„Wir sind zum Feindbild geworden“

Bremer Polizisten erzählen von ihrem Berufsalltag

Polizist zu sein, war nie ein einfacher Beruf, sagen drei junge Bremer Beamte. Doch in jüngster Zeit werde die Situation immer aggressiver. Und es seien nicht nur Kriminelle, die die Polizei attackierten.
16.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Polizisten erzählen von ihrem Berufsalltag
Von Ralf Michel
Bremer Polizisten erzählen von ihrem Berufsalltag

Die Stimmung sei in den letzten Monaten spürbar umgeschlagen, berichten Polizisten von ihrem Dienst auf Bremens Straßen.

Frank Thomas Koch

Der Autofahrer hält die beiden Polizeibeamten für Rassisten. „Sie kontrollieren mich doch nur, weil ich Ausländer bin“, blafft er sie an. Die beiden Polizisten schauen sich einen kurzen Moment an. Meint er das jetzt wirklich ernst? Arsen Orcjan, der die Geschichte erzählt, hat selbst armenische Wurzeln, der Kollege, der bei der Kontrolle neben ihm stand, nigerianische. Doch solche Feinheiten interessieren den Mann am Steuer nicht. Ebenso wenig wie die Erklärung, dass er kontrolliert wird, weil er mit einem Handy am Ohr Auto gefahren ist. Sein Urteil über die Polizisten steht fest.

Kein Einzelfall, sagt der 25-jährige Orcjan. Bei einem Einsatz im Viertel, zu dem er als Verstärkung nachträglich gerufen wurde, habe ihn ein ausländischer Mann aus Reihen der Schaulustigen gefragt, was er denn hier wolle. „Du bist doch keiner von denen, sondern einer von uns. Du bist kein Nazi.“ Auch Erklärungen würden in solchen Momenten nicht helfen. „Das interessiert die Leute nicht. Du bist Polizist und wirst deshalb sofort in eine Schublade gesteckt: Nazi!“

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Orcjan ist Polizist in Bremen, arbeitet wie seine Kollegen Sebastian Mayer und Jamal Rossol im Innenstadt-Revier. Einfach sei dieser Job nie gewesen, aber das gehöre dazu, wenn man Polizist ist, betonen alle drei. Doch in den letzten Monaten sei die Stimmung auf der Straße immer angespannter geworden. Im Gespräch mit dem WESER-KURIER berichten die drei Polizisten von ihrem Arbeitsalltag.

Sie erzählen dabei von Einsätzen wie dem, als sie zu Hilfe gerufen wurden, weil im Viertel eine Person auf dem Bürgersteig zusammengeklappt war. Die beiden Streifenwagen, die als erstes vor Ort waren, seien schon mit Flaschen beworfen worden, bevor die Kollegen ausgestiegen waren. Am Ende waren acht Streifenwagen nötig – um einem auf dem Bürgersteig liegenden Mann helfen zu können.

Ein Verhalten, das sprachlos macht

Oder von dem Einsatz, wieder im Viertel, zu dem sie wegen häuslicher Gewalt gerufen wurden. Ein Mann hatte seine Frau verprügelt. Die Polizisten trafen ihn auf der Straße an, seine Frau kauerte übel zugerichtet etwas weiter entfernt am Boden. Als sie den mutmaßlichen Täter, ein Mann mit dunkler Hautfarbe, kontrollieren wollten, mischte sich ein zufällig vorbeikommendes Ehepaar ein, beide deutsch, etwa Mitte 50, erzählt Sebastian Mayer. „Was tun Sie da? Sie machen Ihre Arbeit nicht richtig. Lassen Sie den Mann doch in Ruhe.“ Und natürlich kam auch der Rassismus-Vorwurf. Sprachlos mache ihn ein solches Verhalten. Und nachdenklich. „Natürlich gibt es gerade im Viertel Gruppen, die unserem Beruf gegenüber kritisch eingestellt sind. Aber das ist Alltag, das gehört dazu, und damit können wir auch umgehen“, sagt der 33-Jährige. „Aber wenn jetzt schon solche Leute so reagieren.“

Mayer schüttelt den Kopf. Er könne dieses Verhalten einfach nicht nachvollziehen. „Was glauben die denn? Dass wir alle dumm sind? Wir haben alle studiert, wir setzen uns alle mit Demokratie und dem Rechtsstaat auseinander. Wie kommen solche Leute darauf, dass wir per se alles falsch machen?“

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Die Stimmung sei umgeschlagen, sind sich die drei jungen Beamten einig. Orcjan datiert den Zeitpunkt dafür ungefähr aufs Frühjahr, die Zeit als Corona ausbrach. Aber nicht sofort. Beim ersten Lockdown sei die Lage zwar angespannter geworden. „Aber da ging es noch. Viele haben unser Einschreiten akzeptiert, sich teilweise sogar dafür bedankt, dass wir da sind.“ In der anschließenden Lockerungs-Phase habe sich das jedoch geändert. Ein entscheidender Faktor dabei sei der Tod von George Floyd gewesen, der Schwarze, der in den USA auf offener Straße von Polizisten umgebracht wurde. Danach habe sich die Stimmung spürbar verändert. „Plötzlich wurde man bei jeder Kontrolle hinterfragt“, berichtet Jamal Rossol. Ohne jeden Respekt werde man geduzt, fast immer mit aggressivem Unterton: „Du darfst das nicht. Du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Macht dir das Spaß? Du bist nicht besser als ich...“

