Lust auf Geschichte Fingerzeig vom Vizekanzler

Bremen. Ludwig Erhard kam im August 1961 im Bundestagswahlkampf nach Bremen, um der Stadt Mut zu machen. Die hatte gerade die Borgward-Pleite erlebt. Diese Krise steckte die Stadt gut weg. Die Wirtschaft florierte.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerrit Reichert

Bremen. Es ist der 10. August 1961 in Bremen. Die heiße Phase zur Wahl des vierten Deutschen Bundestages hat begonnen. An diesem Donnerstag ist der legendäre "Vater des Wirtschaftswunders", Ludwig Erhard, auf Wahlkampftournee an der Weser. Am Vormittag trifft der 64-Jährige mit dem Zug auf Gleis 26 am Bremer Hauptbahnhof ein, dem "Prominentengleis", wie das etwas abseitige Gleis oberhalb des Rembertitunnels allgemein genannt wird.

Das mobile Telefonieren muss an diesem Tag für den Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister in Bremen erfunden worden sein: Entlang des Gleises 26 wurden eigens mehrere Telefonapparate installiert, mit denen Ludwig Erhard nicht seine erste, sondern seine zweite Amtshandlung auf bremischem Boden vornehmen kann.

Seine erste Amtshandlung ist das Entzünden einer seiner berühmten Zigarren noch in der Wagentür des Salonwagens "Hamburg". Etwa 20 raucht er davon pro Tag. In Bremen kommt eine 21. hinzu: Beim vormittäglichen Empfang in der Handwerkskammer, zu dieser Zeit noch dem "Gewerbehaus", wird dem Bundeswirtschaftsminister ein besonders großes Exemplar von der Schornsteinfegerinnung überreicht. Bis zum frühen Abend wird Ludwig Erhard nacheinander den Europahafen, Kaffee Schilling auf dem Teerhof und das Essighaus in der Langenstraße besuchen.

Konkursverfahren gegen Borgward

Es ist Feierabend in der Stadt, als Ludwig Erhard auf dem Domshof spricht. Ein kühles Atlantiktief ist tags zuvor erst abgezogen. Einige Tausend Bremer, nur wenig Bremerinnen, wollen bei angenehmen 20 Grad den Mann mit der Zigarre sehen und hören. "Freiheit" ist der plakative Slogan der Bundes-CDU im Wahlkampf 1961, doch Ludwig Erhard ist in Bremen, wo sich seit Monaten viele Menschen gar nicht mehr so frei fühlen. Denn vor wenigen Tagen erst, Ende Juli, wurde das Konkursverfahren gegen die Borgward-Gruppe eröffnet.

Das Thema erschüttert seit der Jahreswende 1960/1961 die Hansestadt. Der plötzliche und unerwartete Verlust von 20000 Arbeitsplätzen, der Verlust der stolzen Automarke - es scheint, der Verlust beende die Nachkriegsära, die keine Verluste kannte - bislang nicht. Zuletzt hatte die Bundesregierung der Bremer Hoffnung, dass Bonn rettend in die Bresche springen könnte, eine deutliche Absage erteilt, namentlich der zuständige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Nun, am 10. August 1961, auf der Wetterscheide zwischen sorgenfreiem Gestern und ungewissem Morgen, spricht in Bremen genau dieser Mann.

"Der Dicke", wie Ludwig Erhard gutmütig gerufen wird, spricht ohne Zigarre und ohne Manuskript. Mit geradem Blick und geradem Körper doziert er selbstbewusst das Credo seines Lebens, die soziale Marktwirtschaft. Während seine Linke lässig in der Sakkotasche seines braunen Sommeranzuges steckt, zeigt der Zeigefinger der rechten Hand Richtung Publikum, stößt Richtung Publikum, unterstreicht die Lehrsätze des Professors für Ökonomie. Es war sein Zeigefinger, der Nachkriegsdeutschland den ökonomischen Weg gewiesen hat und der keinen Zweifel kennt. Ludwig Erhard glaubt an diesen Zeigefinger, unerschütterlich.

Den vielen Menschen, sicherlich auch dem ein oder anderen Borgward-Arbeiter, ruft dieser Zeigefinger nun entgegen, dass sich auch und gerade durch das Aus von Borgward die "Richtigkeit der sozialen Marktwirtschaft" bewährt habe, denn es könne nur bestehen, "wer sich ständig neu bewähre und sich stets den Wettbewerbsverhältnissen anpasse". Borgward habe das eben nicht getan, die Unternehmensgruppe hätte sich nicht der freien Marktwirtschaft angepasst, hätte über seine Verhältnisse gelebt und Autos gebaut, "die von der Norm abwichen".

Entsprechend hätte er, Ludwig Erhard, schon zu Jahresanfang Bürgermeister Wilhelm Kaisen ausdrücklich davor gewarnt, das Unternehmen Borgward zu retten. Und das sei für die "schwarze" Bundesregierung keine politische Entscheidung gegen das "rote" Bremen gewesen, wie an der Weser gerne behauptet würde, sondern eine rein ökonomische, aus marktwirtschaftlicher Überzeugung heraus. Genauso "überzeugt" zeigt sich denn auch der Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister mit Blick auf die Zukunft Bremens, dass sich dessen wirtschaftliche Struktur wieder bessern würde, wenn man sie nur auf eine breitere Basis stellte. Noch einmal, an diesem 10. August 1961, weist Ludwig Erhards Zeigefinger die Richtung.

Zeitenwende

Als hätte der "Vater des Wirtschaftswunders" den Geist der 1950er Jahre in die 1960er Jahre getragen, gelingt es den wenig später entlassenen 20000 Borgward-Mitarbeitern tatsächlich, in nur wenigen Wochen neue Arbeit zu finden. Dass es so kommen würde, davon scheint Ludwig Erhard am 10. August 1961 auf dem Domshof überzeugt. Dennoch, als um Punkt 18.30 Uhr seine Wahlrede endet, wird auch das Ende seiner Ära eingeleitet.

Während Ludwig Erhard im Salonwagen entschwindet, rollt ihm ein neues Zeitalter entgegen. Nur 48 Stunden später, am frühen Morgen des 13. August 1961, riegeln Truppen der DDR die Berliner Sektorengrenze ab und der Bau der Berliner Mauer beginnt. Mit "dem Dicken" war am 10. August 1961 die Vergangenheit zu Gast in Bremen. Stunden später würde das klar sein.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+