Viele Grünflächen betroffen

Der Zünsler: Ein Garaus für Buchsbäume

Der Buchsbaumzünsler kennt nur Hunger, kein Erbarmen. Befallenen Pflanzen ist bislang kaum wirkungsvoll zu helfen. Profis verfolgen die Strategie Abschied und ersetzen den Buchs, wo es ihn erwischt hat.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Zünsler: Ein Garaus für Buchsbäume
Von Justus Randt

Zuerst sind die Blätter dran, dann wird die Rinde bis aufs Holz abgenagt: Die grün-schwarz-weiße Raupe des Buchsbaumzünslers ist hoch spezialisiert und sehr hungrig. Wo sie sich durchbeißt, sterben alle Pflanzenteile oberhalb der angefallenen Stelle ab. Der Schaden, den die Zünsler angerichtet haben, ist überall zu sehen, in Gärten und in Parks, und schwer zu beziffern.

Das dichte, immergrüne Blattwerk macht die Pflanze so beliebt: Man kann die Büsche zu Figuren zurechtstutzen, zu Kugeln oder Kegeln formen, und sie werden eingesetzt beim Einfrieden von Gräbern und Beeten. „Der Buchsbaum ist wesentliches Gestaltungselement, damit gebe ich einem Garten den Rahmen, damit kann ich viel gestalten, ohne großartige Vorkenntnisse haben zu müssen“, sagt Hartmut Clemen vom Landesverband der Gartenfreunde Bremen.

„Ich kenne keinen Garten, der nicht betroffen wäre“

Als Leiter des Lehr- und Erlebnisgartens des Verbandes, des Floratriums in Horn-Lehe, sieht er die Gefräßigkeit der gut fünf Zentimeter langen Raupen mit Sorge: „Wir haben 17.000 Pächter im Kleingartenwesen, das rund ein Drittel der Grünflächen Bremens ausmacht – und ich kenne keinen Garten, der nicht betroffen wäre.“ Drei bis fünf Generationen, hat Clemen gehört, könne der Schädling jedes Jahr hervorbringen. Gäbe es nur Buchsbäume in der Stadt, hätte Bremen einen rasanten Farbwechsel von Grün nach Braun zu gewärtigen.

Und es gäbe ein riesiges Entsorgungsproblem – theoretisch. Die Bremer Stadtreinigung (DBS) nimmt an allen 15 Recyclingstationen gerodete Buchse entgegen. „Die Grünabfallsammelstellen sind auch für befallene Pflanzen offen“, sagt Antje von Horn. Allerdings hat die DBS-Sprecherin den Eindruck: „Es gibt kaum noch Buchsbäume. Bei uns ist der Zünsler mindestens schon im dritten Jahr Thema.“ Vom Zünsler befallene Pflanzen kommen zusammen mit anderem Grünschnitt in die sogenannte Rottung, in der Temperaturen von mehr als 50 Grad Celsius entstehen: „Das eliminiert jeden Zünsler.“

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Hartmut Clemen hat sich bereits gefragt, wie die Entsorgung funktionieren soll. Denn auf den Kompost gehören befallene Buchsbäume nicht. „Es wäre fatal, eine Buchsbaumkugel zu roden und die Reste nicht ganz schnell zu beseitigen“, sagt er. Wer seinen toten Buchs nicht selbst zur Sammelstelle bringen kann, gehe auf Nummer sicher, wenn er den Schnitt in Restmüllsäcke der DBS stecke und sie gut verschließe. „Der Zünsler erstickt dann oder verhungert.“

Hans Puckhaber vom Pflanzenschutzdienst beim Lebensmittelüberwachungs-, Tierschutz- und Veterinärdienst des Landes Bremen (LMTVET) hat den Buchsbaumzünsler 2018 zum ersten Mal in Bremen gesichtet. „Bis dahin dürfte er sich schon ein, zwei Jahre etabliert haben.“ Puckhaber hat immer mal wieder Anfragen auch zum Buchsbaumschädling. „Ich glaube, man kann nichts ausrichten mit Pflanzenschutzmitteln“, sagt der Fachmann. Vor zwei, drei Jahren seien erste große Schwierigkeiten auf den Friedhöfen entdeckt worden: „Buchsbäume wiesen Symptome von Pilzerkrankungen auf, das war ein Stressfaktor für die Pflanzen. Der Zünsler hat ihnen den Rest gegeben.“ Nicht alle Schädlinge werden bekämpft. Im Frühjahr beispielsweise sei am Waller Sand aufgefallen, dass Kiefern von Wollläusen befallen waren. „Man muss das hinnehmen und Vielfalt zulassen“, sagt Puckhaber.

