Aufforderung zur Einkommenssteuererklärung Finanzamt überrascht Rentner

Bremen. Ilse Thielking hat Post bekommen: Die 91-Jährige muss ihre Einkommenssteuererklärung machen, rückwirkend für die vergangenen sieben Jahre. So wie ihr geht es bundesweit vielen Rentnern, in Bremen sind es 4600.
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Von Helge Dickau

Bremen. Ilse Thielking hat Post bekommen: Die Rentnerin muss ihre Einkommenssteuererklärung machen, rückwirkend für die vergangenen sieben Jahre. So wie ihr geht es bundesweit vielen Rentnern, in Bremen sind es 4600. Der Grund dafür ist das Alterseinkünftegesetz, das seit 2005 gilt. Ilse Thielking hat Angst, nachzahlen zu müssen. Sie hat zwar Geld gespart – damit hat die 91-Jährige allerdings andere Pläne.

Immerhin: Es gibt eine Anleitung. 16 Seiten mit Kleingedrucktem, die erklären, wie Ilse Thielking ihre Steuererklärung machen soll. Trotzdem ist die 91-Jährige überfordert mit dem Packen Papier, den sie vom Finanzamt Bremen-Nord in einem dicken braunen Umschlag bekommen hat. Sie soll ihre Einkommenssteuererklärung machen, und zwar rückwirkend für die Jahre 2005 bis 2011. Sieben Jahre, und dafür jeweils 16 Seiten Formulare – 112 Seiten also, auf denen Thielking Angaben zu ihrer Rente machen soll.

Leibrente? Berufsständische Versorgungseinrichtung? Sonstige Verpflichtungsgründe? Wer seine Steuererklärung regelmäßig selbst macht, weiß, wie kompliziert das Amtsdeutsch in Sachen Steuern ist. Ilse Thielking hat schon ein paar Jahre lang keine mehr ausgefüllt, und jetzt kommt alles auf einmal. Abgabetermin: der 6. Dezember. "Das ist nicht leistbar", sagt ihr Sohn Günther Thielking, der seiner Mutter zwar hilft, aber auch nicht so recht weiter weiß.

Post an 4600 Rentner

Neben Ilse Thielking haben im Land Bremen in den vergangenen Wochen rund 4600 Rentner Post vom Finanzamt bekommen. Grund dafür ist das Alterseinkünftegesetz, das seit 2005 gilt und zum Ziel hat, Pensionen und Renten steuerlich gleich zu behandeln. Bisher wurden Pensionen voll besteuert, gesetzliche Renten nicht. Bis 2040 sollen aber auch die zu 100 Prozent besteuert werden. Rentner und Rentnerinnen wie Ilse Thielking, die 2005 bereits Rente bekam, müssen 50 Prozent ihrer Bezüge versteuern, für jeden Jahrgang, der nach 2005 dazukam und noch kommt, kommen zwei Prozentpunkte dazu, bis die 100 Prozent erreicht sind. Im Gegenzug sollen die Beiträge zur Altersversorgung schrittweise steuerfrei werden.

Dass auch Rentner eine Einkommenssteuer machen müssen, ist nicht neu. Allerdings war die Finanzbehörde auf die Ehrlichkeit der Leute angewiesen. Wer keine Steuererklärung gemacht hat, wurde nicht weiter behelligt. Auch bei Ilse Thielking war das so, die sich dunkel erinnern kann, irgendwann vor 2005 das letzte Mal ein solches Formular ausgefüllt zu haben. Allerdings wurden die Daten aller Rentenversicherten jetzt von den Versicherungsträgern an die Finanzämter geschickt – auf dieser Grundlage landete der braune Umschlag in Thielkings Briefkasten. "Die Rentner, die keine Steuererklärung gemacht haben, haben jetzt Post gekriegt", sagt Dagmar Bleiker, Sprecherin der Finanzbehörde. "Nicht jeder muss zahlen, aber jeder muss angeben, was er hat." Wenn keine Steuererklärung da sei, erklärt Ralf Heitkamp vom Bremer Steuerberaterverband, ginge "die rote Lampe an": Theoretisch könnte es sich schließlich um einen Fall von Steuerhinterziehung handeln.

Ob Absicht oder nicht, einige müssen jetzt nachzahlen. Wer wie viel nachträglich abgeben muss, lässt sich aber pauschal nicht sagen, jeder Einzelfall muss geprüft werden. Ilse Thielking beispielsweise hat rund 2000 Euro im Monat zur Verfügung, teils Rente, teils Pension ihres verstorbenen Mannes, der Lehrer war. Pensionen sind schon voll versteuert, es geht also um die Rente. Und weitere Einkünfte und Faktoren, die das Amt erst bewerten muss. Sadik Cetin vom Bremer Verein Lohnsteuerhilfe hat schon ein Reihe Rentner beraten, die Post vom Finanzamt bekommen haben. Einige von denen haben Glück, "aber eine Rentnerin muss jetzt für sieben Jahre 5000 Euro nachzahlen", sagt Cetin.

Geld für die Beerdigung gespart

"Wir gehen davon aus, dass wir nachzahlen müssen", sagt Günther Thielking. Seine Mutter hat zwar Geld gespart, aber was damit passieren soll, weiß die 91-Jährige genau: "Ich habe für meine Beerdigung gespart", sagt sie sachlich. "Für das Geld sollen meine Kinder mich unter die Erde bringen." Nur ungern würde sie für eine Steuerrückzahlung an dieses Konto gehen müssen.

Doch erstmal müssen sich die Thielkings durch die Formulare kämpfen. Die notwendigen Unterlagen haben sie jetzt beisammen, sind aber wohl dennoch auf einen Steuerberater angewiesen. Und der verlangt 300 Euro, zuzüglich Mehrwertsteuer – pro Jahr. "Da gibt es schon eine gewisse Spanne", sagt Heitkamp, dessen Erfahrungswerte allerdings niedriger liegen. Zwischen 100 und 200 Euro, abhängig unter anderem vom Einkommen des Kunden. Er empfiehlt zwar den Gang zum Steuerberater. "Ich würde aber ruhig mal rumfragen", ergänzt er, um abzuklopfen, wie hoch die Honorare bei verschiedenen Kollegen sind.

Heitkamp empfiehlt auch, beim Finanzamt eine Fristverlängerung zu beantragen. In diesen Fällen "wird die Verwaltung wahrscheinlich großzügig sein", vermutet er. Wer die Frist ignoriert und keine Steuererklärung abgibt, kann jedoch keine besonderen Ansprüche mehr geltend machen. "Wenn die Frist verstreicht, dann wird geschätzt", sagt Behördensprecherin Bleiker.

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