Gino und Rickardo Kaselowsky erwecken Kasper & Co zum Leben / Poesie-Puppentheater am Roland-Center Fingerspiel mit Leidenschaft

Huchting. Obwohl er schon bald 100 Jahre alt wird, hat er sich prima gehalten. Und Generationen kennen das Gesicht des original Hohensteiner Kaspers.
11.04.2016, 00:00
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Fingerspiel mit Leidenschaft
Von Ulrike Troue

Obwohl er schon bald 100 Jahre alt wird, hat er sich prima gehalten. Und Generationen kennen das Gesicht des original Hohensteiner Kaspers. Deshalb will Rickardo Kaselowsky natürlich auch den roten Bommel an der blauen Zipfelmütze wieder oft und munter um das Gesicht der beliebten Figur kreisen lassen, wenn er in dieser Woche den Kasper mit der langen Nase beim Gastspiel der Poesie-Puppenbühne am Roland-Center zum Leben erweckt.

Wenn der 25-Jährige in „Gretel hat Geburtstag“ kleinen und großen Zuschauern im roten Zirkuszelt, das bis zu 300 Personen Platz bietet, die Geschichte vom ausgebüxten Räuber Hotzenplotz erzählt, der das Geld für Gretels Geburtstagsgeschenk aus Großmutters Einkaufskorb stibitzt, braucht er Unterstützung aus dem Publikum. „Alle müssen mithelfen, den Räuber einzufangen“, setzt auch Gino Adriano Kaselowsky auf die Huchtinger Zuschauer. Der 26-Jährige ist der zweite Erzähler, den die Leidenschaft fürs Puppenspiel gepackt hat. Der Mann mit dem modischen Kurzhaarschnitt spielt in dem einstündigen Stück Wachtmeister Dimpfelmoser und Seppl, Kaspers besten Freund. Außerdem gibt es für alle Puppentheaterfans auch ein Wiedersehen mit dem gefürchteten Krokodil, kündigt Gino Kaselowsky an.

„Die Hauptfigur ist aber der Kasper“, sagt der Puppenspieler. Und natürlich löst der an einen Harlekin erinnernde Wicht seine Probleme und Schwierigkeiten nicht mehr mit der Bratpfanne oder dem Prügel, sondern mit Humor und Einfallsreichtum.

„Der Kasper ist auch die einzige der 15 ursprünglichen Hohensteiner Figuren, die Beine und Füße bekommt“, erklärt der Spieler die Besonderheit der Handpuppen, die noch heute nach den Originalentwürfen aus der Zeit Ende der 20er-Jahre von Hand angefertigt werden.

Die Köpfe würden aus gut abgelagertem Lindenholz geschnitzt und danach bemalt, erzählt Gino Kaselowsky. Zum Schluss bekämen die Figuren ihre charakteristische Kleidung maßgeschneidert angepasst. „Das ist ihr Markenzeichen.“ Die Tradition bewahren, das ist den beiden Puppenspielern eine Herzensangelegenheit – in vielfacher Weise. Nicht nur bei den Figuren, auch bei ihren Stücken. Sicherlich könnten sie Geschichten von Kinderlieblingen wie dem Raben Socke mit ihren Holzfiguren erzählen, räumt Gino ein. „Wir bleiben aber lieber beim Kasper. Es gibt so viele Abenteuer, die er erleben kann, ob mit Prinzessin oder Hund Schnuffel, dass wir ihm gerne treu bleiben.“

Und damit nicht zuletzt auch der Familientradition. Denn Kaspertheater wird nach seiner Aussage schon in der siebten Generation gespielt. Damit hat sich die ursprünglich auf Zirkus fixierte große Schaustellerfamilie im Winter ihr Brot verdient. Er selbst hat als Zwölfjähriger zum ersten Mal Daumen, Zeige- und Mittelfinger für eine Vorstellung in eine Handpuppe gesteckt, verrät Gino Kaselowsky. In der Spielpause hätte sich sein Vater Ludwig vor die Bühne gesetzt, da durfte er den Seppel spielen. „Der Seppel ist wie ein Clown im Zirkus, der darf auch mal etwas Falsches sagen“, erinnert sich der 26-Jährige an seine ersten Vorspiele zurück. „Und im Stück mit dem Räuberwald gab es ein Wildschwein, das durfte ich pupsen lassen.“

Das erste Stück, das er als 19-Jähriger mit seinem Bruder allein auf die Bühne gebracht hat, war die Geschichte, die auch seine Eltern schon mit Kasperpuppen erzählt haben. Darin ist Seppel der Bösewicht, der Gretels Geschenk mopst.

