Timo Miettinen und Marianna Uutinen geben sich im Museum die Ehre

Finnische Künstler in der Weserburg

Alte Neustadt. Timo Miettinen zeigt sich begeistert vom Panorama der Hansestadt am Fluss im klaren, frostigen Frühlings-Abendlicht. „Bremen ist magisch!“, schwärmt der prominente finnische Sammler mit Blick auf das Treppenkunstwerk von Sol LeWitt, dem Hingucker auf der Bürgermeister-Smidt-Brücke.
08.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer
Finnische Künstler in der Weserburg

Kurator Ingo Clauß (von links), Direktor Peter Friese, Künstlerin Uutinen Marianna und Sammler Timo Miettinen.

Walter Gerbracht

Alte Neustadt. Timo Miettinen zeigt sich begeistert vom Panorama der Hansestadt am Fluss im klaren, frostigen Frühlings-Abendlicht. „Bremen ist magisch!“, schwärmt der prominente finnische Sammler mit Blick auf das Treppenkunstwerk von Sol LeWitt, dem Hingucker auf der Bürgermeister-Smidt-Brücke. Das ist schon mal eine Ansage des leidenschaftlichen Kunstliebhabers, dessen Wahlheimat das in der Kunstszene tonangebende Berlin ist. 2010 kaufte Miettinen ein Berliner Gründerzeithaus und etablierte in seinem Domizil in der Marburger Straße 3 den renommierten Salon Dahlmann, mit dem er an die Salonkultur des Fin de siècle anknüpft. Der Showroom für zeitgenössische Kunst, der wie ein kleines Museum professionell kuratorisch betreut wird, ist für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ohne dass man dort Eintritt zahlen müsste, wird dort beispielsweise bis Sonnabend, 13. Mai eine Retrospektive von Tom of Finland gezeigt. Die einstmals provozierende, homoerotische Statement-Kunst des finnischen Zeichners und Designers, der damit in den 1950er-Jahren über Nacht zum Star wurde, ist auch in der aktuellen Ausstellung „Dreamaholic“ in der Weserburg zu sehen.

Für Timo Miettinen ist es durchaus „politische Kunst, Tom of Finland ist ein Vorreiter der Schwulen-Befreiung“, sagt er. Der Sammler hat aber auch ein explizites Faible für die feministische Kunst beispielsweise einer Aurora Reinhard.

Visionäres Potenzial

Und geradezu visionäres Potenzial ließe sich der kunterbunten Collage aus gemalten Cornflakes-Packungen bescheinigen, der Jani Leinonen 2012 den Titel „Truth or lie“ - Wahrheit oder Lüge gab. In großen Lettern ist darauf die Frage zu lesen: „Do you want the truth, that hurts or the lie, that comforts?“ Das wirkt wie ein Kommentar zur „Fake news“-Debatte von Donald Trump.

„Dreamaholic“ – der Name der Ausstellung, die bis 27. August in dem Museum für moderne Kunst läuft, ist Programm, er bezieht sich auf das träumerische Potenzial der Kunst und ist einem Kunstwerk von Jani Hänninen entliehen. Die Werke von Tom of Finland sind lediglich eine Position der umfangreichen Kollektion zeitgenössischer Kunst, die Timo Miettinen gesammelt hat. Der bedeutende Kunstsammler hat mit seiner Familie und seiner Frau Iiris Ulin rund 800 Werke zusammengetragen. Miettinens Credo ist der künstlerische Austausch zwischen Deutschland und Finnland.

Als Peter Friese, Direktor der Weserburg, und sein Kurator Ingo Clauß Timo Miettinen kennenlernten, war das offenbar eine glückliche Fügung für beide Seiten. Über die „Jazzahead!“, deren diesjähriges Partnerland Finnland gewesen ist, kam der Kontakt zum Finnlandinstitut in Berlin und schließlich zu dem finnischen Unternehmer zustande. Das Museum für moderne Kunst kooperiert seit Jahren mit der internationalen Jazzmesse. Die Chemie zwischen Miettinen und der Weserburg stimmte auf Anhieb. Auch in dieser Hinsicht scheint Bremen für den Kunstsammler „magisch“ zu sein.