Nicht einfach, damit umzugehen, räumt der 29-jährige Rossol ein. „Oft sind das ja ganz normale Kontrollen, immer gleich strukturiert: Begrüßung, Grund, Erklärung... Eigentlich ganz einfach. Aber die preschen dann sofort mit Dingen auf dich los, die damit überhaupt nichts zu tun haben.“ Längst vorbei die Zeiten, in denen der Aufforderung eines Polizisten zunächst einmal Folge geleistet wurde. Stattdessen endloses Diskutieren selbst bei simplen Kontrollen. „Als ich kürzlich jemanden aufgefordert habe, mir seinen Ausweis zu zeigen, hat er gesagt, dass er erst mal googeln müsse, ob ich das überhaupt dürfe.“

Der Druck von außen

Hinzu komme der Druck von außen. Leute, die sich einmischten, keinerlei Abstand hielten, anfingen zu filmen. Und das, ohne die geringste Ahnung zu haben, worum es eigentlich geht. „Den Grund für die Kontrolle kennen ja nur wir und der Kontrollierte.“ Gerade durch diese „Laienpaparazzi“ habe das Ganze unglaublich an Dynamik gewonnen, sagt Mayer. Selbst bei den nichtigsten Anlässen. „Ich bin eigentlich nicht Polizist geworden, um jeden Tag in heikle Situationen zu kommen.“

Noch so ein Beispiel: Ein dunkelhäutiger Mann belästigt am Bahnhof eine Gruppe, zieht dabei ein Cuttermesser. Die Polizei wird gerufen, bringt den Mann zu Boden, will ihm Handschellen anlegen. „Er hat völlig frei auf dem Boden gelegen, die Arme auf dem Rücken. Aber laut losgebrüllt: Hilfe, ich kriege keine Luft.“ Eine Anspielung auf den Tod von George Floyd in den USA und der Versuch, Passanten gegen das Einschreiten der Polizei zu mobilisieren, sagt Arsen Orcjan. Was in diesem Fall aber nicht gelang, sondern sogar vergleichsweise kurios endete: „Ich habe ihn gefragt, warum er schreit. Schließlich könne er doch atmen. Daraufhin er: Ja, stimmt. Danach war Ruhe.“

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Es habe sich etwas an der generellen Haltung vieler Menschen gegenüber der Polizei geändert, sagt Jamal Rossol. „Wir sind zum Feindbild geworden.“ Mit Flaschen beworfen zu werden, gehöre für Polizisten in Bremen inzwischen ebenso zum Alltag wie Handgreiflichkeiten bei Kontrollen. „Geschubst zu werden, erwartet man inzwischen schon.“ Aber dabei bliebe es nicht. Schläge ins Gesicht, Tritte, der Versuch, Polizisten zu Boden zu bringen... „Das Aggressionspotenzial, das einem da entgegenschlägt, gerade auch von Unbeteiligten, ist wirklich extrem geworden.“ Immer häufiger, wenn man nach der Arbeit in der Dienstgruppe gemeinsam über das Erlebte spreche, die Einsätze nachbereite, schaue man sich einfach nur noch fassungslos an.

Arbeitstage ohne besondere Vorkommnisse

Die drei jungen Polizisten arbeiten im Innenstadtrevier. In dessen Zuständigkeitsbereich, vor allem im Viertel, ballten sich solche Vorfälle, insbesondere abends an den Wochenenden. Deshalb könne man die geschilderten Einsätze nicht verallgemeinern, betonen die drei. Und selbstverständlich gebe es auch immer wieder positive Erfahrungen. Alte Menschen, die sich bedanken, wenn die Polizei vorbeischaut. Oder Kinder, die fröhlich winken, wenn ein Streifenwagen an ihnen vorbeifährt. Und sich dann freuen, wenn der Beamte am Steuer zurückwinkt. Unter dem Strich seien es insgesamt sicher noch überwiegend Arbeitstage ohne besondere Vorkommnisse.

Aber all dies würde dann eben doch überdeckt von den ständigen Pöbeleien, Provokationen und tätlichen Angriffen. „Es wäre schön, wenn wir wieder anders wahrgenommen würden. Als die, die gerufen werden, um zu helfen“, sagt Sebastian Mayer. „Ich möchte genauso respektvoll behandelt werden, wie ich mit anderen Berufsgruppen umgehe“, wünscht sich Jamal Rossol. Arsen Orcjan sieht das genauso: „So banal das jetzt vielleicht klingt: Viele vergessen, dass auch wir Menschen sind.“

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