Altstadt „Fleißige Lieschen werden nicht belohnt“

Altstadt. Das Abendessen sollte eine berufstätige Frau schon einen Tag vorher zubereiten, damit es auch fertig ist, wenn der Mann nach Hause kommt. „Es ist ein Bedürfnis, an ihn zu denken, und es sollte eine Zufriedenstellung sein, für ihn zu sorgen“, liest Christiane Börger Regeln im Club zu Bremen vor, wie sie Ehemänner ihren Frauen vorgegeben haben.
30.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Schulze

Das Abendessen sollte eine berufstätige Frau schon einen Tag vorher zubereiten, damit es auch fertig ist, wenn der Mann nach Hause kommt. „Es ist ein Bedürfnis, an ihn zu denken, und es sollte eine Zufriedenstellung sein, für ihn zu sorgen“, liest Christiane Börger Regeln im Club zu Bremen vor, wie sie Ehemänner ihren Frauen vorgegeben haben. „Dieser Rollenstereotyp hält sich hartnäckig in einigen Köpfen“, sagt die Gender-Expertin. Nach einer immer noch verbreiteten Überzeugung gehen Frauen nur arbeiten, um dazu zu verdienen. „Es dauert lange, dieses Bild zu überwinden.“

Tatsächlich verdienten Frauen im Jahr 2011 laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt rund 22 Prozent weniger als Männer. In Bremen sind es sogar 25 Prozent. Der „Equal Pay Day“ markiert symbolisch den Tag, bis zu dem Durchschnittsverdienerinnen zusätzlich arbeiten müssten, um auf das Durchschnittsjahresgehalt eines Mannes zu kommen. Der Frauenclub Business and Professional Women hat den Vortragsabend im Club zu Bremen ausgerichtet. Dagmar Geffken, die Vorsitzende, hatte Christiane Börger gewinnen können, die für ihre erfrischend polemische Art bekannt ist.

Christiane Börger hat analysiert, was passiert, wenn eine Frau Gehaltsverhandlungen führt. Denn Frauen ticken aus ihrer Sicht anders als Männer. Um Geld zu feilschen oder sich besonders in den Vordergrund stellen, das machen viele Frauen einfach nicht, ist Börgers Erfahrung. Frauen sind eher auf dem Trip, ein faires Spiel führen zu wollen. „Frauen wollen beliebt sein“, sagt Christiane Börger, „sie setzen sich nicht durch, und fordern selten mehr Geld. Sie denken, dass sie bessere Chancen haben, wenn sie billig sind.“

Auf der anderen Seite könnte mit ihnen etwas nicht stimmen, wenn sie sich unter Wert verkaufen. „Männer haben keine Angst vor einem Risiko oder Misserfolg. Sie lassen sich auf eine Diskussion ein“, sagt der weibliche Coach. Männer fordern weit mehr Gehalt, als ihnen zustehen würde, und bekommen am Ende deswegen mehr als eine Frau, die zu niedrig gepokert hat. Frauen halten sich zu oft im Hintergrund auf, davon ist Christiane Börger überzeugt. Sie spricht von einer „Bringschuld“. Sie glauben, dass ihre Leistung zur Geltung kommt und ihre gute Arbeit für sich alleine spricht. Geld scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Gerechtigkeit sieht aber anders aus.

In der Arbeitswelt herrschen andere Spielregeln, die Frauen nicht kennen oder noch nicht verstanden haben, davon ist Börger überzeugt. „Frauen müssen das wissen, sonst suchen sie in einer falschen Schublade.“ Sie müssen anders auftreten und ihre Angst überwinden. Bescheidenheit bringt eine Frau nicht weiter. „Das fleißige Lieschen gibt es nicht, das wird nicht belohnt.“

„Es gibt zwei große Verheizungen: Gleichheit und Freiheit“, betont Staatsrat Matthias Stauch. Und diese Gleichheit sei unabhängig von Religion, Aussehen oder Geschlecht. Um gleiche Voraussetzungen zu schaffen, gibt es den sogenannten „eg-check“, ein Modellprojekt mit mittelständischen Unternehmen. Ziel ist eine Prüfung des Entgelts nach den rechtlichen Vorgaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) und des europäischen Rechts zur Entgeltgleichheit. Außerdem sei in Bremen gesetzlich verankert, dass Transparenz geschaffen werden soll, sagte Stauch. Das sei natürlich ein Prozess, der sich erst noch durchsetzen müsse. „Ich bin dabei, weil ich es für eine zentrale Gerechtigkeitsfrage halte.“ Es existiere einfach eine Gehaltslücke, die durch nichts begründet sei, lediglich durch das Geschlecht. Für gleiche Arbeit muss es gleichen Lohn geben, dass steht für ihn fest, denn sonst sei die Gleichheit nicht hergestellt.

Das empfindet auch Andreas Kottisch so. Ihm als Vater von drei Töchtern sei diese Art der Diskriminierung unerträglich, versicherte er. Mädchen und Frauen seien aus seiner Sicht extrem leistungsfähig. „Mädchen haben richtig was drauf.“ Andreas Kottisch will sich auch als Vorsitzender des Wirtschaftsforums Bremen/Nordwest (WBN) für einen Perspektivwechsel einsetzen. „Frauen sind oft nett und zurückhaltend“, ist sein Eindruck. „Aber letztendlich kochen alle nur mit Wasser.“ Darüber hinaus nehmen inzwischen nicht nur Mütter eine berufliche Auszeit nach der Schwangerschaft, sondern häufig auch die jungen Väter. Und haben vielleicht auch das Essen fertig, wenn sie nach Hause kommt.

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