Und deshalb ist Tim Miettinen inzwischen eifrig dabei, gemeinsam mit Bremens Museum für moderne Kunst neue Pläne zu schmieden. Damit soll die Intention fortgesetzt werden, Kunstfreunde und die es noch werden wollen, mit bisher kaum bekannten finnischen Künstlern vertraut zu machen.

Die Finnen, die am 6. Dezember 2017 den 100. Geburtstag ihrer Nation feiern, sind wie ihre nordischen Nachbarn, die Schweden und die Norweger, ein ausgesprochen unkompliziertes, lockeres, aufgeschlossenes und herzliches Völkchen. Und genauso konnte man Timo Miettinen jüngst in der sehr gut gefüllten Weserburg anlässlich der Vorstellung des Katalogs zur „Dreamaholic“-Ausstellung und der Eröffnung des Künstlerraums der hochkarätigen finnischen Künstlerin Marianna Uutinen erleben. Sie ist mit einigen Werken bereits in der Weserburg vertreten. Bereits 1997 repräsentierte sie Finnland auf der Biennale di Venezia.

Auf Miettinens besonderen Wunsch ist nun eigens für eine seiner Lieblingskünstlerinnen ein Künstlerraum mit ganz frisch entstandenen, sehr spannenden Positionen eingerichtet worden, die neben älteren Werken wie dem großformatigen, mit dynamisch-intensivem, expressivem Pinselstrich gemalte „Big Bang“ von 2011, das, wie der Titel schon sagt, von explosiver Farbigkeit ist. Auf der schwarz grundierten Leinwand, die sich in Faltenwürfen und Knickungen förmlich aufzubauschen scheint, so Ingo Clauß, schillern Neon-Pink, Gold und Silber. Auf einem anderen Werk hat Uutinen Kaskaden von Glitter ausgeschüttet, sodass es nur so in Grünsilbern funkelt.

Ästhetischer Reichtum

Timo Miettinen, der das Werk der Künstlerin lang und intensiv begleitet hat, vergleicht die neuesten Werke von Marianna Uutinen, die in Helsinki und Berlin lebt, mit den kühlen Raum-Licht-Installationen des US-amerikanischen Künstlers James Turrell. Ingo Clauß pries in seiner Laudatio den „ästhetischen Reichtum“ der nur auf den ersten Blick monochrom wirkenden, flächigen Werke mit ihrer spiegelnden, irisierenden Oberfläche von raffinierter Textur. „Je nach Tages- und Lichtstimmung changiert die Farbe von Weiß ins Hellviolett“, so Ingo Clauß. „Die Künstlerin gießt und verschüttet Acrylfarben in mehreren Lagen auf die am Boden liegende Leinwand“. Neben Marianna Uutinen hatte Miettinen mal so eben flockig locker mit Ola Kohlemainen einen weiteren arrivierten finnischen Künstler mit nach Bremen gebracht, der seine teilweise farbintensiven konstruktivistischen Fotoarbeiten erläuterte.

Die international renommierte, finnische Jazz-Pianistin und -Komponistin Iro Haarla, die auch Harfenistin ist, rundete den Abend in Anwesenheit von Essi Kalima vom Finnland-Institut in Berlin ab. Die Tochter einer Opernsängerin schloss 1979 ihr Studium an der Sibelius Akademie ab und wurde 2006 von der finnischen Jazz-Akademie zur Künstlerin des Jahres gekürt.

Iro Haarla intonierte, in eine meergrüne Tunika gewandet, ihre eigenen Kompositionen: Versonnene, meditative Klänge, so klar wie ein Gebirgsbach, die zum Träumen verführten.

Sie entlockte dem Flügel wie Tautropfen perlende, glitzernde Glissandi und von zarter Melancholie geprägte Harmonien, die tiefgründig und poetisch wie Sterne aus dem Dunkel aufleuchteten. So irisierend und flirrend wie die monumentalen Kunstwerke von Marianna Uutinen.

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