Textildiscounter Primark in Bremen ist ein Phänomen Filiale zieht Kunden aus ganz Deutschland an

Bremen. Als die irische Modekette "Primark" Mitte 2008 angekündigt hat, in Bremen ihre erste Deutschland-Filiale zu eröffnen, war das Unternehmen bestenfalls ein paar Eingeweihten bekannt. Inzwischen hat sich das grundlegend geändert.
30.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Arno Schupp

Bremen. Als die irische Modekette "Primark" Mitte 2008 angekündigt hat, in Bremen ihre erste Deutschland-Filiale zu eröffnen, war das Unternehmen bestenfalls ein paar Eingeweihten bekannt. Inzwischen hat sich das grundlegend geändert.

Die 5500 Quadratmeter große Filiale in der Waterfront ist für junge Kunden aus ganz Norddeutschland zu einer Top-Attraktion geworden. Aus Hamburg und Hannover strömen sie in die Waterfront, um sie erst Stunden später und meist schwer bepackt wieder zu verlassen

Primark ist ein Phänomen. Die Modekette selbst ist inzwischen schon eine Art Marke geworden. "Primark ist cool", sagen Nadja (22) und ihre Freundinnen Meve (20) und Miriam (25). Die Drei sind an diesem Sonnabend aus Hamburg-Jenfeld nach Bremen gekommen, um einzukaufen. Andere Kunden sind aus Stade oder Hildesheim angereist, um sich den Markt, von dem sie gehört haben, einmal selbst anzusehen. "Das ist unglaublich hier", findet Brigitte Barp-Graebe aus Göttingen. "Ich bin mit drei Töchtern hier. Das wird teuer."

Das Phänomen Primark zeigt sich am deutlichsten, wenn am Sonnabend-Morgen das Rolltor hochfährt und den Eingang freigibt - mit Szenen, die an die Schlussverkauf-Hysterie der 80er-Jahre erinnern: Menschen ducken und drängeln unter dem Tor hindurch und verschwinden im Laufschritt zwischen den Regalen. Sie stürmen das Geschäft, noch bevor es richtig geöffnet ist. Dabei gibt es hier keine besonderen Angebote. Jeans für 7 Euro, T-Shirt für 3, Schuhe für 10 - solche Preise sind Regel und nicht Ausnahme. Das Wort "billig" hört man hier trotzdem nicht gerne. "Wir sind günstig, wir sind nicht billig", sagt Wolfgang Krogmann, der Primark-Manager für Nordeuropa.

250 Millionen Paar Socken pro Jahr

Drei Dinge sind es, die das Unternehmen seit seiner Gründung 1969 auf Erfolgskurs halten. Neben dem Preis "ist das ein gewisser Modeanspruch und eine gute Qualität", sagt Krogmann. Um das Angebot so massenkompatibel wie möglich zu halten, wird bei Primark penibel ausgewertet, welche Artikel wie gut verkauft werden. "Außerdem verfolgen unsere Einkäufer Trends, sie besuchen Mode-Messen und beobachten den Wettbewerb." Was möglichst vielen Kunden gefallen könnte, kommt schließlich in die Regale - in rauen Mengen und zu absoluten Billig-Preisen.

Um diese Kampfpreise halten zu können, müssen enorme Stückzahlen verkauft werden. Dabei lässt sich das Unternehmen zwar nicht in die Karten gucken, "aber um mal ein Beispiel zu nennen: Wir verkaufen pro Jahr rund 250 Millionen Paar Socken", sagt Krogmann. "Wenn man die alle aneinander legt, kommen wir einmal um den Erdball rum." Das Unternehmen lässt überall auf der Welt produzieren: China, Indien, Bangladesch - "wir arbeiten mit Lieferanten zusammen, die auch die anderen großen Modeketten beliefern". Das sorgt für Produktionssicherheit und gewisse Standards. Und trotzdem läuft bei der Produktion alles glatt. 2009 hat Primark Schlagzeilen gemacht, weil Zulieferer in Indien und Bangladesch mit Kinderarbeit produzierten. Im gleichen Jahr flog ein Lieferant aus Großbritannien auf, weil er illegale Einwanderer beschäftigte und Dumpinglöhne zahlte. Das Unternehmen trennte sich von den Partnern aus Indien und Bangladesh und setzte durch, dass sich der britische Lieferant an den Primark-Ethik-Kodex und an arbeitsrechtliche Standards hält.