Raupen werden erst bemerkt, wenn es zu spät ist

Die stets belaubten Buchsbäume bieten ihren Schädlingen einen perfekten Sichtschutz: Weil sich die Raupen vom Bauminneren nach außen fressen, werden sie zumeist erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Und selbst dann gibt es kaum Möglichkeiten, den Buchs zu retten. „Wem sehr an der Pflanze gelegen ist, kann versuchen, die Raupen mit einem Laubpuster von den Zweigen zu blasen, sie absammeln und abschütteln, das ist recht effektiv“, hat Sönke Hofmann, Geschäftsführer des Bremer Naturschutzbundes (Nabu), festgestellt. „Die Giftdusche ist nur etwas für eine Saison.“ Der Nabu habe mittlerweile „reichlich Buchsbaum geliefert bekommen“, sagt Hofmann. „Wir stellen daraus Hackschnitzel her. Aber das ist eines der härtesten und schönsten Hölzer und ein tolles Material für Tischler und Drechsler. Wenn man dickere Stämme hat, sollte man die nicht einfach entsorgen, sondern verschenken.“

Außer Gärtnern hat der Buchsbaumzünsler bislang keine natürlichen Feinde. Hartmut Clemen hat beobachtet, dass Raupen hin und wieder von Wespen oder Hornissen attackiert werden, aber nicht von Vögeln. „Es wäre toll, wenn Spatzen den invasiven Schädling als Lieblingsspeise entdecken würden.“ Aus Süddeutschland wird so eine Spatzengeschichte überliefert, auch Kohlmeisen sollen – andernorts – Appetit auf die Raupen entwickelt haben.

Seit 2007 ist der aus Ostasien stammende Buchsbaumzünsler hierzulande vertreten. „Zuerst in Bad Bellingen in Baden Württemberg, dann hat er sich langsam nach Norden bewegt. Die beliebten Buchse werden ja europaweit gehandelt und können sich so leicht verbreiten“, sagt Hans Puckhaber. Auch im Bürgerpark. „Wir haben damit ganz massiv zu schaffen“, sagt Parkdirektor Tim Großmann. „Als Landschaftspark haben wir nur sehr wenige Buchsbaumpflanzen, kein Vergleich mit den kilometerlangen Hecken in den Herrenhäuser Gärten in Hannover.“ Aber dennoch: Wo Pflanzen betroffen sind, „ist der Befall massiv, und sie sind definitiv todgeweiht“. Gegenmittel? Fehlanzeige. „Nach unserem Kenntnisstand ist das alles nicht von durchschlagendem Erfolg“, sagt Großmann. Auch der Umweltbetrieb Bremen ersetzt befallene Buchse auf öffentlichen Grünflächen durch andere Pflanzen.

Auch Pflanzenschutzmittelexperte Hans Puckhaber geht davon aus, dass befallene Buchse ersetzt werden sollten, etwa durch Eibe, Ilex oder Hainbuche: „Man muss damit rechnen, dass der Zünsler sich nicht so wieder vom Acker macht.“ Jetzt noch zu spritzen, hält er jedenfalls nicht mehr für sinnvoll. „Anfang, Mitte September wird der Falter zum letzten Mal fliegen, die Larven überwintern im Buchs, sind durch die Blätter geschützt und werden nicht mehr erreicht beim Spritzen. Man sollte sich für Mitte März im Kalender notieren: Guck mal nach dem Buchsbaum.“

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Ratgeber der Behörde

Das Pflanzenschutzreferat beim Lebensmittelüberwachungs-, Tierschutz- und Veterinärdienst des Landes Bremen (LMTVET) hat gemeinsam mit den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein den „Pflanzenschutz-Ratgeber Haus und Kleingarten“ (zehn Euro) und den „Pflanzenschutz-Ratgeber Garten- und Landschaftsbau“ (15 Euro) veröffentlicht. Die Bücher können bei der Behörde, Lötzener Straße 3, 28207 Bremen, erworben oder, zuzüglich Versandkosten, online beim Pflanzenschutzdienst, www.lmtvet.bremen.de, unter dem Reiter „Pflanzen“ bestellt werden.

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