Zum Abschluss von fünf Jahren Brandschutzsanierung Feuerprobe fürs Bremer Rathaus

Bremen. Feueralarm! Das Rathaus brennt! Ein Erbe der Weltkultur, und nun in Gefahr! So musste es am Montag den Menschen vorgekommen sein, die am Morgen über den Marktplatz schlenderten und plötzlich eine Armada von Einsatzfahrzeugen der Brandbekämpfer anrücken sahen.
20.07.2010, 06:00
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Feuerprobe fürs Bremer Rathaus
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Feueralarm! Das Rathaus brennt! Ein Erbe der Weltkultur, und nun in Gefahr! So musste es gestern den Menschen vorgekommen sein, die am Morgen über den Marktplatz schlenderten und plötzlich eine Armada von Einsatzfahrzeugen der Brandbekämpfer anrücken sahen. Eine Übung? Nein. Der blanke Ernst, aber einer mit glimpflichem Ausgang.

Auslöser für den Einsatz war die Arbeit von Handwerkern, die im Ratskeller mit einer Flex zugange waren. Es soll dort ein Behinderteneingang geschaffen werden. Die Flex warf Funken und produzierte Staubwolken. Kein Problem eigentlich, keine Gefahr, doch die Männer mit dem Baugerät hatten etwas vergessen: Sie hätten dafür sorgen müssen, dass die Rauchmelder abgestellt werden. Die hochsensiblen Sensoren gaben prompt stillen Alarm und brachten die Einsatzkette in Gang.

Nichts zu tun am Ende für die Feuerwehrleute, die ganze Aufregung löste sich schnell in Wohlgefallen auf, und allenfalls der Handwerksbetrieb hat jetzt noch ein wenig Ärger am Hals, er muss den Einsatz nämlich bezahlen. Zu denken gab der Vorfall aber trotzdem, denn wie sicher ist das 600 Jahre alte Rathaus eigentlich vor Feuer geschützt?

So sicher, lautet die Antwort der Experten, wie es irgend geht in einem so altehrwürdigen und denkmalgeschützten Gebäude. Der Alarm von gestern war für sie das beste Beispiel dafür. Die Rauchmeldeanlage hat funktioniert, und die Feuerwehr brauchte nach eigenen Angaben gerade einmal vier Minuten, bis sie mit dem ersten Einsatzfahrzeug an der vermeintlichen Brandstelle war. Ein optimaler Verlauf und wie eine gelungene Feuerprobe, denn just in diesen Wochen geht für das Rathaus nach fünf Jahren eine umfangreiche Brandschutzsanierung zu Ende.

'Sämtliche Räume, vom Keller bis zu Dach, werden jetzt von Rauchmeldern überwacht', sagt Hauke Nehring, der im Rathaus für die Sicherheit und den Brandschutz zuständig ist. So um die 1000 Sensoren dürften es im Ganzen sein, schätzt der Beamte. Dazu noch rund 60 Handdruckmelder. Wird Alarm ausgelöst, automatisch oder manuell, läuft er direkt in der Leitzentrale der Feuerwehr auf. Wenig später sind dann die Brandbekämpfer unterwegs - vier Minuten bis zum Rathaus.

Neben dem hochmodernen Meldesystem sorgen auch bauliche Veränderungen für mehr Schutz vor Rauch und Feuer. 'Wir haben alle Türen, die zu den Fluren hinausgehen, gegen Rauch abgedichtet', erklärt Nehring. Fängt ein Computer an zu qualmen, legt das also nicht gleich das ganze Rathaus lahm, der Schaden bleibt auf ein Büro begrenzt. Und sollte ein richtiges Feuer ausbrechen, 'dann halten die Türen das aus', sagt der Brandschutzexperte. Er nennt das F-60-Qualität. Schwere Eichentüren, die eine ganze Stunde lang den Flammen trotzen und so genügend Zeit lassen, auch in so einem Fall das Übel zu minimieren.

Zuletzt sind Stück für Stück auch noch die ganzen alten Kabel und Leitungen ausgetauscht worden. Manche waren mit Stoff ummantelt und deshalb besonders feuergefährdet. Eine Heidenarbeit, die in dem geschichtsträchtigen Gebäude mit viel Feingefühl ausgeführt werden musste. Alles in allem, erklärt Nehring, habe die Sanierung rund fünf Millionen Euro gekostet.

Eine Ausgabe ohne Alternative. Nicht auszudenken, wenn das Rathaus in Flammen stünde. Außerdem, weiß Nehring, war es damals eine der Bedingungen, um als Weltkulturerbe anerkannt zu werden: Bremen musste sich nicht nur verpflichten, allen denkmalpflegerischen Ansprüchen gerecht zu werden, sondern bekam auch auferlegt, in den Brandschutz zu investieren.

Katalysator, nun wirklich schnell und umfassend etwas zu unternehmen, war vor sechs Jahren der Bibliotheksbrand von Weimar, als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Flammen stand. Das gut 300 Jahre alte Gebäude gehört mit seinen wertvollen Bänden ebenfalls zum Weltkulturerbe und konnte nur mühsam wieder aufgebaut werden. 'Das hat damals noch einmal gezeigt, wie dringlich es ist, solche Schätze vor Feuer zu schützen', sagt Nehring.

Mit der Sanierung im Rathaus ist er durch. Jetzt muss im Grunde nur noch an der Disziplin gearbeitet werden. Wenn Handwerker kommen, zum Beispiel. 'Die müssen sich anmelden und einen Feuererlaubnisschein beantragen', erklärt der Experte. Für Schweißarbeiten oder wenn, wie gestern passiert, mit der Flex hantiert wird.

Eine Sondersituation gibt es jedes Jahr an Silvester, wenn auf dem Marktplatz Raketen abgefeuert werden; eine davon ist mal durchs Fenster geschlagen und auf dem Parkett der Oberen Rathaushalle verglüht. Feuerwehrleute halten Wache in so einer Nacht. Raketen aufs Rathaus, Rauchmelder reichen da nicht.

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