Jedes Jahr 65 000 bezahlte Überstunden / Viele Bewerber scheitern an den hohen Anforderungen

Feuerwehr sucht zusätzliche Kräfte

Bei der Bremer Feuerwehr fallen jedes Jahr im Schnitt 65000 Überstunden an. Zwar werden diese in Bremen schon seit Längerem vergütet, andere Kommunen ziehen gerade erst nach – trotzdem ist es erklärtes Ziel der Innenbehörde, mehr Feuerwehrbeamte einzustellen. Sechs Mitarbeiter sollen noch in diesem Herbst kommen, weitere sechs im Januar. Doch die Lage bleibt angespannt: Geeigneter Nachwuchs sei schwer zu finden, sagt der leitende Branddirektor Karl-Heinz Knorr.
21.08.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marcus Schuster

Bei der Bremer Feuerwehr fallen jedes Jahr im Schnitt 65000 Überstunden an. Zwar werden diese in Bremen schon seit Längerem vergütet, andere Kommunen ziehen gerade erst nach – trotzdem ist es erklärtes Ziel der Innenbehörde, mehr Feuerwehrbeamte einzustellen. Sechs Mitarbeiter sollen noch in diesem Herbst kommen, weitere sechs im Januar. Doch die Lage bleibt angespannt: Geeigneter Nachwuchs sei schwer zu finden, sagt der leitende Branddirektor Karl-Heinz Knorr.

Bremen. In Hamburg können Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr demnächst mit einer Sonderzahlung von rund 12000 Euro rechnen, in Berlin sogar mit bis zu 30000 Euro. Grund ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, wonach den Beamten ihre über Jahre geleisteten Überstunden vergütet werden müssen.

Und die fallen bei den Brandschützern landauf, landab nicht zu knapp an: In Bremen seien es jährlich im Schnitt 65000 Überstunden, sagt der leitende Branddirektor Karl-Heinz Knorr. Von dem Gerichtsurteil ist man hier allerdings nicht betroffen, da Bremen seinen Feuerwehrbeamten im Schichtdienst schon seit drei Jahren für Überstunden pauschale Ausgleichsbeträge zahlt. Die damalige Vereinbarung zwischen Innenbehörde, Gewerkschaften, Personalrat und Feuerwehrvertretern sei "sehr gut für den Betriebsfrieden" gewesen, sagt Knorr. Nahezu alle betroffenen Mitarbeiter hätten einen entsprechenden Abtretungsvertrag unterschrieben, der Rest wünschte sich aus persönlichen Gründen statt Geld lieber einen Freizeitausgleich.

Doch warum fallen bei der Feuerwehr überhaupt so viele Überstunden an? Das hat maßgeblich mit einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu tun. Dieser hatte bereits im Juli 2005 festgestellt, dass auch bei den Brandschützern nicht mehr als 48 Stunden Wochenarbeitszeit verlangt werden dürfen. Bis dahin hatten viele Feuerwehren reguläre Dienstzeiten bis zu 56 Stunden pro Woche.

Nach der Umstellung kamen aber nicht überall ausreichend Kollegen dazu, um die Stundenkürzungen aufzufangen. 65000 Überstunden seien überdies eine relative Zahl, sagt Feuerwehr-Chef Knorr. "Bei 450 Beamten, die regelmäßig im Schichtdienst eingesetzt werden, sind das unterm Strich zwölf Überstunden pro Person und Monat", rechnet er vor.

Man muss auch die Rahmenbedingungen berücksichtigen, die die Arbeit bei der Feuerwehr von anderen Jobs unterscheidet. "Bei uns gilt eine Netto-Arbeitszeit von 8760 Stunden im Jahr", erläutert Knorr, "365 Tage, 24 Stunden". Eingeteilt werden die Mitarbeiter – von normalen Tageskräften wie Sekretariat abgesehen – in 24-Stunden-Schichten, in denen sie logischerweise nicht immer etwas zu tun haben, aber auch nie wirklich Pause machen können, erklärt Knorr. Einziges Kriterium während des Dienstes sei nämlich: Ist man in 60 Sekunden startklar?

Bei der Bremer Feuerwehr muss zu jeder Zeit ein gewisser Grundstock an Einsatzkräften zur Verfügung stehen: 65 Personen im Mannschaftsdienst, sechs Zugführer, ein Gefahrgutexperte, fünf Personen in der Leitstelle, 17 im Rettungsdienst, drei Fahrer – also gut 100 Männer und Frauen auf einen Schlag, "auch wenn Sie nie, außer vielleicht an Silvester, vorhersagen können, was passiert", so Knorr. Das vergangene Wochenende zum Beispiel sei für die Feuerwehr, obwohl Bremen in Ferien ist, ein sehr intensives gewesen.

Vor diesem Hintergrund sollte das Arbeitspensum betrachtet werden. Daniel Heinke von der Innenbehörde betont, dass sich die entsprechenden Mitarbeiter per Einzelvereinbarungen zur Mehrarbeit bereit erklärt hätten, "insgesamt herrscht somit eine hohe Arbeitszufriedenheit". Trotzdem weiß auch die Behörde, dass in Zukunft jedes Jahr zehn bis 15 neue Beamte eingestellt werden müssen, um langfristig die Überstunden zu reduzieren. Denn jedes Jahr gehen auch fünf bis zehn Einsatzkräfte in den Ruhestand, manchmal sogar mehr. Noch in diesem Herbst sollen deshalb sechs Personen nachrücken, weitere sechs ab 1. Januar 2013 – darunter auch fertig ausgebildete Brandmeister. Außerdem werden noch sogenannte refinanzierte Kräfte hinzukommen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, also zum Beispiel für Intensivkrankentransporte.

Die Bremer Feuerwehr würde gerne den Anteil an Frauen erhöhen – allein: Es fehlt an qualifizierten Bewerbern, selbstverständlich auch unter den Männern. "Wir tun uns schwer", sagt Karl-Heinz Knorr, auch wenn es in diesem Sommer bislang bereits 15 Initiativbewerbungen gab. Die Anforderungen an die Einsatzkräfte sind hoch – und werden noch strenger. Die Sporthochschule Köln hat für die Bremer Feuerwehr einen geschlechtsneutralen Sporttest entwickelt. "Dazu gehört ein Dreikilometerlauf, ohne dass man anschließend einen Notarzt braucht", sagt Knorr. Wer es bis zu den Sporttests schafft, hat ohnehin schon einiges hinter sich – unter anderem Tests in Rechtschreibung, Dreisatz- und Prozentrechnen, Allgemeinbildung und Teamfähigkeit. Die Qualität der Bewerber habe sich in den vergangenen Jahren verändert, sagt Knorr. Zum Schlechten.

Es hilft nichts, neue Kräfte müssen her. Seit einiger Zeit versucht man es in Bremen mit Werbung – wie der Kampagne "Du bist der Schlüssel". "Wir haben keinen Handlungsdruck", sagt Daniel Heinke, Büroleiter des Innensenators. "Doch wir sollten uns vorbereiten, wenn das auf Freiwilligkeit beruhende Überstundenprinzip an seine Grenzen stößt." Der Senator strebe in jedem Fall an, die "personelle Zielzahl" bei der Feuerwehr mittelfristig zu erhöhen.

34000 Überstunden haben die Feuerwehrmänner und -frauen bis Ende Juli gemacht. Rechnet man hoch, könnte die Bilanz schon dieses Jahr niedriger ausfallen als früher. Einer übertriebenen Einstellungswelle erteilt Branddirektor Knorr jedenfalls eine Absage: "Überstunden sind stets auch ein flexibles Steuerungselement."

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