Vor zwei Jahren haben sich Gino und sein Cousin Rickardo Kaselowsky mit ihrem Puppentheater selbstständig gemacht, das allein schon durch eine nostalgische Fassade mit Holzzaun und zwei Zirkuszelten Neugier weckt. Seither touren sie vom Ruhrgebiet aus durch die Lande.

„Wir sind da so reingeboren, auf einem Platz groß geworden und reingewachsen“, sagen sie und versichern, eine Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben. Ginos beiden kleinen Söhne und seine Frau Chantal, die für die Werbung und den Kioskverkauf zuständig ist, sind mit von der Partie.

Zuschauer spielen immer mit

Lacher oder Zurufe aus den Zuschauerreihen und vor allem strahlende Kinderaugen sind der schönste Lohn für die beiden Handpuppenspieler. Selbst bei Eltern, Großeltern oder Senioren im Publikum beobachten sie verzückte Reaktionen in dem Moment, wenn sie sich durchs Kaspertheaterspiel in ihre Kindheit zurückversetzt fühlen und in Erinnerungen schwelgen.

Dass Puppenspiel keine Zukunft hat, weil sich Kinder heute in ihrer Freizeit zusehends mit PC und Smartphone beschäftigen, können sich Gino und Rickardo Kaselowsky nicht vorstellen. „Sobald das Glöckchen erklingt und der Kasper ruft: Seid Ihr alle da?, sind alle ins Spiel reingezogen“, stellt Gino Kaselowsky mit Genugtuung fest. „Und wenn der Räuber kommt, schreien alle auf, warnen den Kasper.“

Um das Publikum zu begeistern, müsse man allerdings redegewandt sein – und vor allem spontan, wissen die beiden Akteure von der Poesie-Puppenbühne. „Die Kinder stellen viele Fragen“, sagt Gino Kaselowsky und versichert: „Wir wollen ihnen gerecht werden.“ Mit jeder Aufführung ihrer selbst erdachten Geschichten würden sie sicherer, freier im Text und könnten spontan Passagen ändern. „Zwischenrufe bringen uns nicht mehr aus dem Konzept.“

Bei dieser Aussage kommt ihm eine unvergessliche Aufführung in den Sinn. Die Mädchen und Jungen sollten raten, was Kasper dem Seppel zum Geburtstag schenkt. Als groß und braun wurde es beschrieben. „Scheiße“, entfuhr es einem Knirps spontan. „Das ganze Publikum hat losgeprustet, die Mutter war peinlich berührt, und wir mussten uns zusammenreißen und das Lachen verkneifen“, erzählt Gino. Gemeint hatte er einen Hasen.

Kaselowskys Kaspertheater gastiert bis zum 17. April am Roland-Center, Alter Dorfweg 30-50. Das Stück „Gretel hat Geburtstag“ für Zuschauer ab zwei Jahren wird am Donnerstag und Freitag, 14. und 15. April, um 16.30 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag, 16. und 17. April, 11 und 15 Uhr, gespielt. Der Eintritt kostet für Kinder acht, für Erwachsene neun Euro.

Großmutter, Kasper und Wachtmeister Dimpfelmoser – aus ihrer Schatzkiste holen Chantal und Gino Kaselowsky drei Hohensteiner Handpuppen, die seit Jahrzehnten nach Originalvorlage von Hand gefertigt werden. Traditionen bewahren ist eine Herzensangelegenheit für die ganze Familie.

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