Interview mit Kai Irrgang „Feine Sahne Fischfilet": Mit Mucke gegen rechts

Kai Irrgang, Bassist der Punkband „Feine Sahne Fischfilet", spricht im Interview über Alltagsrassismus, Angst um seine Familie und Beschimpfungen.
04.05.2019, 19:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Pia Schubert

Was kann jeder von uns gegen Rassismus tun?

Kai Irrgang: Ich denke, jeder von uns sollte Betroffene von Rassismus nicht damit alleine lassen. Wenn man also mitbekommt, wie jemand rassistisch beleidigt oder sogar angegriffen wird, sollte man sich immer einmischen. Das ist natürlich manchmal leichter gesagt als getan, und man traut sich vielleicht nicht immer, den Mund aufzumachen, aber selbst dann kann man zumindest andere Menschen darauf aufmerksam machen oder Hilfe holen.

Oft versteckt sich Rassismus im Alltag, aber auch in Situationen, die auf den ersten Blick für viele wahrscheinlich gar nicht problematisch wirken. Das kann zum Beispiel der Moment sein, wenn in einer Personengruppe ausgerechnet die einzige Person mit dunkler Hautfarbe von der Polizei kontrolliert wird und alle anderen nicht. Das kann sein, wenn der Vermieter die Wohnung nicht an die Familie mit einem nicht-deutschen Namen vermietet. Oder manchmal ist es nur der kleine Witz im Freundeskreis.

Sind Sie der Meinung, dass es besonders wichtig ist, dass Musiker, Bands und Prominente sich gegen Rassismus positionieren?

Ja, klar! Prominente oder Bands haben natürlich einen Einfluss, um auf Sachen aufmerksam zu machen – mindestens genauso wichtig es aber auch, in der Schulklasse, bei der Arbeit, im Sportverein oder auf einer Party. Letztendlich liegt es an uns allen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Wie engagiert sich Feine Sahne Fischfilet politisch?

Wir unterstützen Initiativen und Vereine aus Mecklenburg-Vorpommern, die wir toll finden und die unserer Ansicht nach wichtige Projekte machen. Wer uns aufmerksam verfolgt, wird einige kennen. 2016 haben wir im Vorfeld der Landtagswahlen die Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch – zusammen gegen den Rechtsruck“ gestartet.

Es war uns ein Anliegen, gerade in den ländlichen Regionen Akzente zu setzen und Menschen zusammenzubringen, die sich gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft – und jetzt auch in den Parlamenten – engagieren. Da gab es Lesungen, kleine Konzerte, ein Fußballturnier und noch einige andere tolle Sachen. Uns war klar, dass wir nichts am Ausgang der Wahl ändern werden können, denn die AfD ist mit 20 Prozent in den Landtag eingezogen, und trotzdem sind viele Leute motiviert aus der Sache herausge-
gangen.

Welches Ziel hat die Band? Warum habt ihr mit dieser Art von Musik angefangen?

Wir kommen alle aus der gleichen Region, und ehrlich gesagt war bei uns in der Kleinstadt nicht viel los. Da war so eine Band eine super Freizeitbeschäftigung. Nicht nur das zusammen Musikmachen, sondern auch das erste Konzert veranstalten. Und die Partys im Proberaum waren damals genau das Richtige für uns.

Warum schreibt die Band Songtexte wie „Stumpfe Parolen“ oder Ähnliches? Was will sie damit erreichen?

Wir schreiben die Songtexte in erster Linie nicht, um damit etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern weil das immer eine Verarbeitung von ganz persönlichen Erlebnissen ist. Das kann mal Wut sein, aber natürlich auch irgendwas Tolles. So ein Album ist letztlich immer eine Momentaufnahme der jeweiligen Zeit, in der die Musik entstanden ist.

Was meinen Sie, wie Rechtsorientierte über die Band denken?

Die meisten hassen uns wahrscheinlich. Aber das ist okay, schließlich machen wir uns für Sachen stark, die sie um jeden Preis verhindern wollen: eine solidarische Gesellschaft. Also ein Zusammenleben, in dem Menschen nicht ausgegrenzt werden, weil sie schwächer sind, anders aussehen, schwul oder lesbisch sind oder keine Arbeit haben.

Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen oder Ihrer Familie etwas wegen Ihres Engagements passieren könnte?

Solche Gedanken bleiben natürlich nicht aus. Man darf sich davon aber nicht einschüchtern lassen. Und außerdem habe ich das große Glück, eine wirklich tolle Familie zu haben, in der wir uns immer unterstützen.

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Wie gehen Sie damit um, wenn Sie beschimpft werden?

Puh, ich glaube, das ist nicht so allgemein zu beantworten. Früher habe ich häufig immer gleich Kontra gegeben. Ich glaube, da bin ich mittlerweile etwas gelassener. Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir als Band und oftmals dann auch als Einzelperson total viel Zuspruch bekommen. Das ist natürlich ein Privileg, das Menschen, die von Rassismus betroffen sind, meist nicht haben.

Das Gespräch führte Pia Schubert.

Info

Zur Person

Kai Irrgang ist Bassist der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. Die Musiker der Band aus Mecklenburg-Vorpommern engagieren sich gegen Rechts.

Info

Zur Sache

Schüler gegen Rassismus

Die Schüler der Klasse 8 a der Wilhelm-
Focke-Oberschule aus Horn-Lehe haben sich für das Zisch-Projekt und während der Woche gegen Rassismus im März mit Fremdenfeindlichkeit beschäftigt. Im Rahmen des Zisch-Projektes haben sie außerdem den Workshop „Pro aktiv gegen Rechts“ beim Verein zur Förderung akzeptierenden Jugendarbeit, kurz Vaja, mitgemacht. Die Klasse möchte gern weiter mit Vaja zusammenarbeiten.

Da die Achtklässler „Feine Sahne Fischfilet“ gut finden, hat Pia Schubert aus der Klasse 8 a ein Interview mit dem Bassisten Kai Irrgang geführt. Die Punkband engagiert sich seit Jahren gegen Rechts. 2016 hat „Feine Sahne Fischfilet“ die Festivalreihe „Noch nicht ganz im Arsch – Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ lanciert.

„Das Thema Rassismus und das Engagement dagegen halten wir für sehr wichtig“, sagen die Schüler. Denn es werde in Politik, Presse und sozialen Medien kontrovers diskutiert – sei es über Parteien, Geflüchtete, Witze oder Alltagsrassismus.

Die Klasse hat deshalb entschieden, nicht länger wegzusehen, sondern etwas zu unternehmen. „Das heißt, wir wollen uns aktiv dagegen aussprechen, wenn uns Rassismus begegnet“, sagt Schülersprecherin Pia Schubert. „Ich meine, jeder kann etwas gegen Rassismus tun. In vielen Situationen.“

In ihrer Funktion als Schülersprecherin strebt Pia Schubert für die Wilhelm-Focke-Oberschule an, dass sie eine „Schule ohne Rassismus –Schule mit Courage“ wird.

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