseurin Henrike Vahrmeyer unterstützt die beiden Puppenspieler vor der Vorstellung beim Getränke-Ausschank. Jeder packt mit an in dem kleinen Theater in der Schildstraße.

Regisseurin Henrike Vahrmeyer managt nebenbei noch Buchhaltung und Sponsorensuche. „Uns ist es sehr wichtig, selbstbestimmt und gleichberechtigt in einem Kollektiv zusammenzuarbeiten, in dem es nicht nur künstlerisch, sondern auch menschlich stimmt. Das ist eine tolle Form der Ensemble-Arbeit, in der sich eine Vielfalt von Können bündelt“, betont Henrike Vahrmeyer, die vor drei Jahren mit Jeanette Luft und Leo Mosler (vorher Theatrium) „Mensch, Puppe!“gegründet hat.

Die Stückauswahl wird ebenfalls im Kollektiv getroffen. Dieses Mal fiel die Wahl auf drei bezaubernde Einakter von Anton Tschechow, „Schwanengesang“, „Der Bär“ und „Tragödie wider Willen“. Kleinode, die kaum noch auf der Theaterbühne zu erleben und alles andere als verstaubt sind. „Die Kooperation mit der Bremer Shakespeare Company ist für uns ein großes Glück“, betont Henrike Vahrmeyer. Die Company ist ja ursprünglich auch die künstlerische Heimat von Markus Seuß. Ein Glücksfall ist für das Bremer Figurentheater zudem, dass es die Werkstatt der Company mit nutzen kann.

Leo Mosler und Markus Seuß haben ihren Platz hinter der Theke geräumt und stehen nun gemeinsam mit Claudia Spörri auf der Bühne. Regisseurin Henrike Vahrmeyer hat die kleinen Dramen in eine amüsante Rahmenhandlung eingebettet. Claudia Spörri agiert als charmant Französisch parlierende Maitresse de la Plaisir eines Wandertheaters und Dompteuse ihrer zwei etwas tumben, streitlustigen Kollegen.

Im ersten Einakter „Schwanengesang“ schlüpft Spörri, Puppen- und Schauspielerin, die in der Hansestadt durch ihr Engagement bei der Bremer Shakespeare Company bekannt geworden ist, in die Rolle eines alternden Souffleurs. Dieser philosophiert mit einem Staatsschauspieler, der ebenfalls vor der Pensionierung steht, über die Vergänglichkeit des Lebens und des Ruhmes und über den persönlichen Preis, den Künstler für hinreißende Theaterabende zu zahlen haben. Ganz behutsam leiten Leo Mosler und Markus Seuß die kleine, gebrechliche Puppe über die Bühne.

In der „Tragödie wider Willen“ brillieren die beiden dann auf ganz andere Art. Markus Seuß schlüpft aufbrausend in die Rolle eines überstrapazierten Angestellten, der kurz vor dem Burn-out steht und sich am Ende nicht anders zu helfen weiß, als wild um sich zu schießen. Und Leo Mosler schreibt als Schriftsteller die Geschichte seines Freundes auf. Es ist frappierend, wie Seuß mit dem lebensgroßen Puppen-Wüterich geradezu verschmilzt. Stürmend und drängend gibt er schließlich in „Der Bär“ einen ungehobelten Macho, der rigoros seine Schulden bei einer trauernden Witwe eintreiben will. Köstlich zu beobachten, wie die in Trauer erstarrte Claudia Spörri durch den wütenden Geschlechterkampf, der immer mehr eskaliert und schließlich in Liebe umschlägt, ins Leben zurückkatapultiert wird. Leo Mosler verleiht dem kauzigen, um seine Herrin besorgten Diener Lucca seine Stimme. Die feingliedrige Puppe geht schließlich sogar in den Clinch mit dem ungeschlachten Bären.

Henrike Vahrmeyer, die von 2004 bis 2009 als Regie-Assistentin am Theater Bremen engagiert war, zeichnet die „auf die Spitze getriebenen Charaktere“, wie sie sagt, in ihrer Inszenierung mit feinem, hintergründigen Humor. Sie hat bereits unter der Intendanz von Ralf Waldschmidt, des früheren leitenden Musikdramaturgen in Bremen, am Theater Osnabrück und am Staatstheater Schwerin Inszenierungen („Elling“ mit dem früheren Bremer Dirk Audehm) vorgelegt.

Überraschendes und Ungewöhnliches bietet „Mensch, Puppe!“ für Erwachsene, die sich laut Vahrmeyer aber auch mit Vorliebe die Märchenstücke in der Kindersparte anschauen. Die Tatsache, dass Henrike Vahrmeyer so gut in der Bremer Theaterszene vernetzt ist, kommt dem Figurentheater sehr zugute. So inszenierte sie in der letzten Saison die Uraufführung von „Ausencia /Abwesenheit“ gemeinsam mit dem Tänzer und Choreografen Tomas Bünger, der viele Jahre am Theater Bremen engagiert war. Die spartenübergreifende theatralische Annäherung an den plötzlichen Verlust nahestehender Menschen mit experimentellem Tanz in Zeiten des Terrors steht ab Sonnabend, 4. Oktober, um 20 Uhr, wieder auf dem Programm.

Neue Sonntagsmatinée

Schon tags zuvor, am Freitag, 3. Oktober, am Tag der Deutschen Einheit, um 20 Uhr singt Gabriele Möller-Lukascz, mit der Henrike Vahrmeyer seit ihrer Zeit am Theater Bremen, befreundet ist, „An und für Dich – Lieder aus einem verschwundenen Land“. Neu im Programm ist die Sonntagsmatinée „Erlesen“, eigens konzipiert zu den Tschechow-Einaktern. Am Sonntag, 19. Oktober, um 11 Uhr lesen Guido Gallmann vom Theater Bremen und Markus Seuß. Der Eintritt zu den Sonntagsmatineen ist frei, Spenden sind erwünscht.

Und auch Annette Ziellenbach ist mit ihrem wunderbaren Chansonabend „Toujours La Piaf“ ab Sonnabend, 25. Oktober, wieder bei „Mensch, Puppe!“ zu erleben.

Von Donnerstag bis Sonntag, 6. bis 9. November, feiert „Mensch, Puppe!“ seinen dritten Geburtstag. Am Donnerstag, 6. November, um 20 Uhr ermittelt „Miss Marple“ in einer Produktion des Figurentheaters Bremerhaven.

Zu erleben ist am Freitag, 7. November, um 15 Uhr das Zauberstück nach einem alten sizilianischen Märchen „Mutige Prinzessin glücklos“, gespielt vom Berliner Figurentheater „Ozelot“. Das Münchner „Theater Kunstdünger“ präsentiert am Sonntag, 9. November, um 15 Uhr das Erzähltheater „Die chinesische Nachtigall“ nach dem Märchen von Hans Christian Andersen.

„Mensch, Puppe!“ , das Bremer Figurentheater im Theaterkontor, Schildstraße 21, Kartenbestellung unter Telefon 7947 82 92 und per E-Mail an karten@menschpuppe.de. Die Kindervorstellungen kosten sechs Euro (für Kinder) und acht Euro (für Erwachsene) Eintritt. Der Eintritt für die Abendvorstellungen beträgt 16,50 Euro.

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