Produktion wird überprüft

Die Modekette ist Mitglied der "Ethical Trading Initiative", eines Bündnisses aus Unternehmen, Gewerkschaften und Non-Profit-Organisationen, das Rechte von Fabrik- und Landwirtschaftsarbeitern weltweit fördern und verbessern will. Damit hat sich Primark verpflichtet, die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten seiner Zulieferer selbst zu überwachen und außerdem extern überprüfen zu lassen. "Und wenn wir Verstöße gegen unsere Vorgaben feststellen, trennen wir uns von dem betreffenden Lieferanten", sagt Krogmann.

Primark will fair sein, Personal-Vorstand Breege O'Donoghue nennt die Modekette gerne ein ethisches Unternehmen, und zu dieser Firmen-Philosophie gehört auch, den Mitarbeitern Tariflöhne zu zahlen, sagt Krogmann. "Wir wollen weiter wachsen, und dafür brauchen wir motivierte Mitarbeiter." 300 Beschäftigte gibt es alleine am Standort Bremen. Zu Spitzenzeiten arbeiten sie rund um die Uhr: Freitag nach Ladenschluss fängt die Spätschicht damit an, den Laden aufzuräumen, zu reinigen und neue Ware einzusortieren. Sie übergibt an die Nachtschicht, die schließlich Feierabend macht, wenn das Geschäft am Sonnabend wieder geöffnet wird. "Unser Ziel ist, dass die Filialen am Sonnabend so aussehen, als seien sie gerade eröffnet worden", beschreibt Krogmann. "Unsere Kunden nehmen teilweise enorme Wege auf sich, um zu uns zu kommen. Das sind wir ihnen schuldig."

Während die Kunden ihre Anreise nach Bremen noch weitgehend selbst organisieren müssen, hat ein Primark-Besuch in anderen Städten beinahe schon Butterfahrt-Charakter: Ein Unternehmer aus Stuttgart organisiert mit seinem "Primark-Bus" regelmäßig Touren nach Frankfurt, wo die Modekette inzwischen ebenfalls eine Filiale betreibt. Auch in Gelsenkirchen hat das Unternehmen eine Dependance eröffnet, weitere sollen folgen.

Bremen war für das die Modekette ein erster Test. "Wir wollten wissen, wie der deutsche Markt auf Primark reagiert", sagt Krogmann, ob das in Irland erdachte und in England sowie später in Spanien weiterentwickelte Konzept auch hier funktioniert. Es funktioniert - und das, obwohl das Unternehmen komplett auf Werbung verzichtet. "Unsere jungen Kunden schreiben über uns in den sozialen Netzwerken", sagt der Manager. Es gibt Fashion-Blogger, die auf einschlägigen Internet-Seiten über Primark-Mode schreiben, und es gibt eine enorme Mund-zu-Mund-Propaganda.

So sind auch die drei jungen Frauen aus Hamburg auf Primark aufmerksam geworden, sagen sie. "Freunde haben erzählt, dass der Laden cool sein soll", sagt Nadja. Also haben sie irgendwann beschlossen, das selbst einmal zu überprüfen - mit durchschlagendem Erfolg. "Als wir beim ersten Mal hier waren, sind wir um zehn in den Laden reingegangen - und dann sind wird bis zum Schluss geblieben", sagt Miriam. Gekauft habe sie damals Klamotten für 230 Euro. "Aber dafür haben wir auch Klamotten, die in Hamburg nicht jeder trägt", sagt Nadja. So hat eben selbst die Massenproduktion irgendwo doch noch ihre Grenzen.

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